Panorama

Massenselbstmord vor 40 Jahren Jonestown: Endstation Paradies

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Sekten-Anführer Jim Jones kontrolliert das Leben in Jonestown und befiehlt schließlich den Massenselbstmord, bei dem auch er stirbt.

(Foto: AP)

Im November 1978 sterben in Guyana mehr als 900 Sektenmitglieder beim Massenselbstmord des "Peoples Temple". Der paranoide Prediger Jim Jones gibt am Ende den tödlichen Befehl. Aber wieso sind ihm so viele gehorsam?

"Sterbt mit Respekt. Sterbt mit Würde. Sterbt nicht mit Tränen! Kinder, es wird nicht wehtun, wenn ihr still seid." Mit diesen Worten befiehlt Jim Jones am 18. November 1978 seinen Anhängern, einen Giftcocktail zu trinken und sich das Leben zu nehmen. Tief im Dschungel von Guyana, in einer Siedlung namens Jonestown, folgen Hunderte Menschen diesem tödlichen Befehl. Eltern vergiften ihre Kinder und setzen anschließend selbst den Becher an ihre Lippen. Mehr als 900 Mitglieder der US-amerikanischen Sekte "Peoples Temple" sterben an diesem Tag. Darunter sind mehr als 300 Kinder und Jugendliche.

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Blick auf Jonestown kurz nach dem Massenselbstmord im November 1978.

(Foto: AP)

Es ist ein Ereignis, das weltweit Entsetzen auslöst. Auch nach 40 Jahren kann man nur fragend zurückblicken, weil es nach menschlichen Maßstäben fast nicht begreifbar ist: Warum machen Hunderte Menschen das, was ein paranoider, kranker Mann sagt? Wie sind Eltern in der Lage, ihren Kindern so etwas anzutun? Um das zu verstehen, muss man bereits auf die Anfänge der "Peoples Temple"-Bewegung schauen.

Der Traum von der perfekten Welt

Eigentlich beginnt alles ganz harmlos und unscheinbar. Im Jahr 1955 gründet der protestantische Pastor Jim Jones in Kalifornien die Gemeinde "Peoples Temple". Er hat eine Vision von einer gerechten Welt, in der es keine Unterschiede gibt. Nicht zwischen arm und reich, nicht zwischen Mann und Frau, nicht zwischen Schwarz und Weiß. Die Gleichheit aller Menschen steht für ihn an erster Stelle. Mitglieder werden zum Beispiel gebeten, in legerer Kleidung zu den Gottesdiensten zu kommen, damit sich diejenigen, die sich keine teuren Anzüge leisten können, nicht benachteiligt fühlen.

Vor allem durch seine charismatischen Predigten zieht Jones Tausende Menschen an. Und schon damals zeigt sich, wie er es schafft, seine Anhänger an sich zu binden: Er lässt jeden Einzelnen glauben, er sei wichtig für ihn und unersetzbar, wenn es darum geht, das große Ziel einer gerechten, sozialistischen Welt zu erreichen. Jones verschafft sich aber auch durch Lügen und Manipulationen das Vertrauen seiner Anhänger: So stellt er sich als Wunderheiler dar, wenn er in Gottesdiensten Menschen von ihren Krankheiten befreit. Wie sich später herausstellt, sind viele dieser angeblichen Heilungen inszeniert.

Mit der Zeit wird die Gemeinschaft vielen Außenstehenden immer suspekter. "Peoples Temple" kapselt sich immer mehr von der Außenwelt ab. Und Jim Jones wendet sich innerlich immer mehr vom Christentum ab. Das kann man an seinen Predigten sehen, wenn er dort Sätze sagt wie: "Sozialismus ist unser Gott!" Zudem etabliert er in der Gemeinschaft eine "Wir gegen die"-Mentalität, in der alles außerhalb der Gruppe böse ist.

Immer häufiger kommen auch kritische Berichte über die Gemeinde in die Schlagzeilen der Medien. Ehemalige Mitglieder berichten davon, dass sie dazu gezwungen worden seien, ihren Besitz aufzugeben, teilweise sogar das Sorgerecht an ihren Kindern. Es gibt Berichte über physischen, emotionalen und auch sexuellen Missbrauch. Der öffentliche Druck auf Jones steigt, er wird zunehmend paranoider, sieht überall Feinde und Versuche, ihn umzubringen.

