Panorama

Fragen und Antworten Mit noch mehr Tests gegen das Virus

Eine Laborantin führt Tests auf das Coronavirus durch. Foto: Sven Hoppe/dpa/Symbolbild

Eine Laborantin führt Tests auf das Coronavirus durch.

(Foto: Sven Hoppe/dpa/Symbolbild)

Deutschland ist recht gut darin, möglichst viele Menschen zu testen - auch wenn das mitunter nicht den Eindruck macht. Jetzt sollen die Testkapazitäten weiter ausgeweitet werden. Was wird das bringen? Fragen und Antworten dazu.

In der Diskussion über notwendige Maßnahmen zur Bewältigung der Corona-Krise wird der Ruf nach mehr Tests immer lauter. Auch das Bundesinnenministerium hat nun in den Chor eingestimmt. Über Erwartungen, Gründe, Risiken und Grenzen.

Warum will Bundesinnenminister Horst Seehofer mehr testen lassen?

Die Bundesregierung setzt darauf, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit sich Kliniken, niedergelassene Ärzte und Labors besser vorbereiten können. Konkret heißt das zum Beispiel, mehr Beatmungsgeräte und Schutzkleidung beschaffen, mehr Intensivbetten zur Verfügung stellen. Das ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Deshalb hat man mit Kontaktverboten und Einreisebeschränkungen relativ strikte Maßnahmen ergriffen. Im Innenministerium gibt es zudem die Überlegung, dass mehr Menschen einen Corona-Test machen sollten. Wer positiv getestet wird, käme dann je nach Zustand in häusliche Quarantäne oder in eine speziell für Corona-Patienten vorgesehene Klinik-Abteilung.

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Ist das mit den vielen Tests nicht ein riesiger Aufwand?

Doch. Allerdings setzt man im Innenministerium auf Schnell- und Selbsttests. Außerdem sollen tiermedizinische Labors, Universitätslabors und andere Einrichtungen, die technisch in der Lage sind mitzumachen, hier eingebunden werden.

Wie ist die gesundheitspolitische Sicht?

Gesundheitsminister Jens Spahn betont, dass die Kapazitäten schon hochlaufen und im internationalen Vergleich enorm sind - mit wöchentlich möglichen 300.000 bis 500.000 Tests. Dabei sei beides richtig: "Wir wollen viel testen, aber zielgerichteter testen." Das zeige sich auch daran, dass bisher rund zehn Prozent der Ergebnisse positiv seien. Das Robert-Koch-Institut hat seine Empfehlungen aber auch schon erweitert und nennt nicht mehr Aufenthalte in speziellen Risikogebieten als Test-Grund. Die Kassenärzte mahnen jedoch weiter, nun nicht Gesunde ohne Symptome auf breiter Front zu testen. Auch bei neuen Schnelltests sind sie wie Spahn aus fachlicher Sicht abwartend.

Wird denn jetzt schon wirklich jeder getestet, der Symptome hat?

Nein. Wenn jemand aufgrund eines Kontakts zu Infizierten oder nach der Rückkehr aus einem Risikogebiet vom Gesundheitsamt in Quarantäne geschickt wird, wird er nicht unbedingt getestet. Auch mit Blick auf begrenzte Kapazitäten. Das gilt auch für Menschen, die nur leichte Symptome haben - zum Beispiel etwas erhöhte Temperatur und leichten Husten.

Was halten Wissenschaftler von Schnelltests, wie sie jetzt von Bosch entwickelt wurden?

Es gibt eine Reihe von Stimmen, die das Verfahren als sehr material- und kostenaufwendig kritisieren. Ein Gerät könne zudem selbst im 24-Stunden-Betrieb nur 10 Proben am Tag auswerten, sagte etwa Matthias Orth, Chefarzt am Institut für Labormedizin am Marienkrankenhaus in Stuttgart. Für Krankenhäuser und Arztpraxen sei ein solches Gerät darum nicht geeignet. Auch von den nun an vielen Stellen angebotenen Antikörper-Schnelltests aus einem Bluttropfen rät der Experte ab. Im Gegensatz zu den sogenannten PCR-Tests, die eine Infektion nachweisen, wird das Blut bei diesen Tests auf Antikörper untersucht. Ob die nachgewiesenen aber tatsächlich Antikörper gegen das neuartige Coronavirus und nicht etwa gegen ein anderes Grippevirus sind, lasse sich nicht mit Sicherheit sagen, so Orth.

Wäre es sinnvoll, medizinisches Personal und alle, die in der Altenpflege arbeiten, regelmäßig zu testen?

In Italien und Spanien ist die Infektionsrate bei medizinischem Personal bereits besonders hoch. Schnelltests könnten eine Möglichkeit sein, um Personen mit einem gewissen Risiko zu untersuchen. Andere erhoffen sich von den regelmäßigen Tests vor allem epidemiologische Erkenntnisse über die Durchseuchung. Eine Aussage über einen sicheren Schutz für den Einzelnen liefere das aber nicht, sagt Orth. Derzeit sei noch nicht sicher, ab welcher Konzentration die Antikörper tatsächlich auch einen Schutz vor einer Infektion böten. Unklar sei auch, ob oder wie häufig man sich erneut anstecken kann.

Und was ist mit Lehrern - könnte das ein Weg sein, Schulen in einigen Wochen wieder zu öffnen?

Experten sind sich uneinig, ob die Größenordnung an notwendigen Tests so schnell verfügbar sein könnte. Andere stellen den Nutzen allgemein in Frage. Ein Argument: Schulen seien nicht geschlossen worden, um Lehrer zu schützen, sondern um die Weiterverbreitung einzudämmen. Kinder sind besonders effektive Weiterverbreiter. Für Lehrer kann es zudem risikant sein, sich mit den vielen Schülern zu umgeben.

Was hat das zu tun mit der Debatte um die Handy-Ortung?

Es geht darum, Infizierte und Nicht-Infizierte für eine Zeit zu trennen. Technisch ist es möglich, wenn man Handy-Standortdaten nutzt, um zurückzuverfolgen, wer sich während der Inkubationszeit in der Nähe eines Menschen aufgehalten hat, bei dem eine Corona-Infektion festgestellt wurde. So findet man nicht nur die Tante, mit der man am Tisch gesessen hat, sondern auch den Paketboten und die Apothekerin, bei der man das Grippemittel gekauft hat. Immer vorausgesetzt, die Kontaktpersonen sind auch Handy-Nutzer.

Kommt das nicht einer Totalüberwachung gleich?

Das kommt darauf an, wie man es anlegt. Die Handy-Ortung wirft sicherlich datenschutzrechtliche Fragen auf und stößt daher bei einigen Menschen auf Widerstand. Eine Möglichkeit, die wohl weniger Bedenken auslösen würde, wäre eine App, die jeder freiwillig auf seinem Handy installieren könnte. Ähnlich wie bei der Verbindung zwischen Mobiltelefonen per Bluetooth oder Airdrop würden dann nur Handys erfasst, auf denen die App installiert ist. Der Vorteil für die Nutzer: Würde eine Kontaktperson, die diese App auch installiert hat, positiv getestet, erhielten sie eine anonymisierte Info, nach dem Motto: "Vorsicht, einer Ihrer Kontakte hat Covid-19, bitte kontaktieren Sie die Behörden, um sich testen zu lassen."

Quelle: ntv.de, Anne-Béatrice Clasmann, Sascha Meyer und Anne Pollmann, dpa