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Photovoltaik und Offshore-Wind "Der Zubau muss gesteuert werden"

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Der Offshore-Ausbau wird für eine Erhöhung der EEG-Umlage sorgen.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Die starke Steigerung der EEG-Umlage ist eine Folge davon, dass man den Photovoltaik-Zubau aus verschiedenen Gründen nicht mengenmäßig steuert", sagt der Energieexperte Bernd Wenzel. Dieser Fehler werde nun beim Ausbau der Offshore-Windanlagen wiederholt.

n-tv.de: Wenn es darum geht, wie der Strompreis stabil gehalten werden kann, konzentriert sich die Politik, namentlich Wirtschaftsminister Rösler, immer sehr auf die EEG-Umlage. Halten Sie das für nachvollziehbar?

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Bernd Wenzel leitet das Ingenieurbüro für neue Energien (IfnE). Für das Bundesumweltministerium prüft er die Umlageprognosen der Stromnetzbetreiber.

(Foto: IfnE)

Bernd Wenzel: Aus seiner Interessenslage ist das nachvollziehbar - als Wirtschaftsminister ist Rösler zunächst für die klassische Energiewirtschaft zuständig. Die Zuständigkeit für die erneuerbaren Energien, unter anderem für das Erneuerbare-Energien-Gesetz, liegt beim Umweltministerium. Er kann also mit dem Finger auf die anderen zeigen.

Dennoch würde eine Kappung der Ökostrom-Vergütung den Strompreis nicht dauerhaft stabilisieren oder gar senken, ...

... weil für die bereits gebauten Anlagen weiterhin bezahlt werden muss, richtig. Das ist gewissermaßen wie ein Kredit. Der muss abbezahlt werden.

Im Oktober geben die Übertragungsnetzbetreiber bekannt, wie hoch die EEG-Umlage im kommenden Jahr sein wird. Zeichnet sich da schon eine Zahl ab?

Derzeit liegt sie bei 3,59 Cent je Kilowattstunde. Im vergangenen Jahr hatten wir wieder einen auch von den Übertragungsnetzbetreibern nicht erwarteten starken Zubau bei der Photovoltaik. Im kommenden Jahr könnte vor dem Komma daher eine 4 stehen. Aber das ist nur eine Schätzung.

Gäbe es eine Möglichkeit, die EEG-Umlage zu senken?

Man könnte die Ausnahmeregelungen für die energieintensiven Industrien reduzieren. Zumal die Unternehmen, die in den Genuss dieser Ausnahmeregelungen kommen, keineswegs alle wirklich energieintensiv sind. Bei den "nicht-privilegierten Verbrauchern" würde die EEG-Umlage dann sinken. Die weitgehende Befreiung von Teilen der Industrie von der EEG-Umlage erhöht die EEG-Umlage für die anderen um mehr als 20 Prozent. Das sind immerhin 0,6 Cent pro Kilowattstunde.

Rösler würde argumentieren, diese zusätzliche Belastung kann die Wirtschaft nicht stemmen.

Das ist eine Frage der Prioritäten und für einige Unternehmen bestimmt der Fall. Allerdings wurden die Ausnahmeregelungen zuletzt mit dem EEG 2012 erneut auch auf Unternehmen ausgeweitet, die weder stromintensiv sind noch hierdurch international Wettbewerbsnachteile zu befürchten hätten. Es geht hier nachvollziehbar darum, erstmal Energiekosten zu reduzieren. Für den normalen Stromverbraucher und die nicht-privilegierte Industrie, Handel und Gewerbe bedeutet das eine weiter steigende Belastung.

Wäre es gerechtfertigt zu sagen, die Energiewende zahlt der sprichwörtliche kleine Mann?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Die privilegierte Strommenge liegt bei etwa 90 bis 100 Terawattstunden, die nicht-privilegierte Strommenge bei 400 Terawattstunden. Die verbraucht nicht nur der "kleine Mann".

War der Ausstieg aus der Atomkraft rein vom Strompreis aus betrachtet möglicherweise ein Fehler?

Merit Order

Die "Merit Order" ist die Einsatzreihenfolge derKraftwerke bei der Bildung des Strombörsenpreises: Die Nachfrage wird zunächstmit dem günstigsten Kraftwerk bedient, bei steigendem Bedarf mit dem jeweilsnächstteuren. Das teuerste Kraftwerk bestimmt den Strombörsenpreis. Da Stromaus erneuerbaren Energien Vorfahrt hat, sinkt der Börsenpreis, je mehr Ökostromeingespeist wird.

