Politik

Corona-Chaos in Italien Der Vulkan ist längst ausgebrochen

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Die italienische Ärztin Elisabetta Teti arbeitet in einer Klinik in Rom.

(Foto: AP)

Anders als noch im Frühjahr reagieren die Italiener zunehmend allergisch auf die Corona-Maßnahmen der Regierung. Die Pandemie habe Missstände verschärft, auf welche die Politik seit Jahren keine Antworten mehr hat, meint Giancarlo De Cataldo. Der Schriftsteller sieht die Demokratie in Gefahr.

Wer auf Italiens Landkarte schaut, erblickt seit Donnerstag voriger Woche einen in drei Farbzonen aufgeteilten Stiefel. Gelb steht für ein moderates, Orange für ein mittleres und Rot für ein hohes Infektionsrisiko. Anders als im Frühjahr ist das Coronavirus jetzt im ganzen Land stark verbreitet und die Lage verschärft sich von Tag zu Tag. Am Freitag zählten die Behörden 28.872 Neuinfizierte und 550 Todesfälle. Angesichts dieser Zahlen fordern Virologen seit Tagen einen zweiten landesweiten Lockdown.

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Premier Giuseppe Conte will die komplette Schließung jedoch vermeiden. In einem Interview mit der Tageszeitung "La Stampa" sagte Conte jüngst: "Die wirtschaftlichen Folgen wären zu gravierend und außerdem würde dies bedeuten, dass wir keine Strategie haben." Daher also der Entschluss, chirurgisch vorzugehen. Neben der in ganz Italien geltenden Ausgangssperre von 22 bis 5 Uhr morgens und der Schließung von Kinos, Theatern und Museen, wird der Rest des Alltags von der jeweils zugewiesenen Farbe bestimmt.

In den roten Regionen, zu denen die Lombardei, Piemont, das Aosta-Tal, die autonome Provinz Bozen und Kalabrien gehörten, und seit Sonntag auch die Toskana und Kampanien, dürfen die Einwohner nur aus beruflichen oder gesundheitlichen Gründen aus dem Haus gehen. Für Lokale und Gaststätten sind nur Take-away und Lieferungen erlaubt, im Einzelhandel dürfen nur Lebensmittelgeschäfte, Apotheken und wenige andere öffnen. Präsenzunterricht gibt es nur noch bis zur 6. Klasse.

Staat und Regionen im Dauerclinch

Die neue Strategie hat jedoch in den meisten Verwaltungen der rot gefärbten Regionen für großen Unmut gesorgt. Der Präsident der Lombardei und Lega-Politiker Attilio Fontana sprach von einem "Schlag ins Gesicht für die ganze Region", sein Parteivorsitzender Matteo Salvini wittert in diesem Beschluss gar eine Verschwörung gegen die vom Mitte-Rechts-Lager regierten Provinzen Piemont, Lombardei und Kalabrien.

"Persönlich finde ich die Aufteilung je nach Infektionsgefahr richtig", sagt der Richter und Schriftsteller Giancarlo De Cataldo, dessen politische Krimis "Suburra", "Der König von Rom" oder "Romanzo Criminale" auch in Deutschland großen Erfolg hatten. Der Versuch, zumindest einen Teil der Wirtschaft zu retten, sei absolut nachvollziehbar. Vermissen würde er jedoch klare Ansagen, die, so streng sie auch sein mögen, weitaus hilfreicher wären als dieser abwechselnd martialische und paternalistische Ton, der von der Politik, aber auch von den Medien an den Tag gelegt werde.

Italienische Medien schreiben, dass die Oppositionsparteien aus der Pandemie politisches Kapital schlagen wollen und deswegen die Mitte-Rechts-Präsidenten ständig im Clinch mit Rom stünden. Dazu will sich De Cataldo nicht äußern. Wichtiger ist es ihm, auf die Ursachen dieser Auseinandersetzungen hinzuweisen. Nach dem Krieg hatten sich die Verfassungsväter für einen Zentralstaat entschlossen, der regionalen und lokalen Verwaltungen aber eine gewisse Autonomie zuerkannte.

