Politik

Zwangsarbeit als Konjunkturmotor Bringt Russland den Gulag zurück?

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Ein alter Wachturm erinnert 110 Kilometer von der sibirischen Stadt Perm noch heute an ein früheres Arbeitslager.

(Foto: AP)

Der russische Präsident Putin verspricht neue Eisenbahnstrecken, Brücken und Häfen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Das Kapital für die Konjunkturprojekte ist vorhanden. Wegen der Corona-Krise fehlen aber günstige Arbeitskräfte. Die Sowjetunion liefert vielleicht die Lösung.

Die Corona-Krise, Wirtschaftssanktionen, schwankende Ölpreise - die russische Wirtschaft muss viele Schwierigkeiten meistern. Aber mehrere Minister aus dem Kabinett von Präsident Wladimir Putin und der Chef der russischen Eisenbahn haben eine "bescheidene" Idee, wie ihr geholfen werden kann: Bringt den Gulag zurück. So formuliert es das Nachrichtenportal "The Bell", das russische Exil-Journalisten betreiben.

Der Gulag, das war millionenfache Zwangsarbeit in Lagern, Kolonien und Spezialgefängnissen in der Sowjetunion unter Diktator Josef Stalin. Jan Claas Behrends glaubt nicht, dass es im Kreml tatsächlich Pläne gibt, dieses Wahrzeichen der kommunistischen Diktatur in Russland wiederaufzubauen. Der Historiker, der am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung das Projekt "Legacy of Communism" leitet, spürt eher eine "generelle Re-Sowjetisierung unter Putin in den vergangenen Jahren. In den Massenmedien wird ein sehr positives Bild von Stalin und der Sowjetunion gezeichnet", erzählt er im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "Viele sowjetische Traditionen werden wiederbelebt."

Es handelt sich um eine gewisse Romantisierung der alten Heimat, die den Krieg gegen Hitler-Deutschland gewonnen hat. In der angeblich alles etwas fairer und gerechter war. Auch, wenn der Gulag vielen Menschen das Leben gekostet hat.

"Wurden richtig lange Perioden im Gulag zugebracht"

Etwa 20 Millionen Menschen hat die UdSSR in der Hochzeit des Gulags zwischen 1928 und 1956 dazu gezwungen, Hochhäuser, Kanäle oder Staudämme zu bauen. Mehr als zwei Millionen von ihnen sind dabei gestorben. Es ist eines der größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts, auch für die Überlebenden.

"Die Spätfolgen so eines Aufenthalts können wir uns vorstellen. Die Menschen waren für ihr Leben gezeichnet, wenn sie viele Jahre im Gulag verbracht haben", erzählt Historiker Behrends. "Und unter Stalin waren die normalen Strafen die berühmten Zehner und 25er, also zehn Jahre oder 25 Jahre. Es wurden richtig lange Perioden im Gulag zugebracht."

Die Menschen, die Zwangsarbeit ableisten mussten, hatten ganz unterschiedliche Lebensläufe. Viele gehörten zur Elite des Zarenreichs, die nach der Oktoberrevolution 1917 von den kommunistischen Bolschewiki entmachtet wurde: Offiziere, Adlige und das Bürgertum. Bald kamen politische Gegner der Kommunisten dazu. Es sind aber auch ganz gewöhnliche Kriminelle in den Gulag geschickt worden. Mörder, Diebe und kleine Betrüger, die in der Hackordnung der Lager ganz oben standen und sie zusammen mit den Wachmannschaften organisiert und kontrolliert haben.

Freiheitsstrafen fürs Zuspätkommen

Es gab aber auch Insassen, die hatten gar nichts verbrochen, sondern waren nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Denn wenn der Staat für seine Bauprojekte auf Zwangsarbeiter angewiesen ist, müssen die Sicherheitsorgane immer neue Häftlinge heranschaffen.

