Politik

Mehr Kontakte an Weihnachten Das ist zu locker

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Der Mund-Nasen-Schutz wird die Deutschen auch durch die Weihnachtszeit begleiten.

(Foto: picture alliance/dpa)

Zu Weihnachten dürfen alle verschnaufen und sich in größerer Runde treffen, so haben es Bund und Länder beschlossen. Doch diese Lockerungen werden zunichtemachen, was wir gerade mühsam erkämpfen. Der Preis ist zu hoch, die Politik gibt das falsche Signal.

Weihnachten naht - ein wirklich schönes, traditionelles Fest in Deutschland. Für manche hat es religiöse Bedeutung, viele verbringen in festlicher Stimmung Zeit mit Familie und Freunden. Aber dieses Jahr? Dieses Jahr steckt Deutschland gerade mitten in der zweiten Welle einer Pandemie und schafft es mit sehr viel Mühe bislang nicht, die Neuinfektionszahlen deutlich nach unten zu drücken. Eine Tendenz ist erkennbar, mehr nicht. Können wir es uns leisten, Weihnachten zu feiern, als gäbe es kein Corona?

Aber es gibt all diese liebgewonnenen Rituale, kann man argumentieren. Und dann zum Ende dieses anstrengenden Jahres 2020, da wäre es doch schön, die Familien könnten wie jedes Jahr mit Onkels, Tanten, Schwägerinnen und Schwagern sowie deren nur halb gut erzogenen Kindern unterm Baum sitzen. Plus am zweiten Feiertag die Feuerzangenbowle im alten Freundeskreis, eine jahrzehntealte Tradition und ein Moment, der sich anfühlen könnte, als wäre die Welt einigermaßen heil. Eine Verschnaufpause.

Das scheint der Treiber bei den Lockerungsbeschlüssen der Länderchefs mit Kanzlerin Merkel von gestern Abend gewesen zu sein: einen Moment zu schaffen, ein paar Tage zwischen den Jahren, die sich anfühlen sollen, als sei alles gut. Dafür haben sie Regeln aufgestellt, Limits eingezogen, die so viel Spielraum lassen, dass man sie im Normalfall kaum überschreiten würde. Treffen mit zehn Erwachsenen aus zehn Haushalten und mit einer unbegrenzten Anzahl von Kindern bis 14 Jahre sind erlaubt, in wechselnden Konstellationen und über eine ganze Woche.

Für viele Deutsche bedeutet das: wunderbar, keine Einschränkungen. Verwandtenbesuche, Feuerzangenbowle, Silvester in lockerer Runde um den großen Tisch - alles geht, alles legal. Wir dürften sogar viel mehr - jeden Tag mit zehn Erwachsenen und noch viel mehr Kindern. Und zwar jeden Tag mit anderen. Selbst damit würden wir uns im Rahmen der Regeln bewegen und wären fein raus.

Pflegekräfte am Rande der Belastbarkeit

Bloß gibt es derzeit im Land eine große Gruppe von Menschen, die ist Weihnachten leider nicht fein raus: Ärztinnen und Ärzte, Krankenpfleger und Schwestern, die auf den vollen Intensivstationen Überstunden machen, die den Ausfall infizierter Kollegen ausgleichen und am Ende vieler Behandlungen den Tod der Patienten hinnehmen müssen. Sie arbeiten am Rande ihrer Belastbarkeit oder auch schon jenseits dessen. Dann die Altenpflegerinnen und Pfleger, die über Weihnachten die Schutzkonzepte in den Heimen durchsetzen, die koordinieren, dass nicht alle Besucher gleichzeitig kommen und mit Schnelltests sicherstellen, dass sie nicht infektiös sind.

Hotelfachangestellte, Barkeeper, Saunabetreiberinnen, Masseure, Musiker, Schauspielerinnen - sie sind diejenigen, auf deren Rücken Deutschland gerade den Kampf gegen das Virus ausfechtet. Mit Erschöpfung der Pflegenden und vielfach blanker Existenzangst in den Lockdown-Branchen bezahlen wir den minimalen Erfolg, den das Robert-Koch-Institut dieser Tage vermeldet. Von 23.000 als bisherigem Höchstwert auf gestern 18.000, heute aber schon wieder 22.000 Infektionen - der stete Anstieg ist gestoppt, mehr nicht. Und allein dafür waren vier Wochen nötig.

Die Gesellschaft ruft denen, die gerade wirklich leiden, Durchhalteparolen zu und erwartet, dass sie ihren Beitrag leisten im Kampf um die gute Sache, um Menschenleben gar, auch zu Weihnachten. Und wir selber? Wir machen Weihnachten wie immer, dank der Lockerungen ganz legal, und freuen uns über die schöne Verschnaufpause.

