Jagd auf wertvolle ZuchttiereSo haben Viehdiebe über 200 Rinder geklaut

Über 200 Rinder verschwinden in Südbrandenburg. Ende September kann die Polizei zwei Verdächtige schnappen. Die Spur führt nach Polen. Dort werden auch gestohlene Rinder wiederentdeckt. Experten vermuten, dass Profis am Werk waren - möglicherweise mit brutalen Methoden.
Fünf Uhr morgens im Stall der Agrargenossenschaft Gräfendorf in Südbrandenburg. Eigentlich will sich der Tierpfleger an diesem Dienstag im April um die Rinder kümmern. Doch der Stall im Landkreis Elbe-Elster ist fast leer. 71 seltene Zuchtrinder sind über Nacht verschwunden. Sie wurden gestohlen. Die Rinder gehörten zur gefährdeten Rasse Deutsches Schwarzbuntes Niederungsrind (DSN). Bundesweit gibt es davon nur noch rund 3000 Tiere.
Fünf Monate später, im September schnappt die Polizei dann zwei Tatverdächtige, zwei polnische Männer. In Polen spürt sie mehrere gestohlene Rinder auf. Michael Jänsch von der Agrargenossenschaft ist im ntv-Interview erleichtert. "Wir sind froh, dass da was gefunden ist. Ich hätte nicht gedacht, dass es zu so einem Fahndungserfolg kommt", sagt der Landwirt.
Nicht nur in seinem Betrieb werden im Frühjahr Rinder gestohlen. Von März bis Mai verschwinden insgesamt 211 Rinder aus Ställen und von Weiden in mehreren Brandenburger Landkreisen, so die aktuellen Zahlen der Polizei. Der Schaden ist groß, liegt bei über 300.000 Euro, auch weil Zuchttiere darunter sind. Weil jahrelange Arbeit dahintersteckt, sind sie besonders wertvoll. Die könne ein Landwirt nicht so einfach ersetzen, sagt der Landesbauernverband.
Ohrmarken der Rinder fehlen
Das brandenburgische Landeskriminalamt gründet die Ermittlungsgruppe Weide. Zusammen mit polnischen Kollegen spüren die Polizisten nach monatelangen Ermittlungen die zwei Tatverdächtigen auf. Sie werden in Polen und an einer Autobahnraststätte in Brandenburg geschnappt. Die Polizei hatte nach den Rinderdiebstählen landesweit Viehtransporter und andere Fahrzeuge kontrolliert.
Die beiden Diebe sollen die Rinder nachts in Viehtransporter verladen und nach Polen gebracht haben. Die Ohrmarken waren abgeknipst. Es war vorgesehen, die Tiere umzuetikettieren, sagt die Sprecherin der Brandenburger Polizei Beate Kardels im RTL/ntv-Interview.
Die gelben Ohrmarken sind für Rinder wie ein "Personalausweis", sie dienen der eindeutigen Identifikation. Da diese bei den gestohlenen Tieren fehlen, wird aktuell im Labor analysiert, ob es sich tatsächlich um die in Brandenburg gestohlenen Tiere handelt, erklärt Kardels. Amtstierärzte hätten Haar- und Blutproben entnommen. "Diese gilt es jetzt mit DNA-Proben der Tiere in den Datenbanken in Deutschland abzugleichen." Noch befänden sich die Tiere in Polen. Erst nach der Analyse würden die Rinder zurückgebracht.
Viehdiebe nutzen Mistgabeln und Betäubungspfeile
Die Rückführungen sind aufwendig, genauso wie die Entführungen. Rinder sind Herdentiere. Sie möchten zusammenbleiben. Es sei bereits anspruchsvoll, einzelne Tiere zu stehlen, erzählt Landwirt Toralf Müller im MDR. Ihm haben Diebe 2025 sieben Jungbullen von seinem Hof in Südthüringen gestohlen. "Mindestens vier Mann müssen dabeigewesen sein", sagt er. "Zwei, drei Mann haben die Gruppe zurückhalten und der dritte und vierte Mann haben die Bullen gelenkt und ins Auto bugsiert."