"Von 1937 gab es im sogenannten Großen Terror Befehle, in denen einfach stand: Es sind in einem bestimmten Gebiet 10.000 oder 100.000 Menschen zu verhaften", erzählt Historiker Behrends. "Die Gesetze waren in der Stalin-Zeit sehr rigoros. Leute, die zehn Minuten zu spät zur Arbeit kamen, haben Freiheitsstrafen erhalten. In den 30er-Jahren gab es die Todesstrafe ab zwölf Jahren. Das war ein System, das sehr stark auf Angst und Willkür aufbaute."

Willkür und Todesstrafe ab zwölf Jahren soll es im neuen Zwangsarbeitssystem nicht geben. Die Idee dient lediglich dazu, das Infrastrukturprogramm von Präsident Putin umsetzen zu können. Mit Geld aus dem prall gefüllten Staatsfonds will er neue Hochgeschwindigkeitsstrecken für die Eisenbahn sowie Brücken und Häfen bauen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Die steinreichen Oligarchen hat er schon öffentlich ermahnt, dass der Zeitpunkt für Investitionen in Russland jetzt gekommen ist. Fehlen nur noch die Bauarbeiter.

Es fehlen 600.000 Arbeitsmigranten

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Während der Corona-Pandemie hat Russland wie viele andere Staaten auch seine Grenzen geschlossen. Tausende Arbeitsmigranten vor allem aus Zentralasien sind deshalb in ihre Heimat zurückgekehrt. Nun fehlen etwa 600.000 Spezialisten, die auf dem Bau schuften können. Das gefährde den Post-Corona-Boom, hat Bauminister Irek Fajsullin im April gewarnt, und sich deshalb dafür ausgesprochen, die fehlenden Fachkräfte mithilfe von 188.000 Häftlingen zu ersetzen. Der russische Justizminister unterstützt das Vorhaben, genauso ein Vize-Ministerpräsident, der Chef der russischen Eisenbahn und auch der Chef des russischen Strafvollzugs.

Es handelt sich nicht um die Wiedereinführung des Gulag, das betonen sie ausdrücklich. Die Häftlinge sollen wie alle anderen 8000, die ihre Strafe schon jetzt im Arbeitslager verbüßen, unter ihnen auch Putin-Gegner Alexej Nawalny, "eine anständige Bezahlung erhalten, neue Fertigkeiten erlernen und beweisen können, dass sie resozialisiert sind".

Ökonomisch sinnvoll? Eher nicht

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Das erste Projekt hat die Arbeitsgruppe bereits gefunden. Ende Mai wurden 600 Häftlinge in den Fernen Osten geschickt, um die Baikal-Amur-Magistrale zu warten. Eine passende Aufgabe, denn die 4000 Kilometer lange Eisenbahnstrecke wurde von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen gebaut. Und eine gewagte, meint Kommunismus-Experte Behrends. Denn die Häftlinge wissen schließlich nicht, was sie tun. "Zwangsarbeiter sind oft wenig motiviert und wenig qualifiziert. Ökonomisch sehe ich nicht, welche Projekte Russland damit verwirklichen will", sagt der Historiker. "Das funktioniert in einer modernen globalisierten Welt weit weniger als zu Stalins Zeiten, als es darum ging, Kanäle zu graben oder Staudämme zu bauen."

Bringt Russland den Gulag zurück? Und wenn ja, warum? Unklar. Jan Claas Behrends glaubt, dass es sich um ein Schreckgespenst handeln könnte, um die Bevölkerung ruhig zu stellen. Denn die wartet seit Jahren vergebens auf den wirtschaftlichen Aufschwung. Noch aber scheint das Projekt die Menschen begeistern zu können. In einer Umfrage waren sieben von zehn Befragten dafür, Zwangsarbeit im großen Stil einzuführen. Re-Sowjetisierung kommt im Russland von Wladimir Putin an.

Quelle: ntv.de

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