Politik
Karl Marx (1818-1883)
Karl Marx (1818-1883)(Foto: imago/United Archives International)
Samstag, 05. Mai 2018

Kapitalistenschreck Karl Marx: Auch ein Prophet kann mal irren

Von Wolfram Neidhard

Anlässlich seines 200. Geburtstags ist Karl Marx vor allem bei jungen Leuten wieder "in". An den Theorien des Ökonomen und Philosophen scheiden sich aber die Geister. So unterschätzte Marx die Wandlungsfähigkeit des Kapitalismus.

Große Persönlichkeiten der Geschichte nutzen mitunter derbe Worte, um komplizierte Sachverhalte für jeden verständlich zu erklären. So auch Karl Marx, der einmal äußerte, dass sich "die Philosophie zum Studium der realen Welt wie das Onanieren zur sexuellen Liebe" verhalte. Eigentlich war er kein Mann, der mit einfachen Sätzen gesellschaftliche und ökonomische Zusammenhänge erklärte, etwa im dreibändigen Wälzer "Das Kapital", dessen Inhalt vielen Menschen sich erst nach mehrmaligem Studium erschließt.

Sowjetische Briefmarke von 1967 anlässlich des 100. Jahrestages des Erscheinens des ersten "Kapital"-Bandes.
Sowjetische Briefmarke von 1967 anlässlich des 100. Jahrestages des Erscheinens des ersten "Kapital"-Bandes.(Foto: imago/blickwinkel)

Schließlich sind Politik und Ökonomie nicht leicht zu verstehende Wissenschaften, bei denen das biosoziale Wesen Mensch mit all seinen Stärken und Schwächen, seiner Unstetigkeit und seinem ständigen Drang nach Neuem im Mittelpunkt steht. Der Mensch versucht, Fragen hinsichtlich seiner eigenen Existenz und Zukunft zu beantworten. Dazu gehören die persönliche Freiheit, aber auch die Stellung in der Gesellschaft und der Umgang mit der Natur.

Das sind Fragen, die Marx als Philosoph und Ökonom wissenschaftlich zu untermauern versuchte. Daraus entstand die Theorie für ein neues Gesellschaftssystem, deren Ziel es ist, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu beenden - durch eine Revolution. Da ist es nicht verwunderlich, dass Marx im in der Welt dominanten kapitalistischen System umstritten ist.

Globalisierung vorhergesagt

Immer wieder wird von Gegnern - zum Teil zu Recht - darauf hingewiesen, dass Marx' Lehren aus dem 19. Jahrhundert stammten und nicht auf die heutige Zeit zu übertragen seien. So reibt sich der Chef des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, in einem Beitrag für n-tv.de am Marx'schen Krisenbegriff, der seiner Meinung nach einer Überprüfung kaum standhält. "Die ökonomischen Theorien von Karl Marx waren von der Zeit ihres Entstehens bestimmt. Die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung hat seine Befürchtungen nicht bestätigt", so Hüther.

Hans-Werner Sinn ist kein Marxist. Er hält aber Marx' Krisentheorien für "hochaktuell".
Hans-Werner Sinn ist kein Marxist. Er hält aber Marx' Krisentheorien für "hochaktuell".(Foto: picture alliance / dpa)

Aber es gibt auch andere Stimmen. Hans-Werner Sinn hält die Krisentheorien von Marx wieder für "hochaktuell". Er führt dabei Marx' Theorie vom tendenziellen Fall der Profitrate an. "Die Profitrate des Kapitals ist derzeit offenbar so stark gesunken, dass die Firmen nur noch zu Investitionen verführt werden können, wenn man härteste Mittel wählt und ihnen das Geld beinahe hinterherwirft, ja, sie irgendwann sogar dafür bezahlt, dass sie sich Geld leihen und es investieren", so der ehemalige Chef des Münchner Ifo-Instituts in der "Zeit". Seiner Meinung nach ist es aber überzogen, Karl Marx für die derzeitige Niedrigzinspolitik der EZB in Anspruch nehmen zu wollen. Laut Sinn liegt Marx' wahre Leistung "in der makroökonomischen Theorie, also in seinen Erkenntnissen über die gesamte Volkswirtschaft".

So wurde Marx in seiner Annahme bestätigt, dass der Kapitalismus zur Konzentration neigt. Er sagte voraus, dass es wenige weltumspannende Unternehmen geben werde. Marx - ein Prophet der in unserer Zeit Wirklichkeit gewordenen Globalisierung.

