Panorama

Missbrauchsdrama im Westerwald Neue Vorwürfe gegen Inzestvater

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In diesem Haus in Fluterschen sollen viele der Taten geschehen sein.

(Foto: dpa)

Die Vorwürfe gegen einen Familienvater aus dem Westerwald werden immer unglaublicher: So soll der Mann nicht nur seine Tochter und seinen Stiefsohn sexuell missbraucht haben, sondern auch eines der acht gemeinsamen Kinder mit der Stieftochter. Nach schweren Vorwürfen will der Landkreis untersuchen lassen, ob es beim Jugendamt Versäumnisse gab.

Der angeklagte 48-jährige Familienvater aus dem Westerwald hat gestanden, mit seiner Stieftochter sieben Kinder gezeugt zu haben. Er bestritt jedoch zu Beginn der Hauptverhandlung am Landgericht Koblenz erneut, sich an seinen Kindern vergangen zu haben. Zum Beginn des Prozesses präzisierte die Staatsanwaltschaft die ungeheuerlichen Vorwürfe: Der 48-Jährige soll seine Tochter, die Stieftochter und einen Stiefsohn jahrelang sexuell missbraucht haben. Die beiden Mädchen verkaufte er laut Anklage außerdem für Sex an fremde Männer. Insgesamt geht es um 350 Taten zwischen Herbst 1987 und Sommer 2010.

Der Fall war erst vergangene Woche bekannt geworden und hatte bundesweit Entsetzen ausgelöst. Medien nennen den mutmaßlichen Kinderschänder den "deutschen Fritzl", weil der Fall an den Österreicher Josef Fritzl erinnert, der seine Tochter 24 Jahre lang in einem Kellerverlies vergewaltigte und dabei sieben Kinder zeugte. Er verbüßt eine lebenslange Haftstrafe.

Möglicherweise hat sich der Mann auch an einem der sieben Kinder vergangen, die er mit seiner Stieftochter hat. Dazu laufen Ermittlungen. Mit einem Gutachten will zudem der Landkreis mögliche Versäumnisse des Jugendamtes untersuchen. Zum Prozessauftakt bestätigte indes die Stieftochter unter Ausschluss der Öffentlichkeit "im Wesentlichen" die Anklagevorwürfe, berichtete der Vorsitzende Richter Winfried Hetger.

Schreckliche Szenen

Zuvor hatte der Staatsanwalt schreckliche Szenen geschildert, die sich in der Familie abgespielt haben sollen. Die heute 18-jährige Tochter soll über mehrere Jahre hinweg etwa einmal die Woche von ihrem Vater missbraucht worden sein. Das erste Mal hatte sie der 48-Jährige laut Anklage zum Sex gezwungen, als sie zwölf Jahre alt war - die Stieftochter, als sie 13 Jahre alt war. Aber schon vorher habe es sexuelle Übergriffe gegeben. Danach seien beide Töchter jahrelang für Sex an andere Männer verkauft worden, die Stieftochter soll dabei mit Fotos erpresst worden sein. Insgesamt acht Kinder soll er später mit ihr gezeugt haben, ein Baby starb im Alter von drei Monaten.

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Der Spielplatz hinter dem Haus.

(Foto: dpa)

Der Angeklagte, der im roten Sakko vor Gericht erschienen war, nahm die Vorwürfe fast regungslos auf, schüttelte nur hin und wieder mit dem Kopf. Er ging nur von 2000 bis 2003 einer geregelten Arbeit als Lkw-Fahrer nach und war zuletzt arbeitslos.

Gutachter beim Jugendamt

Der Kreis Altenkirchen kündigte an, ein Gutachten in Auftrag zu geben. Damit solle geklärt werden, "ob es Fehler oder Versäumnisse bei der Behandlung des Falles durch das Jugendamt gegeben hat", sagte Landrat Michael Lieber (CDU) in Altenkirchen. "Ich gehe davon aus, dass es zur vollständigen Rehabilitierung des Amts, seines Leiters und seiner Mitarbeiter führen wird." Gutachter werde der ehemalige Familienrichter Karl-Heinz Held aus Wiesbaden sein.

Ein Stiefsohn des Beschuldigten hatte erfolglose Hilferufe an das Jugendamt beklagt. So habe er sich an die Behörden gewandt, als er nach einem Gewaltausbruch des Stiefvaters im Krankenhaus behandelt werden musste. Schläge mit Gürteln oder Teppichklopfern waren laut Anklage in dem Haushalt in der 750-Seelengemeinde Fluterschen keine Seltenheit.

Der tyrannische 48-Jährige habe daheim mit einem Bundeswehrkoppel und einer selbstgebauten Peitsche geprügelt. Der Stiefsohn hatte in dem Zusammenhang schwere Vorwürfe gegen das Jugendamt erhoben. Er beklagte erfolglose Hilferufe bei dem Amt. So habe er sich bereits an die Behörde gewandt, als er 1998 nach einem Gewaltausbruch des Stiefvaters im Krankenhaus behandelt werden musste, sagte der 27-Jährige der "Rhein-Zeitung". Er erinnere sich an Sätze, dass eine härtere Erziehung in Großfamilien ganz normal sei - und das Versprechen "Wir kümmern uns".

Prügel an der Tagesordnung

Aber alle hätten die Augen zugemacht. "Keiner hat der Familie geholfen", sagte er. Auch als er von 2002 an nicht mehr mit dem Adoptivvater unter einem Dach lebte, habe er der Familiehelfen wollen. "Ich habe jedes Jahr beim Jugendamt nachgehört, nichts hat sich getan." Prügel seien an der Tagesordnung gewesen. Er hoffe, dass sein Stiefvater nie wieder aus dem Gefängnis komme.

Der Koblenzer Staatsanwalt Thorsten Kahl sagte, es gebe weder gegen die Mutter der mutmaßlichen Opfer noch gegen das Jugendamt strafrechtlich relevante Vorwürfe. Der beschuldigte Vater hat nach den Worten von Landrat Lieber "ein System völliger Abschottung ... nach innen und nach außen eingerichtet".

Inzwischen wird gegen den Mann zusätzlich ermittelt, weil er eines der sieben Kinder, die er mit seiner Stieftochter zeugte, missbraucht haben soll. Ein ärztliches Gutachten über die kleine Tochter komme 2010 zu dem Schluss, dass die Befunde mit einem möglichen Missbrauch vereinbar seien, hieß es beim Landgericht. Das Kind ist heute sieben Jahre alt.

Der Stiefsohn soll ebenfalls noch seine Aussage machen. Auch die 18 Jahre alte Tochter ist nach Gerichtsangaben als Zeugin geladen. Beide seien Nebenkläger.

Quelle: ntv.de, hdr/dpa