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Steckte der Kreml hinter dem Mord? Briten müssen Fall Litwinenko neu aufrollen

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Litwinenko (rechts) und ein russischer Agent sprechen bei einer Pressekonferenz 1998 über die Vorwürfe an den KGB.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Im Jahr 2006 stirbt der ehemalige KGB-Agent Litwinenko in London an den Folgen einer Vergiftung. Seine Witwe beschuldigt seither die russische Regierung, den Mord veranlasst zu haben. Lange sperrt sich Großbritannien, nun muss es die Ermittlungen neu aufnehmen.

Beinahe acht Jahre nach dem Tod des früheren russischen Spions Alexander Litwinenko will die britische Regierung offenbar noch einmal die Ermittlungen in dem Vergiftungsfall neu aufrollen. Wie die Zeitung "The Telegraph" schreibt, soll Innenministerin Theresa May an diesem Mittwoch eine entsprechende öffentliche Ankündigung machen. Ziel der Ermittler könnte dabei die russische Regierung sein, die möglicherweise hinter dem Mord an dem damals 43-Jährigen steht.

Polonium-210

Polonium ist ein Element, das in der Natur in sehr geringen und daher ungefährlichen Mengen vorkommt. Es sendet radioaktive Strahlung aus. Diese kann unter normalen Bedingungen in größeren Mengen eine Gefahr darstellen.

Polonium gehört zu den sogenannten alpha-Strahlern. Die alpha-Teilchen kommen in der Luft nur wenige Zentimeter voran, weshalb sie schwer nachzuweisen sind - etwa bei Kontrollen am Flughafen. Im menschlichen Körper allerdings reicht die kurze Reichweite aus, um zum tödlichen Gift zu werden: Polonium zerstört das Gewebe. Es kann unter anderem über die Nahrung aufgenommen werden. 

1898 wurde das Element von Marie und Pierre Curie bestimmt und nach dem Heimatland von Marie, Polen, benannt. Der volle Name Polonium-210 kommt zustande, weil der Atomkern aus 84 Protonen (elektrisch positiv geladenes Teilchen) und 126 Neutronen (elektrisch neutrales Teilchen) besteht.

Litwinenkos Tod war von rätselhaften Umständen begleitet. Der Ex-KGB-Offizier starb im Jahr 2006 in London, nachdem er mit radioaktivem Polonium-210 vergifteten Tee getrunken hatte. Großbritanniens Regierung hatte bislang von einer öffentlichen Untersuchung abgesehen und stattdessen mitgeteilt, dass sie "abwarten" wolle, was richterliche Nachforschungen zu Tage fördern würden. Litwinenkos Witwe Marina erhob dagegen jedoch Einspruch, dem das Oberste Gericht nun stattgab. Das Innenministerium muss nun die Ermittlungen wieder aufnehmen.

Ermittlungen kommen für Putin zur Unzeit

Die Entscheidung dürfte dem russischen Präsidenten Wladimir Putin wenig glücklich stimmen, insbesondere, da sich die Beziehungen zum Vereinigten Königreich nach dem Absturz von Flug MH17 ohnehin auf einem Tiefpunkt befinden.

Litwinenko war im Jahr 2000 nach Großbritannien geflohen, nachdem er seine ehemaligen Vorgesetzten beschuldigt hatte, Entführungen, Folterungen und Auftragsmorde angeordnet zu haben. Unter den Zielpersonen soll auch der russische Geschäftsmann Boris Beresowski gewesen sein, ein früherer Weggefährte Putins, der kurz nach dessen Machtantritt 1999 ebenfalls Russland in Richtung Exil in Großbritannien verließ und im vergangenen Jahr ebenfalls unter mysteriösen Umständen zu Tode kam.

Sechs Jahre später traf er in einem Londoner Hotel zwei Bekannte, von denen einer auch ein früherer KGB-Mitarbeiter gewesen sein soll. Dort hat er offenbar den vergifteten Tee getrunken haben, der bei ihm kurz darauf die Strahlenkrankheit auslöste. Auch der frühere Palästinenserführer Jassir Arafat soll im Übrigen Anschuldigungen gegenüber Israel zufolge mit dem radioaktiven Stoff getötet worden sein.

Geheime Abmachung mit dem Kreml?

Seine Familie hatte immer wieder behauptet, dass der Kreml den Mord in Auftrag gegeben habe, da Litwinenko zu dem Zeitpunkt für den britischen Geheimdienst MI6 tätig gewesen sein soll. Als mögliche Täter wurden der frühere KGB-Personenschützer Andreij Lugowoi und Dmitri Kowtun identifiziert, die jedoch beide eine Beteiligung abstreiten und sich derzeit in Russland aufhalten.

Das Innenministerium geriet unter Druck, nachdem der die Nachforschungen leitende Richter, Sir Robert Owen, aussagte, dass ihm eine "faire und furchtlose" Ermittlung in dem Fall nicht möglich sei und eine öffentliche Untersuchung mehr Erfolg verspreche. Hauptproblem war dabei offenbar die Anordnung, dass potenziell die russische Regierung belastendes Material bei den Verhandlungen nicht genutzt werden durfte.

Besagtes Material behandelte auch die Frage, ob die britischen Behörden die Tat hätten verhindern können. Litwinenkos Angehörige beschuldigten die Regierung Großbritanniens daraufhin, den Kreml mittels einer geheimen Abmachung aus den Untersuchungen herauszuhalten.

Eine Regierungssprecherin sagte: "Eine Ankündigung im Zusammenhang mit dem Tod von Alexander Litwinenko ist für Dienstagmorgen geplant. Bis dahin werden wir keine weiteren Details bekanntgeben." In einem Brief an Richter Owen gestand Innenministerin May jedoch bereits, dass "internationale Beziehungen" in der vorherigen Behandlung des Falls durch die britischen Behörden eine Rolle gespielt hätten.

Quelle: ntv.de, bwe