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Auswertung der Flugschreiber Absturz-Untersuchung im Iran beginnt

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Bei dem Absturz starben 176 Menschen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Zwei Tage nach dem Flugzeugunglück in Teheran steht nicht eindeutig fest, warum die Maschine mit 176 Menschen an Bord abgestürzt ist. War es ein technischer Defekt oder ein Abschuss? Im Iran beginnen ukrainische Experten jetzt mit der Auswertung der Flugschreiber.

Die Ermittlung der Ursache des Absturzes einer ukrainischen Passagiermaschine bei Teheran hat begonnen. Iranische und ukrainische Experten hätten ihre Arbeit in einem Labor am Flughafen Mehrabad in der Hauptstadt Teheran aufgenommen, gab der Leiter der iranischen Luftfahrtbehörde, Ali Abedsadeh, im iranischen Fernsehen bekannt. Ihr Ziel sei die Auswertung der beiden schwer beschädigten Flugschreiber - des Flugdatenschreibers und des Aufzeichners der Geräusche in der Pilotenkanzel. Dabei geht es auch um die letzten Worte des Kapitäns. Laut Abedsadeh hat der Iran die technischen Möglichkeiten, die Informationen aus den Flugschreibern auszuwerten. Doch sei mit der ukrainischen Seite vereinbart worden, bei Bedarf weitere Software und Geräte aus dem Ausland zu besorgen. Auch sollte die Option nicht ausgeschlossen werden, die Flugschreiber im Ausland auszuwerten.

Das staatliche iranische Fernsehen zeigte Bilder, auf denen die Flugschreiber der Maschine zu sehen sein sollen. Abedsadeh sagte, die Auswertung der Geräte könne ein oder zwei Monate dauern. Nötigenfalls könne sein Land die Daten nach Russland, Kanada, Frankreich oder die Ukraine schicken, um Hilfe bei der Entschlüsselung zu erhalten. Frankreich ist involviert, da die Triebwerke des Flugzeugs von einem französischen Hersteller stammen. Es gibt nur wenige Länder, die über die technischen Möglichkeiten verfügen, die Daten aus den Flugschreibern einer abgestürzten Maschine zu untersuchen. Zu diesen Ländern zählen die USA, Frankreich und Deutschland.

Die meisten der 176 ums Leben gekommenen Passagiere waren Iraner oder iranischstämmige Kanadier, die über die Ukraine nach Kanada weiterreisen wollten. Inzwischen steht fest, dass bei dem Unglück auch vier Menschen aus Deutschland ums Leben kamen. Dabei handelt es sich um eine Doktorandin aus Mainz und eine afghanische Frau aus Nordrhein-Westfalen mit ihren beiden Kindern. Die 30-Jährige war anerkannte Asylbewerberin, ihre Tochter war acht, ihr Sohn fünf Jahre alt. Sie hatten nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Regierungssprecher Steffen Seibert forderte, alle möglichen Unglücksursachen in den Blick zu nehmen: "Die Bundesregierung erwartet, dass es eine genaue Untersuchung der zuständigen Stellen im Iran - und zwar in enger Zusammenarbeit mit den in der Hauptsache betroffenen Nationen - gibt." Die Absturzursache müsse lückenlos aufgeklärt werden. "Auch deutsche Experten stehen bereit, bei dieser Ermittlungsaufgabe mitzuhelfen, sofern die gewünscht ist."

Die französische Regierung hat sich derweil ebenfalls bereit erklärt, an der Untersuchung zur Absturzursache mitzuwirken. Frankreich könne zur erforderlichen technischen Expertise beitragen, sagte Außenminister Jean-Yves Le Drian dem Rundfunksender RTL. Allerdings liege ihm bislang keine entsprechende Bitte der iranischen Regierung vor. Le Drian wollte keine Einschätzung dazu äußern, wodurch der Flugzeugabsturz mit 176 Toten verursacht worden sein könnte. Vor einer Stellungnahme zur möglichen Ursache des Absturzes müsse "absolute Klarheit" über die Fakten bestehen, sagte Le Drian. Diese Aufklärung könne durch eine internationale Untersuchung erfolgen.

