Panorama

Zwölf Jahre nach dem Verschwinden Peggys Schicksal ist völlig unklar

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Mit diesem Bild wurde nach Peggy gesucht.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Der Fall Peggy zählt zu den spektakulärsten Kriminalfällen in Deutschland. Obwohl unmittelbar nach ihrem Verschwinden eine intensive Fahndung läuft, wird das Mädchen weder tot noch lebendig gefunden. Zwar wird ein Mann für den Mord an dem Kind verurteilt, doch es mehren sich die Stimmen, die sagen, Peggys Mörder wurde nie gefasst.

Am 7. Mai 2001 verschwindet die damals neunjährige Peggy Knobloch, seitdem fehlt von dem Kind jede Spur. In den zwölf Jahren, in denen die Polizei ermittelt hat, wird keine Leiche gefunden, aber ein Täter verurteilt. Nur was mit Peggy wirklich passiert ist, ist noch immer genauso rätselhaft wie am Tag ihres Verschwindens.

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Die Polizeiaktion in Lichtenberg.

(Foto: dpa)

Gerade macht der Fall wieder einmal Schlagzeilen. Im oberfränkischen Lichtenberg, dem Ort, wo Peggy verschwand, wird tagelang ein Anwesen durchsucht. In einer Sickergrube finden die Ermittler Knochensplitter, doch ob sie wirklich von Peggy stammen, müssen die Gerichtsmediziner erst herausfinden. Genauso gut könnten sie zu einem Tier gehören oder von einem alten Friedhof übrig geblieben sein. Für Christoph Lemmer, einen Reporter, der sich immer wieder mit dem Fall beschäftigt hat, ist die neue Suchaktion befremdlich, wie vieles in dem Fall. Gerade hat er gemeinsam mit einer Kollegin das Buch "Der Fall Peggy" veröffentlicht.

Im Gespräch mit n-tv.de wundert er sich über die polizeiliche Maßnahme: "Warum suchen sie jetzt? Dort ist vor sechs Jahren schon gesucht worden." Gefunden wurde damals nichts. Lemmer vermutet, dass Menschen aus der Gegend nach neuen Presseberichten bei der Polizei angerufen haben, um auf weitere Ermittlungen zu dringen. Denn der Fall bewegt noch immer die Gemüter. Zwar wurde 2004 Ulvi K. für den Mord an Peggy verurteilt, doch viele glaubten schon damals nicht, dass der geistig zurückgebliebene junge Mann der wahre Täter ist. Inzwischen glaubt es kaum noch jemand, und auch Lemmer hat da erhebliche Zweifel.

Akten, Zeugen, Ungereimtheiten

Für ihr Buch haben Lemmer und seine Kollegin Ina Jung alle verfügbaren Akten gelesen und mit zahlreichen Menschen gesprochen. Viele von ihnen waren als Zeugen von der Polizei befragt worden. Ihr Buch ist eine Aneinanderreihung von Fehlern und Versäumnissen, die sie Polizei und Justiz vorwerfen. Lemmer kann die Vorwürfe inzwischen im Schlaf herbeten. Am meisten störe ihn, dass sich die Ermittlungsbehörden weniger darum gekümmert haben, was tatsächlich passiert ist, sondern dass sie mehr Augenmerk darauf gelegt hätten, den Fall irgendwie abzuschließen und ein revisionsfestes Urteil zu bekommen. "Und zwar unabhängig davon, ob der Richtige verurteilt wurde oder nicht."

Für diese These legen die Autoren eine Reihe von Anhaltspunkten vor. "Das Problem war, dass Peggy nicht gefunden werden konnte. Da hat der Täter, wer das am Ende auch immer gewesen sein mag, sich so clever verhalten, dass er sie aus dem Bereich herausgebracht hat, in dem Polizei, viele Helfer und Bundeswehr nach ihr gesucht haben. Und je länger das Verschwinden zurücklag, desto schwieriger wurde es, die Vermisste zu finden oder dahinterzukommen, was passiert ist." Die Reaktion der Ermittler darauf sei gewesen, sich eine Theorie für den Tathergang zurechtzulegen und alle Zeugenaussagen dafür passend zu machen.

Erschwerend sei hinzugekommen, dass sich auch noch die Politik in das Verfahren eingemischt habe. Ende 2001 schaltete sich der damalige bayerische Innenminister Günther Beckstein persönlich ein. Den Autoren sagt er später, die erste Sonderkommission Peggy sei "nach einiger Zeit an den Punkt gekommen, an dem sie nichts Wesentliches mehr ermittelte". Deshalb habe er  die Entscheidung "mitgetragen", eine neue Kommission einzusetzen.

Was ist mit Spur Nummer drei?

