Politik

Wer ist Wjatscheslaw Ponomarjow? Der "Bürgermeister", der Geiseln nimmt

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Ponomarjow wirkt wie ein Warlord, nicht wie ein Politiker.

(Foto: AP)

Das Schicksal von einem Dutzend OSZE-Beobachtern liegt in den Händen eines einzelnen Mannes. Eines vollkommen unberechenbaren Mannes, von dem niemand wirklich weiß, woher er kommt.

Wjatscheslaw Ponomarjow, der selbsternannte Bürgermeister von Slawjansk, steht auf einem hölzernen Podest in seinem Rathaus. Der Mann mit den markanten Goldzähnen trägt einen schwarzen Kapuzenpullover mit einem Sankt-Georgs-Band am Reißverschluss - einem Symbol für die Tapferkeit der Roten Armee im Kampf gegen Nazi-Deutschland. Mit seiner Hand, die man nur als Pranke bezeichnen kann, zeigt Ponomarjow auf einen der Holzstühle. Bundeswehroberst Axel Schneider setzt sich. Die Pressekonferenz kann beginnen. Schneider berichtet über seine Unterbringung, darüber, dass ihm und seinem Team aus OSZE-Beobachtern keine Gewalt widerfahren sei. "Wir sind keine Kriegsgefangenen, sondern Gäste des Bürgermeisters", sagt Schneider. Dem Deutschen ist anzusehen, dass er jedes seiner Worte abwägt. Ponomarjow ist keine Armlänge von ihm entfernt - und hört genau hin.

Auf der Pressekonferenz, bei der die prorussischen Separatisten am Sonntag ihre "Gäste" vorgeführt haben, wirkt es so, als ob Ponomarjow alles bestimmt. Die Symbolik der Veranstaltung. Die Worte der Gefangenen. Und das Schicksal der Militärbeobachter, von denen vier aus Deutschland stammen. Auch die vermummten Bewaffneten, die das Gebäude und den Rest der Stadt besetzen, hören auf sein Kommando. Viel Macht in der Hand eines Einzelnen. Wer ist dieser Mann?

Ein Ex-Militär und Seifenmacher

Tatsächlich ist die Identität Ponomarjows ein großes Rätsel. Nachdem prorussische Milizen am 14. April das Rathaus von Slawjansk stürmten, war er plötzlich da. Er trat vor das Gebäude und verkündete: Die gewählte Bürgermeisterin Neyla Shtepa habe sich "verpisst" (fucked off) und er führe nun die Geschäfte. Shtepa befindet sich seither im Rathaus - angeblich zu ihrer eigenen Sicherheit.

Ponomarjow ist der Sohn eines Russen und einer Ukrainerin. Schon bei seinem Alter beginnen allerdings die Unstimmigkeiten. Mal ist von 42, mal von 49 Jahren die Rede. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt machte er nur wenige Angaben zu seiner Person. Er sagte, dass er in einem Sondereinsatzkommando der Sowjetarmee gedient habe. Heute, so Ponomarjow, leite er eine Seifenfabrik in Slawjansk. Das "Wall Street Journal" hörte sich vor Ort um und konnte die Geschichte von der Seifenfabrik bestätigen. Davor war er dem Blatt zufolge zeitweise für eine Näherei verantwortlich und lieferte Autos aus russischen Fabriken in die Ukraine. Abgesehen von diesen biografischen Schnipseln allerdings ist praktisch nichts über den Mann bekannt. Was auch daran liegen könnte, dass er in der ukrainischen Politik bisher nicht mitmischte.