In Südbrandenburg in der Agrargenossenschaft Gräfendorf hatten die Täter in einem abgelegenen Stall zugeschlagen. Die Diebe sind nachts mit einem Lkw an den Stall herangefahren und haben zwischen Laderampe und Stall mit Gittern eine Treibgasse improvisiert, schreibt der "Stern". Am Ende der Gasse seien Mistgabeln gefunden worden, damit könnten die Rinder auf den Lkw getrieben worden sein. Man habe deutliche Lkw-Spuren gesehen, sagt Rinderzüchter Jänsch bei RTL/ntv. "Der Nachteil war, an dem Morgen hat es ziemlich stark geregnet und da ist viel von den Spuren verwischt worden."
Vor Jahren gab es eine ähnliche Diebstahlserie in Brandenburg. Von 2014 bis 2017 sind hunderte Rinder und Kälber verschwunden. In einem Fall hatten die Diebe acht Kälber von einer Weide gestohlen. Die Tiere wurden mit Narkosepfeilen betäubt und dann in ihren Lkw geführt. Die Betäubungspfeile und zwei Führungsstricke haben die Täter am Tatort liegen lassen.
Muhen die Kühe - fliegen Diebe auf
Manche Viehdiebe nutzen aber auch den Herdentrieb von Kühen aus. Dorsten Höhne vom Kreisbauernverband Elbe-Elster vermutet, dass die Tiere von der Agrargenossenschaft Gräfendorf in der Dämmerung angelockt worden sein könnten, zum Beispiel durch Licht im Lkw oder durch andere Rinder, die schon vorher im Transporter waren. Ein Tier der Herde könnte auch als Erstes in das Fahrzeug gebracht worden sein, als Lockvogel. "Wenn das erste Rind einer Herde läuft, gehen die anderen hinterher", hat Höhne dem "Spiegel" gesagt. "Das dauert auch nicht lang, zehn Minuten vielleicht, höchstens eine Viertelstunde. Wichtig ist, dass keine Unruhe entsteht und die Tiere nicht anfangen zu muhen. Sonst könnte die Tat auffliegen."
Klar ist: Die Viehdiebstähle sind gut vorbereitet, sagt Christoph Wenzlaff, der Brandenburger Landesvorsitzende vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Wo Viehhöfe und Weideflächen sind, werde genau ausgekundschaftet. "Man kann sich sehr gut vorstellen, dass hier mit Drohnen gearbeitet und klassisch im Internet recherchiert wird". Spontan seien solche Taten nicht: "Da fährt keiner mit einem Viehtransport über die Höfe und Dörfer und guckt, wo die Rinderflächen sind, sondern das wird über mehrere Tage ausgekundschaftet".
Auch im Stall von Bauer Jänsch war das der Fall, ist er sich sicher: "Das war nicht aufs Blaue raus. Das war gezielt gemacht. Die waren nicht das erste Mal da. Die hatten die Sache entsprechend erkundet."
Die Viehdiebe, die in Südbrandenburg am Werk waren, hatten die Verhaltensweisen der Rinder vorher genau beobachtet, erklärt der Präsident des Landesbauernverbandes Brandenburg, Henrik Wendorff, im RBB-Interview. "Man muss wissen, wo die Tiere stehen, welche Gewohnheiten sie haben, ob sie vielleicht regelmäßig an eine Futterstelle, Tränke oder Wasserstelle kommen".
"Müssen Ahnung von Tieren gehabt haben"
Die Diebe in Brandenburg hatten jeweils mitten in der Nacht zugeschlagen, zwischen ein und vier Uhr. Zu dieser Uhrzeit sind an den teils abgelegenen Weiden oder Ställen selten Menschen unterwegs. Das nutzen Einbrecher aus. Gewerbliche Einbrüche würden häufig gegen drei, vier Uhr morgens begangen, sagt Wenzlaff, das sei eine "tote Zeit".
