Politik

Ex-Oligarch geht ins Exil Chodorkowski fordert Putin nicht heraus

32872C00E6D12116.jpg7633159248085261249.jpg

Michail Chodorkowski.

(Foto: AP)

Für die russische Opposition ist es ein großer Verlust: Michail Chodorkowski will sich ins Privatleben zurückziehen. Die Lagerhaft hat den ehemals reichsten Mann des Landes zwar nicht gebrochen - doch er ist aus guten Gründen vorsichtig.

So viel Aufmerksamkeit wird Michail Chodorkowski wohl nie wieder bekommen. Bei einer völlig überfüllten Pressekonferenz vor unzähligen Journalisten in Berlin äußerte er sich zu seinen Zukunftsplänen – die die Opposition in seinem Lande wohl enttäuschen, bei Präsident Wladimir Putin jedoch auf Zustimmung stoßen werden.

Denn Chodorkowski sagte nicht, was er künftig machen will, sondern vielmehr, was er unterlassen wird. Und das ist eine ganze Menge. Er wird nicht in die russische Politik gehen, die Opposition nicht finanzieren, nicht um seine Yukos-Anteile kämpfen und nicht ins Geschäftsleben zurückkehren. Oder wie er es ausdrückte: "Ich werde nicht Politik betreiben. Der Kampf um die Macht ist nicht mein Ding."

Damit hat Putin einen potentiellen Gegner weitgehend kaltgestellt, denn Chodorkowski wird sich nicht nur aus der Politik heraushalten, sondern - zumindest auf absehbare Zeit- nicht nach Russland zurückkehren. Er begründete das damit, dass es für ihn keine Garantie gebe, wieder ausreisen zu dürfen. Das liegt vor allem an der gegen ihn verhängten und noch gültigen Geldstrafe in Höhe von umgerechnet gut 400 Millionen Euro. Deshalb müsste er eigentlich so lange in Russland bleiben und ein Leben innerhalb des sehr geringen Existenzminimums führen, bis er seine immensen Schulden gegenüber dem Staat beglichen hat. Andernfalls steht der Gerichtsvollzieher vor der Tür. Zumal war die Staatsanwaltschaft dabei, einen dritten Prozess gegen Chodorkowski vorzubereiten - ihm drohten damit viele weitere Jahre Haft.

Kein Geld für die Opposition

Wer sich gefragt hat, ob es vor der Freilassung einen informellen Deal zwischen ihm und dem Kreml gegeben hat, kennt nun die Antwort. Der Ex-Oligarch musste viele Bedingungen erfüllen, um freigelassen zu werden, doch sie waren für ihn akzeptabel. Das gilt auch für die zentrale Forderung, dass Chodorkowski keine Rolle in der russischen Opposition spielen wird – weder aktiv noch passiv. Anders als zu Yukos-Zeiten sei er nicht mehr in der Lage, als Geldgeber für die Opposition aufzutreten, sagte er. "Ich habe diese finanziellen Möglichkeiten wirklich nicht."

Dass Chodorkowski auf vieles verzichtet, ist nach zehn Jahren Lagerhaft und der Aussicht auf weitere Jahre in Gefangenschaft kein Wunder. Dazu kommt wohl, dass der Kreml ein Schuldeingeständnis nicht mehr zur Bedingung einer Begnadigung machte. Dieses hatte er standhaft ablehnt – dabei ging es ihm offenbar nicht ums Prinzip, sondern um ehemalige Yukos-Mitstreiter. Ein Schuldeingeständnis wäre für den Kreml eine mächtige juristische Waffe, um andere Menschen aus dem Umfeld von Yukos jahrelang ins Gefängnis zu stecken - oder noch lange eingesperrt zu lassen.

Auf der Pressekonferenz wurde deutlich, dass persönliche Loyalität für Chodorkowski eine große Rolle spielt. Bei seinem Auftritt in Berlin erinnerte er mehrmals an seinen früheren Geschäftspartner Platon Lebedew, der noch immer im Lager sitzt. Er erinnerte auch an seinen Weggefährten Wassili Alexanjan. Der Anwalt war im Yukos-Konzern Leiter der Rechtsabteilung und wurde 2006 verhaftet – ihm wurde Geldwäsche und Unterschlagung vorgeworfen. In Untersuchungshaft wurde eine Aids-Erkrankung festgestellt, später erblindete er und erkrankte an Leberkrebs. Alexanjan musste dennoch im Gefängnis bleiben und wurde erst wenige Monate vor seinem Tod entlassen - er starb mit 40 Jahren.

Bei jedem Satz, den Chodorkowski sagte, schien er an diese Menschen zu denken – vor allem bei den Sätzen, die er nicht sagte. Solange seine einstigen Mitstreiter in Haft sind, ist auch Chodorkowski nicht vollständig frei. In vielen Momenten wurde einem bewusst, warum dieser so elegant gekleidete Mann so kurze Haare hat.

Gelassenheit statt Verbitterung

Der souveräne, hochkonzentrierte Auftritt des ruhig und sanft sprechenden Chodorkowski lässt ahnen, dass die russische Opposition einen großen Verlust erlitten hat. Freundlich, ohne Hass beantwortete der 50-Jährige geduldig Fragen, hielt sich aber bei der Beurteilung Putins zurück. "Es wäre etwas vermessen meinerseits, erfahrenen westlichen Politikern Ratschläge zu erteilen, wie sie sich in Bezug auf einen so schwierigen Menschen wie den Präsidenten meines Landes verhalten sollen", sagte er.

Seine Nachsicht mit Putin erklärt er damit, dass seine Familie während der Lagerhaft in Ruhe gelassen worden sei. Deshalb reagiere er "pragmatisch und ohne große Emotionen" auf den Präsidenten. Und so weigert er sich beharrlich, über seine Zukunft zu sprechen. Er habe erst kürzlich seine Freiheit wiedergewonnen. "In dieser Zeit konnte ich keine Pläne für die Zukunft fassen. Ich war zehn Jahre nicht bei meiner Familie. Ich war zehn Jahre im Gefängnis. Gönnen Sie mir ein klein wenig Privatsphäre."

Von Verbitterung war nichts zu spüren, gebrochen ist Chodorkowski nicht - er machte lediglich einen müden Eindruck. Jetzt zieht er sich ins Private zurück – wer will ihm das verdenken? "Ich wünsche mir nur, zu meiner Familie zurückzukehren", hatte er im Juli n-tv.de in einem Interview gesagt. Der russische Fernsehsender "Doschd" zeigte nun, wie sich Mutter und Sohn mitten im Berliner Vorweihnachtstrubel auf dem Bürgersteig minutenlang umarmen. Immer wieder streichelte er ihr den Rücken. Am Sonntag war sie es, der Chodorkowski den Blumenstrauß in die Hand drückte, der für ihn vorgesehen war.

Seine Freilassung solle nicht darüber hinwegtäuschen, dass es weiterhin politische Gefangene in Russland gibt, sagte Chodorkowski. In der Tat, an dem Tag an dem er frei kam, wurde ein russischer Umweltaktivist, der gegen die Bauten im Olympia-Ort Sotschi gekämpft hatte, zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt.

An den Zuständen in Russland ändert sich durch die Freilassung von Chodorkowski absolut nichts. Und durch den weitgehenden Rückzug des ehemals bekanntesten politischen Häftlings ins Private steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auch in Zukunft alles beim Alten bleibt.

Quelle: ntv.de