Politik

Wikileaks-Gründer sitzt seit 365 Tagen fest Der Sturz des Whistleblower-Königs

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Verlässt Assange die Botschaft, verhaften britische Polizisten den Gründer von Wikileaks.

(Foto: Reuters)

Am 19. Juni 2012 flüchtet Julian Assange in die ecuadorianische Botschaft in London. Er will einer Auslieferung an Schweden entgehen, wo Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn erhoben wurden. Heute verharrt der Gründer von Wikileaks noch immer in dem Gebäude. Wie hat sich das Jahr in der Botschaft auf Assange ausgewirkt?

Schon als Wikileaks für die breite Öffentlichkeit noch eine Unbekannte war, beschrieben Eingeweihte Julian Assange als Exzentriker mit großem Hang zu Verschwörungstheorien. Eine Darstellung, die noch immer auf den Gründer der heute bekanntesten Enthüllungsplattform der Welt zutrifft.

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Das Interesse an Assanges Auftritten auf dem Balkon der ecuadorianischen Botschaft sinkt. Mitunter scheint die Zahl der Polizisten die der Unterstützer zu übertreffen.

(Foto: Reuters)

Als Assange in der vergangenen Woche einen Reporter der Nachrichtenagentur AFP empfing, trat er ohne Schuhe auf. Er habe sich in der Enge seiner Unterkunft daran gewöhnt, sich in Strümpfen zu bewegen, sagte er. "Es gibt schlimmere Schicksale als das meine." Mit der indischen Tageszeitung "The Hindu" sprach er kurz darauf über die "neo-besatzerischen" Vereinigten Staaten, die mit ihren Überwachungsmethoden am Rande eines neuen "Totalitarismus" stünden.

Ist Assange also noch ganz der Alte? Obwohl er heute schon seit genau einem Jahr in der ecuadorianischen Botschaft in London verharrt? Exzentrik hin, grenzenloses Misstrauen gegen Washingtoner Obrigkeit her - was nach 365 Tagen in seinem selbst gewählten Exil im Innersten des Menschen Assange vorgeht, weiß glaubhaft dieser Tage niemand zu bezeugen. Sicher ist nur: Der Blick auf den einstigen König der Whistleblower hat sich verändert. Der 41-Jährige ist nur noch eine Medienfigur, die gelegentlich mit Auftritten auf dem Botschaftsbalkon Stoff für kurze Berichte liefert. Sein Einfluss verflüchtigt sich.

Assanges gebrochenes Versprechen

Früher war Assange als Hacker bekannt. Seit der Australier im Jahr 2006 Wikileaks gründete, galt er als politischer Aktivist. Erstmals für weltweites Aufsehen sorgte er mit seiner Plattform, als er im April 2010 die Videoaufnahmen des Angriffs eines US-Kampfhubschraubers auf Zivilisten und Reporter der Nachrichtenagentur Reuters im Irak veröffentlichte. Wikileaks bekam die Aufnahmen zusammen mit einer Reihe anderer geheimer Dokumente von US-Soldat Bradley Manning, dem in den Vereinigten Staaten zurzeit der Prozess gemacht wird. Manning war es auch, der die Daten für den nächsten Coup Assanges lieferte. Im November 2010 veröffentlichte die Plattform mehr als 250.000 interne Berichte von US-Botschaften auf der ganzen Welt – teils mit vertraulichen Informationen und immer wieder mit ehrabschneidenden Einschätzungen über Politiker anderer Staaten. Die als "Cablegate" bekannt gewordene Affäre entwickelte sich zu einem diplomatischen Desaster für die Vereinigten Staaten. Das Vertrauen in die US-Diplomatie war dahin.

Etliche Beobachter führten diese gewaltigen Enthüllungen auf das Prinzip von Wikileaks zurück. Assange stellte potenziellen Informanten eine Internet-Plattform zur Verfügung, auf die sie sensible Daten hochladen konnten. Erst nach einer gründlichen Plausibilitätsprüfung veröffentlichte Wikileaks die Dokumente. Das große Versprechen Assanges: Anonymität und Glaubwürdigkeit.