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Peggys Mutter und Ulvi K. während des Prozesse gegen K.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Die Soko Peggy II habe sich dann auf drei Spuren fixiert, von denen allerdings nur zwei ausermittelt wurden. Die eine war Peggys Stiefvater. Der mag nicht immer den Anforderungen an den idealen Stiefvater genügt haben, doch mit Peggys Verschwinden hat er nichts zu tun. Die zweite Spur ist Ulvi K., ein geistig behinderter Nachbar der Familie Knobloch. Er war durch Exhibitionismus aufgefallen und hatte Kinder gebeten, ihn anzufassen. Die These ist, dass er Peggy vergewaltigt hat und später umbrachte, um die Tat zu verdecken. Allerdings hat K. für große Teile des Tages, an dem Peggy verschwand, ein Alibi. Deshalb kommen die Ermittler zu dem Schluss, die Tat könne nur in dem Zeitfenster von 13.15 Uhr bis 13.35 Uhr geschehen sein, die Zeit, in der K. nicht klar belegen kann, wo er war. Die dritte Spur, ein Bekannter der Familie Knobloch, wird nicht weiter verfolgt.

K. wird immer wieder vernommen, ohne die Tat zu gestehen. Doch dann präsentieren die Ermittler ein Geständnis. Lemmer sagt: ein Geständnis, das unter massivem Druck zustande gekommen ist. Zunächst hätten zwei Polizisten K. damit konfrontiert, dass an seinem Arbeitsoverall Blutspuren von Peggy gefunden worden seien. "Das war frei erfunden. Und Ulvi hat auch danach kein Geständnis abgelegt, sondern die Tat, wie vorher auch, bestritten." Nach Beendigung des Verhörs und nachdem sich K.s Anwalt verabschiedet hatte, soll K. dann doch gestanden haben. Leider ging nach Polizeiangaben vorher das Tonbandgerät kaputt, deshalb  gibt es von dem Geständnis keine Aufnahme. Lediglich die Polizisten können es bezeugen. Später bestreitet K. die Tat wieder.

Doch das Geständnis wird zum Hauptbeweis im Prozess gegen Ulvi K., wegen der ihm zur Last gelegten sexuellen Straftaten wird er für schuldunfähig erklärt, für den Mordvorwurf wird er schuldig gesprochen. Lemmer kritisiert nicht nur das Zustandekommen und den Einsatz des Geständnisses, sondern auch das Urteil. Denn wenn K. für die sexuellen Taten schuldunfähig war, dann habe er keinen Verdeckungsmord begehen müssen. Was aber noch wichtiger sei: Alle Zeugen, die ausgesagt haben, Peggy nach 13.35 Uhr noch lebend gesehen zu haben, seien entweder genötigt worden, ihre Aussagen zurückzuziehen oder gleich ganz ignoriert worden.

Verhängnisvolle Entwicklung

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Das Buch ist bei Droemer erschienen und kostet 19,99 Euro.

Lemmer und Jung entwerfen einen anderen Tathergang. Sie beschreiben, dass sich Peggy schon in den Wochen vor ihrem Verschwinden verändert hat. Lemmer formuliert vorsichtig: "Es gibt Anzeichen, die darauf hindeuten, dass Peggy sexuell missbraucht worden ist. Sie hat ihre Unterhosen versteckt oder gleich ganz weggeworfen, sie wollte sich nicht mehr im Bad zeigen, hat nur noch in der Wohnung vor dem Fernseher gehockt, sie hat angefangen, wieder einzunässen." Aus dem lebenslustigen Kind wird eines, das sich "einfach komisch" verhält. Ihre Mutter geht deshalb mit ihr zum Arzt. Dann verschwindet Peggy.

Möglicherweise hängt ihr Verschwinden mit den Besuchen eines Mannes aus dem engsten Familien- und Freundesumfeld zusammen. "Dieser junge Mann fiel vom Beginn seiner Pubertät an mit pädophilen Neigungen auf, hatte früh Kinderpornos auf seinem Computer."  Mit 17 Jahren ist er regelrecht in Peggy verschossen, sie aber nicht in ihn, sie ist ja auch erst 9. Er versucht, Kontakt mit ihr zu halten, hinterlässt ihr seine Telefonnummer. Als er das erste Mal befragt wird, trägt er ein Amulett mit einem Foto von Peggy. Für den Tag von Peggys Verschwinden gibt er ein falsches Alibi an.

Inzwischen ist er wegen einer anderen Straftat mit einem kleinen Kind zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden, gibt Lemmer zu bedenken. Die Ermittlungen gegen ihn im Fall Peggy werden nach dem Geständnis von Ulvi K. abgebrochen. Lemmer fürchtet: "Das könnte ein Fehler gewesen sein."

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Quelle: n-tv.de