Politik

Presseschau zum Nordkorea-Gipfel "Den Preis zahlen andere"

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Ein Fernsehbildschirm in Tokyo zeigt Kim Jong Un und Donald Trump.

(Foto: AP)

US-Präsident Donald Trump sagt das geplante Treffen mit Nordkoreas Machthaber Kim ab. Angesichts der möglichen Folgen bei einem gescheiterten Gipfel sind sich internationale Kommentatoren einig: Wahrscheinlich war das der richtige Schritt.

Die abrupte Entscheidung Trumps, das geplante Gipfeltreffen mit Kim Jong Un abzusagen, findet die "New York Times" angesichts der jahrzehntelangen unstetigen Beziehungen zwischen den USA und Nordkorea nicht überraschend. "Es sind auch nicht unbedingt schlechte Nachrichten, sollte es bedeuten, dass die Trump-Regierung sich jetzt Zeit nimmt, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen, um eine Zusammenkunft zum Erfolg zu führen, bei der so viel auf dem Spiel steht." Jedoch wäre es zutiefst bedauernswert und letztlich gefährlich, wenn es damit ende, dass sich die beiden hitzköpfigen Staatschefs beleidigt zurückziehen und die Schulhofspötteleien wieder aufnehmen, die sie während der vergangenen 16 Monate ausgetauscht haben. Das würde einen Großbrand nur wahrscheinlicher machen."

Das schreibt auch der Schweizer "Tages-Anzeiger": "Dabei hat Nordkorea eine gewisse Flexibilität signalisiert, indem es sein Testgelände öffentlich zerstörte - das hätte ein Anfang sein können. Dass der US-Präsident nur Stunden später den Gipfel abgesagt hat inklusive Kriegsdrohung, ist ein typisch trumpscher Affront. Das einzig Positive daran: Ein abgesagter Gipfel birgt weniger Gefahren als ein gescheiterter, der kann schnell zum Katalysator einer Krise werden. Es scheint, als habe Donald Trump geglaubt, er könne den Korea-Konflikt bei einem Burger von Mann zu Mann lösen. Doch dazu braucht es diplomatische Knochenarbeit, in der unzählige Details geklärt werden, um einen gemeinsamen Nenner zu finden. Das aber hat Trump nie interessiert, er will den schnellen Erfolg, den er mit Twitter-Fanfaren verkünden kann. Den Preis für diese unverantwortliche Politik zahlen andere, in diesem Fall die Koreaner."

Einen Eklat in Singapur hält auch die "Neue Züricher Zeitung" für ein "durchaus wahrscheinliches Szenario", das beide Staaten unter Umständen nur noch den Weg der Eskalation gelassen hätte. "Besser als ein Gipfel, an dem beide Seiten mit Schrecken erkennen, welch abgrundtiefer Graben zwischen ihnen klafft, ist eine Absage oder eine Verschiebung auf einen Zeitpunkt, zu dem realistischere Ideen über die Möglichkeiten einer Verständigung bestehen." Die Gefahr einer Eskalation bestünde zwar auch jetzt, ließe sich aber mit einigen umsichtigen Schritten eingrenzen. "Amerikas Gesprächsangebot liegt weiterhin auf dem Tisch; beide Seiten sollten die Chance nutzen, sich auf niedrigerer Ebene anzunähern." Zugleich sollten sich die Amerikaner für die Möglichkeit wappnen, Nordkorea könne zu seinem Kurs der Einschüchterung und nuklearen Erpressung zurückkehren: "Für diesen Fall ist von zentraler Bedeutung, dass die USA zu ihren Verbündeten in der Region stehen. Trump hat nacheinander Japan und nun Südkorea mit seiner sprunghaften Politik brüskiert. Das Kitten dieser Beziehungen ist jetzt wichtiger, als einer illusionären Gipfel-Show nachzujagen."