Flucht nach Guyana

1974 ist es soweit: "Peoples Temple" kauft ein Grundstück tief im Dschungel von Guyana. In diesem kleinen südamerikanischen Land östlich von Venezuela will Jones ein sozialistisches Paradies auf Erden errichten. Im Sommer 1977 wandert der Prediger mit rund 1000 seiner Anhänger dorthin aus.

Über den Autor

Fabian Maysenhölder ist evangelischer Theologe und Journalist. In seinem Podcast secta.fm beschäftigt er sich mit Sekten und religiösen Sondergemeinschaften. Auch mit "Peoples Temple" und Jim Jones hat er sich intensiv auseinandergesetzt.

Hier, beim Neuanfang in einem fremden Land, sind seine Anhänger ihm völlig ausgeliefert. Abgeschottet von der Außenwelt, ohne Perspektiven auf ein Leben außerhalb der Kommune, ist "Peoples Temple" alles, was den Mitgliedern Halt im Leben geben kann. Jim Jones nutzt das aus: Er verstärkt die Abhängigkeit seiner Mitglieder durch psychologische Tricks. So müssen sie ihm regelmäßig intime Details beichten - ein Wissen, das Jones gegen seine Anhänger in der Hand hat. Bewohner der Kolonie sind angehalten, sich gegenseitig zu beobachten und Verstöße gegen die strengen Regeln in Jonestown zu melden. Informationen dringen nur über Jim Jones in die Kommune oder aus ihr heraus. Der paranoide und zu dieser Zeit bereits aufgrund seines Drogenkonsums schwer kranke Prediger - er putscht sich mit Amphetaminen auf - hat die totale Kontrolle über alles, was in der Kommune passiert.

In regelmäßigen Drills, den sogenannten "White Nights", stellt Jones zudem die Loyalität seiner Anhänger auf die Probe. Dabei handelt es sich um Katastrophenübungen, die den Ernstfall simulieren sollen: den Einmarsch der faschistischen Feinde, also vorrangig der USA, in Jonestown. Dabei fordert er seine Anhänger auf, zum Äußersten zu gehen und sich mit dem Trinken eines Giftcocktails das Leben zu nehmen, um der feindlichen Übernahme zu entgehen. Nur: Bei den Übungen ist nie Gift in den Bechern. Anders als am 18. November 1978.

Viele Faktoren führen zum unbegreiflichen Ende

Die tragische Novembernacht 1978 lässt sich nur vor all diesen Hintergründen verstehen. Von Beginn an, als "Peoples Temple" noch eine christlich-sozialistische Gemeinde ist, versteht Jones es, seine Anhänger emotional in einer Weise an sich zu binden, die man sich kaum vorstellen kann.

In Jonestown schließlich, im Dschungel von Guyana, entwickelt sich daraus eine Abhängigkeit, bei der den Anhängern jegliche Perspektive auf ein Leben außerhalb der Kommune genommen wird. Die Angst vor dem, was angeblich außerhalb der Zäune wartet, ist groß. "Sie werden eure Kinder quälen" - auch das ist ein Satz, den Jim Jones in der Nacht vom 18. November seinen Anhängern zuruft. Nur vier Menschen, die während der Aktion dabei sind, überleben das Massaker. Drei Männer entscheiden sich bewusst, das Gift nicht zu trinken. Eine Frau schläft, während die anderen die Becher leeren.

Bei all diesen Erklärungsversuchen bleibt dennoch ein fahler Beigeschmack, denn letztlich begreifbar wird das, was passiert ist, aus einer Beobachterperspektive nicht. Und dabei sind noch ganz andere Fragen unbeantwortet, und sie werden es immer bleiben: Wie freiwillig haben die Menschen in Jonestown gehandelt? Kann man bei einer solchen psychischen Abhängigkeit und Gruppendynamik überhaupt von Freiwilligkeit reden?

Sicher ist: Bei den Kindern und Minderjährigen nicht, sie können die Tragweite dessen, was sie tun, nicht einmal ansatzweise begreifen. Und was ist mit den bewaffneten Wachen, die in dieser Nacht anwesend sind? Haben sie ihre Waffen gezückt und auf die Sektenmitglieder gerichtet? Wird aus dem Massenselbstmord so am Ende ein Massenmord? Auch nach 40 Jahren bleibt das ernüchternde Fazit: Wie genau die Nacht vom 18. auf den 19. November in Jonestown abgelaufen ist, weiß niemand.

Falls Sie mehr zum Jonestown-Massaker hören möchten, hören Sie rein in die aktuelle Ausgabe von "Wieder was gelernt", dem Podcast von n-tv.de.

Quelle: ntv.de