Das ist eine zweifellos eine große Leistung des am 5. Mai 1818 in Trier geborenen Marx. Als er das Licht der Welt erblickte, war Deutschland noch politisch zersplittert. Der infolge der Niederlage des französischen Kaisers Napoleon einberufene Wiener Kongress von 1815 hatte eine Nachkriegsordnung geschaffen, deren Ziel die Rückbesinnung auf die Zustände vor der Französischen Revolution war. Doch eine vollständige Restauration feudaler Verhältnisse in weiten Teilen Europas konnten die Ideen von Rechten und nationaler Eigenständigkeit des Bürgertums nicht eindämmen. Der Kapitalismus setzte sich durch, mit verschiedenen Geschwindigkeiten in den einzelnen Ländern - damit einhergehend die Bildung der Nationalstaaten. Deutschland war in dieser Frage hintendran. Es war den größten Teil der Marx'schen Lebenszeit auf der Landkarte ein regelrechter Flickenteppich.

"Ein Gespenst geht um in Europa …"

Karl Marx und Friedrich Engels beim Druck eines Entwurfs des Kommunistischen Manifests 1848.
Karl Marx und Friedrich Engels beim Druck eines Entwurfs des Kommunistischen Manifests 1848.(Foto: imago/United Archives International)

Der junge Marx wurde ein radikaler Demokrat in der 1848er-Revolution und später eine führende Figur in der I. Internationale in London. Der britische Historiker Gareth Stedman Jones verweist in seiner Marx-Biografie auf dessen Hinwendung zur Ökonomie als zentraler gesellschaftlicher Dimension mit der Erwartung einer weiteren Revolution.

Doch zur Beleuchtung der Ökonomie gehört auch die Beschäftigung mit der Politik. Für Aufsehen sorgte Marx im Revolutionsjahr 1848 mit dem nur 23 Seiten umfassenden "Manifest der Kommunistischen Partei", das er zusammen mit seinem Freund Friedrich Engels schrieb. Es beginnt mit dem berühmten Satz "Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus" und endet mit dem Aufruf: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" Dieser programmatische Text ist der Ursprung der später als Marxismus bezeichneten Weltanschauung.

Mehr als 20 Jahre später trat Marx mit seiner Schrift "Bürgerkrieg in Frankreich" für die Pariser Kommune von 1871 und ihren Aufstand gegen die provisorische französische Regierung ein, die nach der Niederlage gegen die preußisch geführten deutschen Truppen das Regime von Napoleon III. abgelöst hatte. Für Marx war die Kommune eine "Regierung der Arbeiterklasse". In diesem Werk äußert Marx seine Skepsis gegenüber einer Gewaltenteilung. Friedrich Engels interpretierte die Schrift später als ersten Versuch, die "Diktatur des Proletariats" zu errichten.

Revolutionär mit bürgerlichem Status

Diese französische Karikatur stellt Marx als Moses beim Vorstellen der zentralen Punkte des Kommunismus dar.
Diese französische Karikatur stellt Marx als Moses beim Vorstellen der zentralen Punkte des Kommunismus dar.(Foto: imago/United Archives International)

Solche revolutionären Gedanken brachten Marx in seiner Heimat große Probleme. Nach der Zwischenstationen Brüssel und Paris ging er mit seiner Familie 1849 nach London ins Exil. Dort lebte er anfangs in dürftigen Verhältnissen von journalistischer Tätigkeit. Marx erhielt finanzielle Unterstützung vor allem von Engels, der seinem Freund auch an die Themse folgte. Für Marx war es eine Art Lebensversicherung, denn der Mann, der sich mit Wirtschaftswissenschaft befasste, konnte selbst nicht mit Geld umgehen. Ohne Engels hätte sich die Familie Marx in Großbritannien, dem Mutterland des Kapitalismus, finanziell nicht über Wasser halten können.

Dennoch legte der Revolutionär Marx großen Wert auf bürgerlichen Status und gönnte sich Dienstboten, so seine Haushälterin Helene Demuth (Lenchen), mit der er einen unehelichen Sohn hatte. Einen regen Kontakt zu den Arbeitern pflegte er nicht. Kleinbürgerliche Prüderie der Weltrevolutionäre, ihre panische Angst, das Proletarier-Idol könnte, würde der Fehltritt bekannt, an Glanz verlieren, und schließlich ihr eifriges Bemühen, den Propheten des Klassenkampfes als in jeder Beziehung unfehlbar darzustellen, verurteilten Marx' einzigen - die Kinderjahre überlebenden - Sohn zur Anonymität. Der 1851 geborene Henry Frederick Demuth wurde regelrecht weggeschwiegen. Mit seiner Ehefrau Jenny hatte Marx sieben Kinder, von denen allerdings nur drei Töchter das Erwachsenenalter erreichten.

Gegen deutsche Reichseinigung von oben

Diese schwierigen privaten und finanziellen Verhältnisse schmälerten - dank der Hilfe von Engels - Marx' publizistisches Schaffen nicht. Die Ereignisse in Deutschland ließen ihn nicht los. Der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck betrieb die Reichseinigung von oben und der 1863 von Ferdinand Lassalle gegründete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) unterstützte diese Pläne und führte sogar Geheimverhandlungen mit Bismarck.