Die Nachrichtenagentur Bloomberg interviewte Anwohner in Slawjansk. Die Menschen quittierten die Fragen der Agentur, ob sie zuvor schon einmal von Ponomarjow gehört hätten, mit einem Schulterzucken. Auch seine öffentlichen Auftritte sprechen dafür, dass Politik bisher nicht sein Metier war. Seine Wortwahl ist nur selten diplomatisch. Als eine Reporterin der "Welt" ihn auf einer seiner Pressekonferenzen nach dem vorübergehend entführten US-Journalisten Simon Ostrovsky fragte, sagte er: "Der ist nicht den Staub auf den Stiefeln meiner Jungs wert." Zudem neigt er zu Widersprüchen. Die Militärbeobachter, die er jetzt in seiner Gewalt hat, nannte er zeitweise "Kriegsgefangene", dann wieder seine "Gäste". Dann ließ er die Welt wissen, dass er sie nur im Tausch gegen inhaftierte Gefolgsleute freilassen würde.

Ein Warlord mit Rückhalt

Ponomarjow kommt nicht wie ein Bürgermeister daher, sondern wie ein Warlord. Um seine Ziele zu erreichen, sind ihm offenbar alle Mittel recht, nicht nur verbal. Seine prorussischen Milizen patrouillieren in den Straßen Slawjansks und nehmen Medienberichten zufolge willkürlich Menschen fest. Ponomarjow rechtfertigt das damit, dass er die Bürger der Stadt vor "Faschisten" beschützen müsse. Gemeint sind damit radikale nationalistische Gruppen in der Ukraine. Mitte Mai will er die Stadt mit einem Referendum in die Unabhängigkeit führen und behauptet schon jetzt, die meisten Menschen auf seiner Seite zu haben.

Und damit hat er nach Angaben von n-tv Reporter Dirk Emmerich womöglich sogar recht. "In Slawjansk gibt es eine große Unzufriedenheit mit der Regierung in Kiew", berichtet er aus der besetzten Stadt. "Die Bereitschaft, die Stimmung, die die Milizen schüren, aufzunehmen, ist groß." Emmerich macht allerdings auch deutlich, dass die Verhältnisse von Slawjansk nicht zwingend für den Rest der Ostukraine gelten. Das zeigen auch Umfragen in wirtschaftlich stärkeren Orten wie Donezk. Nach Angaben des Kiew International Instituts for Sociology halten dort nur 20 Prozent radikale ukrainische Nationalisten für eine Gefahr. Bewaffnete Kämpfer wie die Truppen Ponomarjows sehen dagegen 40 Prozent als Bedrohung. Das Institut ist zwar staatlich, gilt aber als unabhängig.

Er ist unberechenbar

Das größte Rätsel rund um Ponomarjows Identität ist wohl, wie eng seine Beziehungen zu Moskau sind. Der Kreml bestreitet, Einfluss auf den "Bürgermeister" zu haben. n-tv Reporter Emmerich geht zwar auch davon aus, dass Putin nicht direkt mit Ponomarjow spricht. Er sagt allerdings auch: "Es ist offensichtlich, dass die Aktionen in der Ostukraine koordiniert sind. Die Spur führt klar nach Moskau."

Aber auch unabhängig von direkten Kontakten erscheint kaum vorstellbar, dass ein prorussischer Aktivist nicht auf das Wort Wladimir Putins hören würde. Vorausgesetzt zumindest, er hat noch alle Sinne beisammen. Allerdings gibt es bei Ponomarjow auch daran Zweifel. Der ukrainische Präsidentschaftskandidat Pedro Poroschenko sagte kürzlich über Ponomarjow: "Er ist völlig durchgedreht und bereit, seine Waffen auch auf Ausländer zu richten." So weit würde Reporter Emmerich zwar nicht gehen, er hält ihn aber für "unberechenbar".

Für Diplomaten in Europa und den USA wird die Lage durch all die leeren Stellen in Ponomarjows Biografie und in seinem Persönlichkeitsbild nicht einfacher. Sie wissen nicht, mit wem sie es zu tun haben, geschweige denn, wie sie mit ihm verhandeln sollen, falls er tatsächlich ein "durchgedrehter" Alleingänger sein sollte.

Quelle: n-tv.de

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