Politik

London nach dem Brexit "Als sei ein Feuer in mir ausgegangen"

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Abschied aus der EU: Für manche Briten ein Grund zu feiern.

(Foto: picture alliance/dpa)

Für Großbritannien und die EU geht eine Ära zu Ende: Nach 47 Jahren verlässt das Königreich die Staatengemeinschaft. Der Abschied löst in London gemischte Gefühle aus. Laut und stolz zeigen sich am historischen Brexit-Tag aber vor allem die Brexiteers, still die Remainer.

Die Luft ist anders heute in London. Der frische Wind, der einem sonst die Regentropfen ins Gesicht weht, fühlt sich schärfer an als sonst, die eigentlich offenen Londoner wirken verschlossen, anstelle der Abgase hängt plötzlich eine Mischung aus Unruhe und Melancholie in der Luft. Heute ist Brexit-Tag. Der Tag, auf den Brexit-Befürworter im gesamten Königreich dreieinhalb Jahre gewartet haben. Der Tag von dem Brexit-Gegner gehofft haben, dass er niemals kommen würde. Und der Tag, der nicht ein-, nicht zwei-, sondern dreimal verschoben wurde.

Jetzt, fast ein Jahr nach dem ursprünglich geplanten Austritt Großbritanniens aus der EU, scheinen es die meisten Briten zumindest am Morgen dieses ehrwürdigen Tages noch nicht realisiert zu haben: Ab morgen ist Großbritannien nach 47 Jahren raus aus der EU. Bei uns Journalisten, die den ganzen Tag aus der Downing Street, dem Amtssitz von Premier Boris Johnson, berichten, ist das anders. Abgeschottet vom Rest der Welt - Bürger und Touristen haben hier keinen Zutritt - stehen wir da und blicken auf die vergangenen Jahre zurück, die wir in Kälte, Hitze, Regen und Sturm gemeinsam verbracht haben. In der Ferne klingt Musik: "Bye Bye EU" singen die Brexiteers zu der Melodie von "Auld Lang Syne", dem englischen Volkslied mit dem sich die Abgeordneten im Europaparlament von den britischen Kollegen noch zwei Tage vorher verabschiedet hatten.

Seit am 24. Juni 2016 klar war, dass 17,4 Millionen Briten, 52 Prozent des Landes, die Unabhängigkeit von den restlichen 27 Mitgliedstaaten der EU wollen, schaute man in London eher von oben herab auf die Brexit-Befürworter. Mit fast 60 Prozent hatte sich die Hauptstadt damals klar gegen den Brexit ausgesprochen, und irgendwie konnte keiner so recht glauben, dass er am Ende tatsächlich kommen würde. Klares Wunschdenken. Und trotzdem hatte das Auswirkungen auf die Atmosphäre: Die täglichen, fast schon locker, witzigen Parolen der Proeuropäer vor dem Parlament klangen immer lauter als die der Brexit-Unterstützer.

"Es war ein großer Fehler"

Heute ist das anders. Auf dem Parliament Square wird es am Abend langsam voll. Hier feiert Nigel Farage von der Ukip heute seinen Brexit-Sieg und mit ihm Hunderte Gleichgesinnte, die aus dem ganzen Land angereist sind. So auch Philipp, 68, aus Hampshire. "Ich feiere heute, weil ich nach 47 Jahren eine Party verdiene. Als 18-Jähriger habe ich damals für die EU gestimmt, für den Binnenmarkt - aber ich habe nicht für ein Europaparlament gestimmt, das man nicht mehr los wird. Ich war einmal für die EU und es war ein großer Fehler." Ihrer Wut über die Diktatur aus Brüssel, wie sie es hier nennen, und der Freude darüber, dass diese nun endlich ein Ende haben soll, machen einige Brexit-Fans ziemlich deutlich Luft. Hier wird eine EU-Flagge angezündet, dort stampfen Menschen auf einer weiteren im Dreck herum.

Die Gegenveranstaltungen der Remainer scheinen dagegen deprimierend klein. Nur knapp 100 Menschen kommen am Abend vor der EU Botschaft für eine Art Trauermarsch zusammen, jeder hält eine Kerze, die Stimmung ist bedrückt. "Ich muss schon Trauerarbeit leisten, es fühlt sich an, als sei ein Feuer in mir ausgegangen", sagt eine Frau.

Ernüchterung und Stille am Tag danach

Kurz vor 23 Uhr Ortszeit: Die Lightshow vor der Downing Street zeigt die Farben der britischen Flagge: rot, blau und weiß. Eine an die Hauswand projizierte Uhr zeigt den Countdown an. Wenige Sekunden später bricht Jubel aus am Parliament Square, das aufgezeichnete Läuten Big Bens dröhnt aus den Lautsprechern - unheilvoll für manche, triumphierend für andere - klar ist aber: Der Brexit ist vollzogen, Großbritannien gehört ab jetzt nicht mehr zur EU.

"Es ist wichtig zu betonen, dass dies nicht das Ende ist, sondern ein neuer Anfang", sagte Boris Johnson zuvor in seiner Rede. Für die Brexit-Befürworter ist er das auf jeden Fall: Der Beginn der langersehnten Unabhängigkeit. Ernüchterung und Stille folgen am Tag danach. Parliament Square liegt still und aufgeräumt da - einfach so, als wäre nichts passiert. "In London ist jeder anders und das bedeutet, dass jeder anders sein darf", sagte einst Paddington Bär. Ein Satz, der hoffentlich auch nach dem Brexit Wahrheit bleibt.

Quelle: ntv.de