Iran begrüßt Unterstützung anderer Länder

Auch Schweden will an der Untersuchung des Flugzeugabsturzes beteiligt werden, bei dem auch mindestens zehn Schweden umgekommen sind. Ministerpräsident Stefan Löfven sei sich in einem Telefonat mit Kanadas Premierminister Justin Trudeau einig gewesen, dass Informationen zu einem vermuteten Abschuss durch den Iran "eine zügige, vollständige und transparente Untersuchung" noch notwendiger machten, teilte Löfvens Büro der Deutschen Presse-Agentur mit. Länder, deren Staatsbürger bei dem Absturz ums Leben gekommen seien, müssten die Möglichkeit zur Beteiligung an den Ermittlungen sowie volle Einsicht in die Unterlagen erhalten.

Regierungssprecher Ali Rabiei erklärte, dass der Iran die Unterstützung aller relevanten Länder bei der Aufklärung des Absturzes begrüßen würde. Der Iran habe auch Boeing eingeladen, an den Untersuchungen teilzunehmen, sagte er laut Nachrichtenagentur Irna. Die US-Regierung solle bei der technischen Aufklärung der Absturzursache mithelfen, statt Lügen zu verbreiten und "Psychospielchen" zu betreiben. Sowohl Rabiei als auch Abedsadeh bezeichneten die These, dass die Maschine von einer iranischen Abwehrrakete abgeschossen worden sei, als technisch und wissenschaftlich absurd.

Iran: Zwei Jahre bis zum Abschluss der Ermittlungen

Die Untersuchungen würden bald erweisen, dass die Amerikaner mit solchen Gerüchten nur versuchten, das international angekratzte Image von Boeing nicht noch weiter zu beschädigen, sagte Abedsadeh. Die Echtheit der Aufnahmen könne nicht verifiziert werden, sagte Abedsadeh. Er forderte zugleich, bevor ein Fazit gezogen werde, sollten zunächst die Fakten analysiert werden. Von Politikern vorgelegte Informationen sollten mit Vorsicht aufgenommen werden, betonte Abedsadeh. Seinen Worten zufolge kann es insgesamt ein bis zwei Jahre dauern, bis die Ermittlungen zu dem Absturz abgeschlossen seien.

"Unser Ziel ist es, die unstrittige Wahrheit herauszufinden", sagte Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj in Kiew. Das sei auch die internationale Gemeinschaft den Familien der Opfer schuldig. Vor allem an die Regierungen von Kanada, Großbritannien und den USA gerichtet sagte das Staatsoberhaupt weiter: "Wir rufen alle internationalen Partner (...) dazu auf, der Ermittlungskommission Daten und Beweise zu vorzulegen, die die Katastrophe betreffen."

Sicherheitskreisen zufolge waren auch westliche Geheimdienste zunächst von einer technischen Absturzursache ausgegangen. Später wurde dann zunächst in US-Regierungskreisen und dann vom kanadischen Ministerpräsidenten Justin Trudeau die Vermutung geäußert, die Boeing 737-800 von Ukrainian International Airlines auf dem Weg nach Kiew sei versehentlich von der iranischen Luftabwehr mit einer Rakete abgeschossen worden. Ein US-Regierungsvertreter verwies auf Daten heimischer Satelliten, Trudeau auf Geheimdienstinformationen verschiedener Herkunft.

Aufgrund der Sicherheitslage in der Region hatte die Lufthansa am Donnerstag ein Flugzeug auf dem Weg in die iranische Hauptstadt Teheran umkehren lassen. Bis zum 20. Januar hat die Fluggesellschaft vorsorglich alle Flüge nach Teheran gestrichen.

Quelle: ntv.de, ibu/rts/AFP/dpa