Panorama

"DNA-Spuren lassen sich nicht wegwischen" Was spricht für, was gegen Kachelmann?

Hat Jörg Kachelmann seine Geliebte wirklich brutal vergewaltigt? Oder will sich die Radiojournalistin an dem TV-Wetterexperten rächen, weil sie nach elfjähriger Beziehung feststellen musste, dass er sie mit anderen Frauen betrog? Mehr als acht Monate versuchten Staatsanwaltschaft und Verteidigung eine Antwort auf diese Fragen zu finden.

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Jörg Kachelmann sieht dem Prozessende gelassen entgegen.

(Foto: dpa)

Nach 43 Verhandlungstagen war das Strafverfahren gegen Jörg Kachelmann vorbei. Am Ende steht noch immer Aussage gegen Aussage. Statt objektiver Beweise gibt es eine Reihe mehrdeutiger Gutachten. Auch die meisten Prozessbeobachter konnten sich kein vollständiges Bild machen: Ging es um das Kerngeschehen, die angebliche Vergewaltigung, wurde die Öffentlichkeit immer ausgeschlossen, um die Intimsphären des 38-jährigen mutmaßlichen Opfers, des Angeklagten und der als Zeuginnen geladenen früheren Kachelmann-Geliebten zu schützen.

Klar sind nur die Vorwürfe, die die Radiomoderatorin erhebt. Demnach soll der mittlerweile 52-jährige Kachelmann die Frau im Februar vergangenen Jahres in ihrer Wohnung an den Haaren ins Bett gezerrt, sie vergewaltigt und ihr dabei die ganze Zeit über ein Küchenmesser an den Hals gehalten haben. Der Grund: Sie habe Kachelmann damit konfrontiert, dass er ein Verhältnis mit einer anderen Frau gehabt habe, und die Beziehung zu ihm beendet.

Die Staatsanwaltschaft sieht darin Vergewaltigung in einem besonders schweren Fall. Ob Kachelmann, dem damit eine Haftstrafe von fünf bis 15 Jahren droht, deshalb verurteilt werden wird, hängt nun maßgeblich davon ab, wie das Gericht die Glaubwürdigkeit des Opfers bewertet. Die Indizien sind alles andere als eindeutig. So machte die Frau bei der Polizei zunächst derart falsche Angaben, dass das Oberlandesgericht Karlsruhe im vergangenen Jahr einen dringenden Tatverdacht verneinte und Kachelmann aus der Untersuchungshaft entließ.

Auch all die Gutachter brachten kein Licht ins Dunkel. Deutlich wurde, dass sich der Tathergang anhand der Spuren nicht so abgespielt haben kann, wie von der Frau angegeben. Doch ob sich die Frau die leichten Verletzungen an Hals oder Oberschenkel selbst zugefügt hat oder ob sie von Kachelmann stammen, konnte der Rechtsmediziner Rainer Mattern nicht klären.

DNA-Spuren bleiben erhalten

Kachelmanns Pflichtverteidigerin Andrea Combé versuchte systematisch jeden Verdacht gegen den Moderator zu zerstreuen. Weder die Spuren auf dem Messer, mit dem Kachelmann seine Ex-Geliebte bedroht haben soll, noch die Verletzungen der Frau sind nach ihrer Ansicht geeignet, die Schuld des 52-Jährigen zu beweisen. "Es gibt keine Spuren an dem Messer, die die Version der Nebenklägerin bestätigen", sagte Combé.

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Der Prozess war von einem riesigen Medieninteresse begleitet.

(Foto: dapd)

Auf dem Messerrücken gibt es in der Tat keine DNA-Spuren der Frau. Das Argument der Staatsanwaltschaft, diese seien zufällig oder bewusst abgewischt worden, widerspreche jeder wissenschaftlichen Erkenntnis, sagte die Anwältin. DNA-Spuren ließen sich nicht einfach wegwischen. "Das Messer ist als Tatwerkzeug eindeutig auszuschließen."

Die Verteidigung geht auch davon aus, dass sich die 38-Jährige die Hämatome an ihren Oberschenkeln selbst zugefügt haben könnte. Das Argument der Staatsanwaltschaft, es gebe eine natürliche Grenze, sich selbst Schmerzen zu bereiten, ist aus Sicht der Verteidigung nicht stichhaltig. "Wer dazu bereit ist, eine Belastung wie im vorliegenden Verfahren über sich ergehen zu lassen, ist mit Sicherheit auch dazu bereit, sich physisch erhebliche Schmerzen beizufügen", sagte Combé.

Die Pflichtverteidigerin versuchte auch, die Persönlichkeit der ehemaligen Geliebten zu sezieren. Diese hatte eingestehen müssen, dass sie hinsichtlich der Vorgeschichte der angeblichen Tat in ihren ersten Vernehmungen gelogen hatte. Dies, sagte Combé, zeige die "Kaltschnäuzigkeit" und das "schauspielerische Talent" der Frau.

Glaubhaftigkeit konnte nicht bestätigt werden

Große Teile des Prozesses wurden unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt - vor allem die Aussage des mutmaßlichen Opfers, aber auch zum allergrößten Teil die der zahlreichen Ex-Geliebten, die dazu beitragen sollten, die Persönlichkeit Kachelmanns und sein Verhalten in Bett und Beziehungen auszuleuchten. Auch die psychologischen Gutachten wurden teilweise in nichtöffentlicher Sitzung vorgetragen. Die Öffentlichkeit konnte sich durchaus ein Bild machen - aber wirklich vollständig ist es eben nicht.

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Die 38-jährige Klägerin hatte sich in ihren Aussagen widersprochen.

(Foto: REUTERS)

Die Bremer Aussagepsychologin Luise Greuel und ihr Kieler Kollege Günter Köhnken kamen zu dem Schluss, die Glaubhaftigkeit der 38-Jährigen mit ihren Methoden nicht bestätigen zu können. Dies liegt den Gutachtern zufolge unter anderem an den großen Erinnerungslücken der Frau und ihren dünnen Angaben zum Kerngeschehen. Dagegen erzählte sie ausführlich über das Trennungsgespräch mit Kachelmann, das die angebliche Vergewaltigung ausgelöst haben soll.

Köhnken sagte dazu in dem Prozess, das mutmaßliche Opfer wisse nicht, ob Kachelmann etwa auf ihr kniete, welche Körperhaltung er einnahm, oder ob ihr Slip angezogen war. "Ich habe so etwas in meiner Laufbahn noch nicht erlebt", betonte Köhnken und schloss gezieltes Lügen nicht aus. Greuel hält es hingegen für denkbar, dass sie unbewusst und unabsichtlich ihre Erinnerungen verfälscht hat, weil die Trennung von Kachelmann für sie so belastend war.

Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge sieht durch die Gutachten die Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers nicht erschüttert. "Es ist nicht widerlegt, dass es doch so war, wie sie es geschildert hat", sagte Oltrogge nach den Auftritten der Psychologen.

Quelle: ntv.de, AFP/dpa

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