Dass dieses Prinzip nicht hielt, was Assange versprach, war schon klar, als sich der Wikileaks-Gründer in die ecuadorianische Botschaft flüchtete. Der Name seines Hauptinformanten Manning war da längst in der Welt. Noch verheerender: Die Cablegate-Dokumente tauchten versehentlich unredigiert im Netz auf und ließen Rückschlüsse auf eine ganze Riege von Informanten zu. Assange verprellte etliche Finanziers des Wikileaks-Projekts. Für neue aufwendige Recherchen fehlt heute das Geld. Vor allem aber verspielte Assange das Vertrauen der Whistleblower.

Informanten wenden sich unmittelbar an Journalisten

All das geschah noch vor seiner Flucht in die Botschaft. Was Assanges Status in den vergangenen zwölf Monaten drastisch schadete, war, dass sich ganz deutlich zeigte: Für die großen Enthüllungen wie Cablegate oder die Kriegstagebücher aus dem Irak und Afghanistan braucht es Plattformen wie Wikileaks überhaupt nicht.

Im April gelangten die Offshore Leaks an die Öffentlichkeit, eine Datensammlung, die die weltweiten Strukturen von Steuerricks und -hinterziehung in Steueroasen offenlegte. Der bis heute anonyme Informant wendete sich mit seinen Daten unmittelbar an klassische Medien wie die "BBC", "Le Monde" oder die "Süddeutschen Zeitung". Und vor kaum zwei Wochen enthüllte der Techniker Edward Snowden das Prism-Programm der National Security Agency (NSA). Eine Methode, mit der die Geheimdienste der Vereinigten Staaten mit Hilfe von Unternehmen wie Facebook und Google weltweit Informationen von Internetnutzern abschöpfen. Auch Snowden vermied Umwege über Whisleblower-Plattformen. Er bevorzugte die Zusammenarbeit mit Journalisten des britischen "Guardian".

"Wir haben gesiegt"

Kurz vor seinem 356. Tag in der Botschaft sah sich Assange dennoch als Gewinner: "Wir waren eine kleine radikale Webseite, entschlossen, die Wahrheit über den Krieg, die Geheimdienste und die großflächige Korruption zu enthüllen, indem wir frontal das Pentagon und das Außenministerium angriffen", sagte er AFP. "Unsere Chance zu siegen? Waren praktisch null. Doch wir haben gesiegt."

In einem Punkt kann Assange da niemand widersprechen: Die Geheimnisse, die für die US-Regierung teils beschämende Ausmaße annahmen, sind in der Welt. Und sie zählen zu den gewaltigsten Enthüllungen der jüngeren Geschichte. Doch beim Blick auf die Zukunft Assanges und seines Projekts, kann von einem Sieg kaum die Rede sein.

Assange bleibt in der Botschaft

Wikileaks spielt keine Rolle mehr. Und die Lage von Gründer Assange erscheint ausweglos. Zwar ist Ecuador nach wie vor bereit, ihn aufzunehmen, London verwehrt ihm jedoch die Ausreise. Verlässt er das Botschaftsgrundstück, verhaften ihn britische Polizisten und überstellen ihn an die Behörden Schwedens. Die wollen ihn wegen Vergewaltigungsvorwürfen verhören. Laut Assange handelt es sich dabei um eine Intrige, er fürchtet, an die USA ausgeliefert zu werden. Große Teile von Politik und Justiz in Europa legen diese Befürchtung aber in der Schublade Verschwörungstheorien ab.

Nachdem Assange alle juristischen Auseinandersetzungen gegen seine Überstellung an Schweden verloren hat, liegt ein EU-weiter Haftbefehl gegen ihn vor. Auf absehbare Zeit wird sich Assange nicht wieder abgewöhnen müssen, sich in Strümpfen zu bewegen. Er bleibt womöglich noch Jahre in der ecuadorianischen Botschaft gefangen. Daran hat er offensichtlich selbst kaum noch Zweifel: In einem Interview mit dem französischen Philosophen Alexandre Lacroix sagte er kürzlich, er wolle sich einem neuen Projekt widmen. Er arbeitet an einem Verschlüsselungsverfahren, das alle Informationen im Internet fälschungssicher macht und vor Manipulationen "öffentlicher und privater Supermächte" schützt. Eine Aufgabe, die er vielleicht auch in seiner selbst auferlegten Isolation vorantreiben kann.

Quelle: n-tv.de