Politik

Pfusch bei Wurzelbehandlungen am häufigsten 4000 Fehler der Halbgötter in Weiß

Patienten riskieren in deutschen Operationssälen oft "Pfusch am Bauch" - trotz aller Bemühungen um mehr Sicherheit. Doch auch in Arztpraxen ist man nicht immer gut aufgehoben. Eine neue Statistik weist knapp 4000 Behandlungsfehler nach - die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher liegen.

Ärzte gelten in Deutschland noch immer als Halbgötter in Weiß. Diese von zahlreichen Fernsehserien beschworene Vorstellung ist jedoch nur ein Mythos - und der bröckelt. Die Patienten sind misstrauisch: 23.000 Mal haben sie sich im vergangenen Jahr beschwert. Sie verdächtigten ihre Ärzte, sie falsch operiert oder therapiert zu haben. Die Deutsche Presse-Agentur bringt die Problematik auf eine griffige Formulierung: "Pfusch am Bauch". Die Zahlen der Beschwerden hat der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) gesammelt und jetzt vorgestellt.

Die MDK-Gutachter erstellten 12.483 Expertisen zu vermuteten Behandlungsfehlern in teils detektivischer Arbeit - 3932 Mal, also in knapp einem Drittel der Fälle, wies der MDK tatsächlich Behandlungsfehler nach.  Bei den Gutachterstellen der Ärzteschaft sind weitere 11.000 Beschwerden eigegangen, auch dort sollen die nachgewiesenen Fehler bei einem Drittel liegen, so die dpa. Diese Zahlen sollen aber erst kommenden Monat offiziell vorgestellt werden. Insgesamt geht die Nachrichtenagentur von mindestens 7000 bestätigten Fällen aus.

Gepfuscht wurde laut MDK am häufigsten bei Therapien von Zahnmark und -wurzel vor, Hüft- und Knie-Operationen sowie Behandlungen von Karies und Brüchen. "Die Zahl der Vorwürfe und der nachgewiesenen Behandlungsfehler geht nicht zurück", sagte MDK-Expertin Astrid Zobel. "Es stehen auch schwere Schicksale dahinter bis hin zu Todesfällen oder dauerhaften Beeinträchtigungen."

Gesamtzahl der Behandlungsfehler kaum zu beziffern

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In besonders schweren Fällen von Ärztepfusch werden auch schonmal OP-Klemmen im Körper eines Patienten gefunden.

(Foto: dapd)

Die Dunkelziffer ist hoch. Denn ungezählte Fälle bei Gerichten und Versicherungen kommen hinzu. Es wäre daher reine Spekulation, eine Gesamtzahl zu nennen, sagte Stefan Gronemeyer, Vize-Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes. Insgesamt beanstanden nach früheren Schätzungen rund 40.000 Versicherte pro Jahr ihre Behandlung bei Ärztestellen, Kassen oder direkt vor Gerichten, sagte er. Zobel warnt daher davor, die Zahlen falsch zu interpretieren: "Wir können Fehlerhäufungen in bestimmten Fachgebieten erkennen. Dies erlaubt aber keinen Rückschluss auf die Behandlungsqualität insgesamt, da weder die Gesamtzahl der Behandlungen noch die Zahl aller Behandlungsfehler bekannt sind."

Rund zwei Drittel der Verdachtsfälle beim MDK beträfen Krankenhäuser, ein Drittel die Praxen, so Zobel. Vor allem bei Operationen falle einfach häufiger auf, wenn etwas schief laufe. "Die Anzahl der Vorwürfe werden ganz klar angeführt von den operativen Fächern." Orthopädie und Chirurgie führten mit fast 6000 Vorwürfen die Liste an.

Wenn etwas schief läuft ist aber offenbar nicht immer ein Einzelner verantwortlich, sondern das gesamte Therapiemanagement. Zu den Problemen zählten fehlende Kontroll-Listen, mangelnde Absprachen oder schlechte Planung, sagte Gronemeyer. Das neue Patientenrechtegesetz stärke zwar die Fehlermeldesystem in Kliniken, es fehle aber ein bundesweites Register für Behandlungsfehler. Gronemeyer betonte, das erheblicher politischer Handlungsbedarf bestehe.

Gutachter gehen Beschwerden nach

Der MDK ist der sozialmedizinische Beratungs- und Begutachtungsdienst der gesetzlichen Kranken- und der Pflegeversicherung. Er ist jeweils auf Landesebene als eigenständige Arbeitsgemeinschaft organisiert. Die gesetzlichen Krankenkassen schalten den MDK ein, wenn sich ein Patient mit einem vermuteten Behandlungsfehler an sie wendet und die Kasse den Fall unabhängig begutachten lassen will.

Den Beschwerden gehen spezialisierte Gutachterteams nach. Dabei steht im Vordergrund, ob die Behandlung nach dem anerkannten medizinischen Standard abgelaufen ist. Auch Fehler von nicht-ärztlichem Personal fließen in die Bewertung mit ein.

Quelle: n-tv.de, vpe/dpa/rts/AFP

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