Zudem sind die Täter Profis, sie kennen sich in dem Metier aus, sagen die betroffenen Bauern. In der Agrargenossenschaft Gräfendorf haben die Täter gezielt die wertvollen Tiere mitgenommen. Die kleinsten Rinder und Tiere in Behandlung haben sie zurückgelassen. "Das müssen schon welche gewesen sein, die richtig Ahnung von Tieren haben. Weil so schnell sind 70 Rinder nicht aufgeladen. Selbst wenn sie im Stall sind, ist es kompliziert, denn eigentlich wollen die das nicht, die wollen ja zu Hause bleiben", erklärt Landwirt Uwe Kupfer von der Agrargenossenschaft bei RTL/ntv.
Möglicherweise haben die Diebe vorher in der Landwirtschaft gearbeitet, sagt Wenzlaff. "Ich brauche vor allen Dingen geschultes, qualifiziertes Personal, was im Umgang mit diesen Tieren geschult ist. Das kann auch dahin führen, dass Tiere einen zerquetschen oder tottrampeln. Die Verladung in Lkw ist nicht ganz ungefährlich."
Zusätzlich wüssten die Täter wahrscheinlich über Urkundenfälschung und Betrug Bescheid, sagt der Kriminalermittler im Podcast. "Es kann sein, dass Ladungspapiere oder die Ohrmarken der Tiere gefälscht werden. Es wird versucht, die Herkunft zu verschleiern. Wenn man Risiken minimieren will, beispielsweise bei Grenzkontrollen, muss man sehr professionell vorgehen."
Kriminelle vernetzen sich
Den beiden festgenommenen Verdächtigen wirft die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) schweren Bandendiebstahl vor. Die Polizei vermutet, dass neben den beiden gefassten Männern noch mehr Täter beteiligt waren. Die Ermittlungen seien nicht abgeschlossen, sagt Polizeisprecherin Kardels. "Wir gucken, ob wir den Tatverdächtigen gegebenenfalls noch weitere Taten zuordnen können."
Wenzlaff vermutet, dass ein großes Netzwerk hinter den Vieh-Diebstählen steckt. Kriminelle, die sich im Internet nur für einen Diebstahl vernetzen. So eine Art der Zusammenarbeit beobachtet der Kriminalist inzwischen häufiger.
Das Stichwort sei "Crime-as-a-Service" - spezialisierte Kriminelle bieten unterschiedliche Tatmuster an, so Wenzlaff im "Wieder was gelernt"-Podcast. "Das geht los mit der Beschaffung der Tiere. Das können Auftragstaten von Menschen gewesen sein, die gezielt bestimmte Zuchttiere haben wollten. Es geht weiter über die Logistik, den Transport, die Verschleierung von Urkunden bis hin zur Weiterverarbeitung." Auch Geldwäsche gehöre dazu.
"Mit Glück gibt es Videoüberwachung"
Was hilft dagegen, dass sich Fremde an den Tieren der Bauern vergreifen? Alles rund um die Uhr zu überwachen, ist unmöglich, sagt Wendorff, auch nicht mit Videokameras. Die Flächen seien einfach zu groß. In Brandenburg gebe es etwa 300.000 Hektar Grünland, fast die Hälfte würde für Weiden genutzt. "Es ist nicht ganz einfach, in einem weitläufigen Land wie Brandenburg wirklich alles so zu sichern, dass man nicht mit Tricks und Kniffen an eine Herde kommt", so der Landesbauern-Präsident im RBB.
Bewegungsmelder machten in Ställen oft keinen Sinn, weil sich dort ständig etwas bewege, sagt Höhne vom Kreisbauernverband im "Spiegel". "Mit Glück gibt es eine Videoüberwachung."
Wenzlaff vergleicht im Podcast die ausgedehnten Weiden mit der kritischen Infrastruktur in Deutschland. Ähnlich wie Strom- und Bahntrassen könnten die nicht komplett überwacht oder abgesichert werden. "Die Umfriedung sind in der Regel Elektrozäune im niedrigen Spannungsbereich. Das hält einen Menschen nicht davon ab, den Zaun oder Tore zu durchtrennen, dann mit dem Lkw auf das Gelände zu fahren und die Tiere einzuladen."
Die verstärkten Polizeistreifen in den vergangenen Monaten hätten geholfen, die Diebe fernzuhalten. Bekämpfen könne man die Viehdiebstähle nur, wenn man die Täter ermittelt und rechtskräftig verurteilt. Das helfe zumindest für eine gewisse Zeit.