Die "Washington Post" sieht an einem ganz anderen Punkt weitreichendere Konsequenzen, die Trump nicht eingeplant habe: "Bis zu dieser Woche schienen ihm (Trump) die zunehmend klaren Andeutungen nicht bewusst zu sein, dass Herr Kim keine Absicht hatte, sein Atomwaffenarsenal schnell preiszugeben. Stattdessen schien Nordkorea nur an einem mehrstufigen Prozess interessiert, in dem die atomare Abrüstung ein vages und langfristiges Ziel ist und das Regime für jeden Fortschritt belohnt wird. So waren frühere Abkommen mit Nordkorea gestrickt. Ein solcher Prozess birgt offensichtliche Risiken. Aber die Regierung hätte gewillt sein sollen, vorsichtig zu eruieren, was Herr Kim zu tun bereit war. Stattdessen hat Herr Trump den Prozess impulsiv platzen lassen - und er und seine Regierung haben sich nicht die Mühe gemacht, die möglichen Konsequenzen zu kalkulieren."

Die "Straits Times" aus Singapur, wo das Treffen am 12. Juni hatte stattfinden sollen, vermutet, die Chinesen fühlten sich durch die Gipfel-Absage bestärkt: "Bei Treffen von solcher Bedeutung ist es verrückt, die Dinge zu überstürzen. Mit seiner ungestümen Entscheidung, sich mit Kim an einen Tisch zu setzen, hat Trump eine Menge Leute überrascht - vielleicht sogar Kim selbst. Die amerikanische Entscheidung, den Gipfel abzusagen, wird jetzt die Chinesen in ihrer Erzählung bestärken, dass es die USA mit einer Lösung für die koreanische Halbinsel niemals ernst gemeint haben - weil die USA jetzt eine Ausrede haben, warum sie an Chinas Peripherie Atomwaffen stationieren müssen."

Für den belgischen "De Standaard" dagegen ist eine angestrebte Bush-Doktrin eher ein Grund für die Absage Trumps statt mögliche Konsequenzen. "US-Präsident Donald Trump hat den Begriff 'Libyen-Deal' ausgedehnt, vielleicht ohne zu wissen, worauf (sein Sicherheitsberater John) Bolten abzielte. Der drohte vor rund einer Woche ausdrücklich damit, dass Kim Jong Un dasselbe Los ereilen könnte wie einst (dem libyschen Machthaber) Muammar al-Gaddafi, falls er einem Deal mit ihm nicht zustimmen würde." Damit tauche das Gespenst des "Regimewechsels" wieder auf, das die Regierung von George W. Bush nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zu ihrem Markenzeichen gemacht hatte. "Auch die Drohung von Außenminister Mike Pompeo Anfang dieser Woche mit den "strengsten Sanktionen der Geschichte" gegen den Iran können als Rückkehr Washingtons zur Bush-Doktrin gesehen werden. Das konnte den Nordkoreanern den Appetit auf eine Vernichtung ihres Kernwaffenarsenals einfach nur vermiesen."

"Es war nicht hilfreich, dass sowohl (US-Sicherheitsberater) John Bolton als auch Vizepräsident Mike Pence auf Libyen als Modell für das amerikanische Herangehen verwiesen haben", stimmt die Londoner "Times" bei und warnt vor einem Rückgang des Einflusses der USA. "Kim Jong Un muss nicht daran erinnert werden, dass Oberst Gaddafi acht Jahre, nachdem er auf Atomwaffen verzichtet hat, tot war, ermordet von seinen eigenen Leuten. Donald Trump hat Kim Jong Un nun eingeladen anzurufen oder zu schreiben, sollte es bei ihm einen Sinneswandel geben." Konventionelle diplomatische Schritte könnten dazu führen, dass dies wahrscheinlicher werde. "Vor allem eine Zusicherung Washingtons, dass es keinen Regimewechsel in Pjöngjang anstrebt, und zugleich, dass seine Sicherheitsgarantien für Südkorea und Japan in Stein gemeißelt sind. Hoffnungen auf historische Abkommen zu wecken, nur um sie dann wieder sausen zu lassen, verringert den Einfluss und das Prestige Amerikas."

Zusammengestellt von Linn Rietze

Quelle: ntv.de, lri/dpa