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Missbrauch überhaupt messbar? Opfer kritisieren Pfeiffer-Studie

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(Foto: dpa)

Anfang des Jahres wurden immer mehr Fälle von sexuellem Missbrauch in Heimen und Schulen bekannt. Eine neue Studie kommt nun zu einem überraschenden Ergebnis: Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen geht zurück. Opfer kritisieren die Untersuchung scharf.

Überraschendes Ergebnis einer neuen Studie zum sexuellen Missbrauch: Kinder und Jugendliche werden angeblich seltener Opfer von Sextätern. Der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), Christian Pfeiffer, führt dies auch darauf zurück, dass die Opfer mehr öffentliche Beachtung finden und sich eher trauen, Täter anzuzeigen. Die Täter gingen ein höheres Risiko ein, vor Gericht zu landen. Eine Entwarnung gaben er und Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) bei der Vorstellung der Studie aber nicht. "Jedes Kind, das Opfer wird, ist eines zu viel", sagte Pfeiffer. Opfervertreter übten scharfe Kritik an der Untersuchung.

Der Vorsitzende des Netzwerkes Betroffener von sexualisierter Gewalt, Norbert Denef, sagte, viele Opfer hätten den Missbrauch komplett verdrängt und machten deshalb bei Befragungen keine Angaben. "Wenn ein Opfer schweigt, kann es auch im Geheimen kein Kreuzchen machen", sagte er. Denef bezweifelte, dass es überhaupt möglich ist, Statistiken über sexuellen Missbrauch zu erstellen. Solche Studien könnten nur falsch sein.

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Pfeiffer, Schavan: Wie sicher sind die Ergebnisse?

(Foto: dapd)

Bei der repräsentativen Befragung von rund 11.500 Menschen zwischen Januar und Mai diesen Jahres berichteten 6,4 Prozent der Frauen und 1,3 Prozent der Männer von einem Missbrauch mit Körperkontakt vor ihrem 16. Geburtstag. Verglichen mit einer KFN-Studie von 1992 seien die Zahlen gesunken, sagte Pfeiffer. Damals hatten 8,6 Prozent der Frauen und 2,8 Prozent der Männer einen Missbrauch mit Körperkontakt bis zum 16. Lebensjahr angegeben. Jedoch war die Datenbasis damals mit 3300 Befragten kleiner. Erstaunliches Ergebnis der neuen Befragung: Nur eine einzige Person - eine 28 Jahre alte Frau - gab einen Missbrauch durch einen katholischen Priester an.

Der öffentliche Eindruck war Anfang 2010 ein völlig anderer: Damals wurden immer mehr Missbrauchsfälle der Vergangenheit in der katholischen Kirche und anderen Einrichtungen bekannt. Die Politik setzte daraufhin einen Runden Tisch zur Aufarbeitung der Fälle und eine Beauftragte ein, an die sich die Opfer wenden können. Bei der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Christine Bergmann, gingen seitdem mehr als 20.000 Anrufe, Mails und Briefe ein.

Die Autoren der neuen KFN-Studie sehen darin keinen Widerspruch: "Bei den Opfern solcher Taten, die sich 2010 oder auch 2011 gemeldet haben, handelt es sich zu einem sehr großen Anteil um über 50-Jährige, deren Opfererfahrung mehr als 35 Jahre zurückliegt." Die nun Befragten waren mit 16 bis 40 Jahren deutlich jünger. Pfeiffer erklärte, ältere Jahrgänge seien nicht befragt worden, weil es dazu bereits Erkenntnisse aus der Studie von 1992 gibt. Die Autoren der neuen Studie räumen aber selbst einen Knackpunkt ein: Katholiken und frühere Heimkinder sind in der neuen Befragung unterrepräsentiert.

Onkel, Stiefväter, Väter

Die Autoren sehen die Abnahme der Missbrauchsfälle auch bestätigt, wenn die verschiedenen Altersgruppen betrachtet werden: So hätten die heute befragten 31 bis 40 Jahre alten Frauen zu 8 Prozent einem Missbrauch mit Körperkontakt bis zum 16. Geburtstag erlitten. Bei den 21 bis 30 Jahre alten Frauen seien es 6,4 Prozent, und bei den 16- bis 20-Jährigen 2,4 Prozent. Dies habe auch etwas mit der gestiegenen Anzeigebereitschaft der Opfer zu tun: "Während in den 1980er Jahren im Durchschnitt nur jeder zwölfte Täter mit einem Strafverfahren rechnen musste, gilt das heute für etwa jeden dritten." Das habe offenbar eine abschreckende Wirkung auf die Täter.

Als häufigste Täter wurden Onkel, Stiefväter oder Väter genannt. Auch Nachbarn und Freunde der Eltern gehören der Studie zufolge außergewöhnlich oft zum Täterkreis. Der Rückgang sexuellen Missbrauchs betreffe vor allem die Taten in Familien. "Das Risiko, von unbekannten Tätern missbraucht zu werden, ist über die letzten drei Jahrzehnte weitgehend konstant geblieben", heißt es.

Um genauere Erkenntnisse über die Beteiligung katholischer Geistlicher an Missbrauchsfällen zu bekommen, arbeitet das KFN an einer weiteren Studie. Dazu öffnet die Kirche erstmals ihre Archive. Ergebnisse sollen in etwas zwei Jahren vorliegen.

Quelle: n-tv.de, dpa

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