Zusätzliche Entscheidungsbefugnisse im Zuge jüngerer Reformen führten dazu, dass sich die Kompetenzen zwischen Zentralstaat und Regionen immer stärker überschneiden. Auch die dramatischen Bilder dieses Frühjahrs aus Bergamo sind eine Folge davon. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft in Bergamo zur Frage, ob der Präsident der Lombardei Fontana die Provinz nicht auch eigenständig zum Quarantänegebiet hätte erklären dürfen - beziehungsweise müssen.

Fehler der Vergangenheit rächen sich

Dieselbe Kompetenzfrage stellte sich im Fall von Kampanien. Seit Wochen streitet sich der Präsident der Region Vincenzo De Luca mit der Bildungsministerin. Diese stellt sich strikt gegen die landesweite erneute Schließung aller Schulen, dennoch hat De Luca diese in seiner Region schon Mitte Oktober angeordnet. „Das alles zeigt, dass eine Reform dringend notwendig ist“, sagt De Cataldo.

Anders als bei der ersten Infektionswelle scheinen sich die Italiener nur noch widerwillig den neuen Verordnungen anzupassen. In den letzten Wochen kam es immer wieder zu Demos mit gewalttätigen Ausschreitungen. Und das nicht nur in Neapel oder Palermo, sondern auch in Mailand und Turin, wo Schaufenster namhafter Modelabels eingeschlagen wurden. Die Solidarität schwindet.

Die Mailänder fragen sich, warum Kampanien oder Neapel trotz hoher Infektionszahlen noch immer in der gelben Zone liegen - und sie vermuten, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. In Kalabrien steht das Gesundheitssystem wegen einstiger Mafia-Infiltrationen seit zehn Jahren unter kommissarischer Führung. Zu einer besseren Verwaltung hat das aber nicht geführt, wie die Pandemie jetzt zeigt. Der neapolitanische Schriftsteller Roberto Saviano mahnte unlängst, die italienische Gesellschaft sei ein Vulkan, der jeden Moment explodieren könne.

"Der Vulkan explodiert schon seit Jahren", kontert De Cataldo. "Und nicht nur in Italien, sondern in der ganzen westlichen Welt." Der fortschreitende Populismus sei der Beweis dafür, dass diese Demokratien nicht mehr in der Lage seien, ihre Schwachpunkte zu beheben. Soziale Ungerechtigkeit und mangelnde Zukunftsperspektiven seien der Nährboden für Wut und Verzweiflung, auf denen der Populismus aufbaut. Die Gesellschaft drifte immer mehr auseinander, hebt De Cataldo hervor, und die Pandemie habe den Notstand weiter verschärft.

"Während des ersten Lockdowns haben wir Schriftsteller Videos ins Netz gestellt, in denen wir unsere Mitbürger aufforderten, zu Hause zu bleiben und ein gutes Buch zu lesen", erzählt er. "Irgendwann ist mir aber klar geworden, dass ich, in der Geborgenheit meiner vier Wände im Zentrum von Rom, leichtes Reden habe. Ich bin mir wie Marie-Antoinette vorgekommen." Der französischen Königin, die im Zuge der Revolution auf dem Schafott hingerichtet wurde, wird das Zitat "Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen" zugeschrieben.

In Italien rächen sich die Versäumnisse der Vergangenheit. In den letzten drei Jahrzehnten wurde zunehmend am Sozialstaat geschliffen. Vor allem am Gesundheitswesen. Wie hätte man auf die Pandemie reagiert, gäbe es noch die ausreichende Zahl an Krankenhäusern, Betten, sanitären Einrichtungen und die generell die Grundversorgung von einst, fragt De Cataldo. Er fordert: "Wir müssen Antikörper gegen die angerichteten Schäden finden." Denn es gehe nicht ausschließlich um den jetzigen Kampf gegen das Coronavirus, sondern auch um die Zukunft der westlichen Demokratien.

Quelle: ntv.de