Gegenspieler von Marx: Ferdinand Lassalle.
Gegenspieler von Marx: Ferdinand Lassalle.(Foto: picture alliance / dpa)

Ein vereintes Deutschland unter der Führung Preußens und unter Ausschluss Österreichs: Marx und Engels kritisierten die auf den existierenden Staat bauende propreußische Position Lassalles - der 1864 nach einem Pistolenduell im Streit um eine Frau starb - scharf. Beide forderten stattdessen den offenen, gewerkschaftlich organisierten Kampf zum Sturz der staatlichen Machtverhältnisse. An dieser Position orientierte sich die 1869 in Eisenach als Gegenorganisation zum ADAV von August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP). Zusammen mit dem ADAV war die SDAP eine der Vorläuferorganisationen der 1890 gegründeten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD).

Doch Bismarck setzte seine Pläne durch. Nach gewonnenen Kriegen gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71) entstand der deutsche Nationalstaat unter preußischer Führung. Die bestehenden Machtverhältnisse blieben. 

Die deutsche Sozialdemokratie wuchs dennoch und gewann an Einfluss. Obwohl deren starker Mann Bebel den beiden Londoner Theoretikern viel näher stand als Lassalle, war sein Verhältnis zu Marx und Engels nicht frei von Spannungen. Ihr Staatsverständnis unterschied sich. Bebel war gegen die von Marx und Engels geforderte Diktatur des Proletariats, weil die Arbeiter seiner Meinung nach ein gleichberechtigter Teil des Volkes sein wollten. Er sprach sich für einen Volksstaat aus. Trotz des Bismarck'schen Sozialistengesetzes von 1878 avancierte die Sozialdemokratie bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu einer starken politischen Macht im kaiserlichen Deutschland. Dies erlebte Marx nicht mehr. Er starb am 14. März 1883 in London.

Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus unterschätzt

Aber auch ein kluger Kopf wie Marx war nicht frei von Irrtümern. "Die Akkumulation von Reichtum auf einen Pol ist zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralische Degradation auf dem Gegenpol", schrieb er im "Kapital". Marx unterschätzte dabei die Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus an die neuen Gegebenheiten. Die von ihm erwartete Revolution hat es im Westen nie gegeben. Der Umstand, den er in oben genanntem "Kapital"-Zitat schilderte, ist in der Zeit der Globalisierung aus Europa weg verlagert worden - in Billiglohnländer in Asien, wo unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert wird.

Dies lag auch an der Flexibilität der Besitzenden, die die Arbeiterklasse Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zunehmend in das kapitalistische System einband. So wurde das Wahlrecht ausgeweitet, in den hochentwickelten Ländern gab es soziale Reformen. Die politischen Führer der laut Marx unterdrückten Klasse zogen in Parlamente ein. Die Mehrheit von ihnen war sozialdemokratisch geprägt und wollte keinen gewaltsamen Übergang zum Sozialismus/Kommunismus. Sie wollten Veränderungen mit friedlichen und reformistischen Mitteln herbeiführen.

Auch ist in den entwickelten Ländern die Arbeiterklasse entgegen der Marx'schen Theorie nicht ab-, sondern aufgestiegen. Sie stellt den Kapitalismus nicht infrage, sondern versucht, ihre Lage mittels Arbeitskämpfen im bestehenden System zu verbessern. Dabei spielen die Gewerkschaften eine wichtige Rolle. Das ist ein Grund, dass sich Marx' These vom zwangsläufigen Untergang des Kapitalismus auch mehr als 150 Jahre nach dem Erscheinen des "Kapitals" nicht bewahrheitet hat.

Gysi beklagt Missbrauch von Marx    

Im Gegenteil: Das Scheitern des sozialistischen Experiments in der Sowjetunion und ihren europäischen Satellitenstaaten 1989/90 ließ den flexiblen Kapitalismus als Sieger hervorgehen. Für den Ökonomen und Marx-Experten Thomas Kuczynski hatte der reale Sozialismus auch "nicht so wahnsinnig viel mit Marx zu tun, ungefähr so viel wie die Inquisition mit Jesus Christus". Der Kardinalfehler des Marxismus-Leninismus sei gewesen, dass er das Marx'sche Denken in eine Ideologie verwandelt habe, sagte Kuczynski der "Zeit". Dadurch sei es "versteinert" worden.

Gregor Gysi ärgert, dass Marx für diesen Missbrauch verantwortlich gemacht wird. "Er ist missbraucht worden in der Sowjetunion und in der DDR. Aber dafür kann er nichts", sagte der langjährige Chef der Linken-Bundestagsfraktion im WDR: "Ich verstehe unseren verkrampften Umgang nicht." Deutschland sollte endlich lernen, stolz auf Marx zu sein. Marx selbst hätte dazu ein weiteren derben Spruch parat: "In einem Sessel behaglich dumm, sitzt schweigend das deutsche Publikum."

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Quelle: n-tv.de