Man muss kein Statistiker sein und auch nicht Medizin studiert haben, um zu wissen, dass solche Feiertage mit massenhaften halbgroßen Feiern in Innenräumen über das ganze Land verteilt die Verbreitung des Virus wieder massiv beschleunigen werden. Es werden lauter diffuse Infektionsgeschehen sein, die die Infiziertenzahlen überall nach oben treiben und sich schwer nachverfolgen lassen. Genauso, wie es eine Woche nach Thanksgiving in Kanada der Fall war. Genauso, wie es die USA, die heute Thanksgiving feiern, für die kommende Woche befürchten.

Wer zahlt den Preis für die Lockerungen?

Das heißt nichts anderes, als: Für die Verwandtschaftsbesuche und die Feuerzangenbowle wird ein Preis fällig werden, und zwar im Januar. Diesen Preis zahlen zum einen dieselben, die wir auch derzeit am stärksten belasten: also wieder Intensivmediziner, die nochmals mehr sterbenskranke Patienten retten sollen. Und wieder Kulturschaffende, Gastronomen, Hoteliers, die noch Wochen länger im Lockdown werden verharren müssen, bis der Weihnachtsausreißer in den Infektionszahlen ganz langsam wieder eingeebnet ist.

Zum anderen wird es Menschen geben, die das von der Politik erlaubte Feelgood-Weihnachtsfest mit ihrem Leben bezahlen. Vielleicht gar nicht, weil sie selbst gefeiert haben. Sondern weil sie sich bei jemandem anstecken, der ohne Weihnachtssause nicht infektiös geworden wäre. Sehr tragisch natürlich, aber das ist uns die heile Weihnachtswelt-Verschnaufpause wert, die wir dringend benötigen. Ernsthaft?

Mittlerweile gibt es drei nachweislich wirksame Impfstoffe, die in sehr absehbarer Zeit auch in Deutschland zugelassen werden. Das heißt, mit Beginn der Impfungen wird sich die Bedrohungslage sukzessive entspannen. Weihnachten 2021 wird es eine Diskussion über Kontaktbeschränkungen sehr wahrscheinlich nicht geben. Es geht nur um dieses eine Weihnachtsfest 2020, bei dem nach Meinung vieler führender Politikerinnen und Politiker keine spürbaren Einschränkungen zumutbar sind.

Befürworter der Lockerungen argumentieren, die Leute wüssten schon selbst, was richtig ist und würden sich freiwillig einschränken. Das stimmt sicher, viele werden das tun. Aber wenn es nur läppische fünf Prozent nicht tun, sondern ausreizen, was erlaubt ist, dann sind das schon vier Millionen Leute. Wer darauf setzen will, dass Bürger eigenverantwortlich entscheiden, der sollte besser gar keine Regel aufstellen und die Verantwortung tatsächlich den Bürgern überlassen. Wer aber Regeln aufstellt, der suggeriert, dass alles, was diese Regeln nicht verletzt, in Ordnung wäre. Und das ist in diesem Fall ein fataler Trugschluss.

Verwandtschaft kann sich Anfang Mai treffen

Dabei wäre es einfach, den Bürgern Entscheidungsfreiheit und gleichzeitig einen Rahmen zu geben. Indem man die strengen Dezember-Regeln aufrechterhält und Ausnahmen überall dort erlaubt, wo es aus menschlicher Perspektive geboten ist: Also dort etwa, wo Menschen traurig und allein wären. Dort, wo Menschen krank sind oder gar befürchten müssen, im nächsten Jahr, wenn alle Feiern wieder erlaubt sind, womöglich nicht mehr mit dabei zu sein. Überall da dürfte auch in größerer Runde gefeiert werden, als es die neuen Regeln für Dezember vorgeben. Eigenverantwortlich.

Die von vielen Ländern ermöglichte Vorquarantäne könnte das Risiko, sich dabei gegenseitig anzustecken, minimieren. Und wer keinen vertretbaren Grund sieht, die geltenden Regeln zu übertreten, der lässt es. Ganz einfach. Der bleibt mit der Kernfamilie zu Hause, glotzt viel und spielt zwischendurch Activity. Statt Ende Dezember trifft sich die ganze Verwandtschaft Anfang Mai, und statt Feuerzangenbowle wird angegrillt.

Weihnachten 2020 wäre nicht toll, aber absolut okay. Und würde dafür vielen Menschen, denen die Gesellschaft gerade sehr viel abverlangt, effektiv helfen und die Zuversicht vermitteln, dass sie und ihre Situation gesehen werden. Die Chance darauf wurde leider gerade verschenkt, und zwar schön weihnachtlich verpackt.

Quelle: ntv.de

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