Atomstrom ist zwar in der Herstellung sehr viel billiger als Strom aus erneuerbaren Energien. Aber der Großhandels-Strompreis wird von den Atomkraftwerken nicht nennenswert beeinflusst. Das haben wir ja beim Ausstieg gesehen: Der Strompreis ist dadurch nicht gestiegen. Die Effekte, die den Strompreis bestimmen, sind wegen der sogenannten "Merit Order" andere. Primär sind das die Brennstoffkosten und der CO2-Emissionshandel.

Dann müsste Herr Rösler den Ausstieg aus dem Emissionshandel fordern.

Das kann er nicht, das ist eine europäische Vereinbarung. Grundsätzlich ist der Emissionshandel auch sinnvoll - die Idee dahinter ist, einen Anreiz zu schaffen, stärker in Energieeffizienz zu investieren. Nur funktioniert der Emissionshandel im Moment leider nicht, beziehungsweise der Zertifikatspreis ist viel zu niedrig, um Wirkungen auszulösen. Aber das ist ein Thema für sich.

Preistreiber beim Strompreis ist also nicht nur die Photovoltaik.

Nein, aber sie ist durchaus ein großer Brocken - übrigens auch dann, wenn der Bundesrat der Kürzung der garantierten Vergütung zustimmt. Wenn der Zubau weiter so hoch bleibt wie zuletzt, dann wird das die Kosten kaum senken. In den vergangenen beiden Jahren hatten wir einen Zubau bei der Photovoltaik um jeweils 7500 Megawatt. Nach meiner persönlichen Ansicht ist ein jährlicher Zubau in dieser Höhe zur Zielerreichung gemäß Energiekonzept nicht erforderlich und aus Sicht der Systemtransformation auch eher problematisch.

Sie halten die Absenkung der Ökostrom-Vergütung demnach für falsch?

Nein, ich halte die Grundannahme dahinter für falsch. Die starke Steigerung der EEG-Umlage ist eine Folge davon, dass man den Photovoltaik-Zubau aus verschiedenen Gründen nicht mengenmäßig steuert. Über die Vergütungssätze funktioniert das nicht. Mittlerweile kommt zur Photovoltaik noch der Ausbau der Offshore-Windanlagen. Auch hier bekommen die Betreiber fast 20 Cent pro Kilowattstunde, vergleichbar neuen Photovoltaikanlagen. Und das ist ja auch gewollt: Bis 2020 sollen in Nord- und Ostsee 10 Gigawatt installiert werden.

Mit anderen Worten, der Strompreis wird weiter steigen.

So ist es. Selbst wenn Sie der Photovoltaik sofort den Hahn abdrehen würden, was schon aus Gründen der Standortsicherung nicht sinnvoll wäre, würden die Kosten weiter steigen. Denn Offshore ist im Vergleich mit Wind an Land auch sehr teuer. Auch die nächste Emissionshandelsperiode ab 2013 wird sich kostenerhöhend auswirken, wenn sich wieder ein Zertifikatspreis von etwa 20 Euro pro Tonne einstellen sollte.

Es gibt keine Möglichkeit, den Strompreis zu stabilisieren?

Umsonst ist der Umstieg in eine erneuerbare und nachhaltige Energiewirtschaft nicht zu haben. Darüber muss man sich im Klaren sein. Man kann über die Geschwindigkeit sprechen. Aber das hätte man schon vor ein paar Jahren machen müssen. Und damals gab es keine Bereitschaft, den Photovoltaik-Zubau zu deckeln.

War der Einstieg in die erneuerbaren Energien falsch?

Nein, die Abkehr von den fossilen Energieträgern ist auf jeden Fall richtig. Denn die verursachen Kosten für die Gesellschaft, die im Strompreis nicht auftauchen, sogenannte externe Kosten. Insofern kann man nachhaltige und fossile Stromerzeugung nicht wirklich miteinander vergleichen. Am Ende hat man zwar in beiden Fällen Strom. Aber die Umweltfolgen sind völlig unterschiedlich.

Nun stehen wir bei der Energiewende ja noch ziemlich am Anfang - bei den Netzen ist zum Beispiel noch nicht viel passiert -, und schon jetzt wird über die Kosten diskutiert. Müssen wir über ein anderes Finanzierungsmodell nachdenken, beispielsweise über eine staatliche Finanzierung?

Davon halte ich gar nichts. Niedrige Energiepreise sorgen für Fehlentwicklungen beim Verbrauch. Die Amerikaner zum Beispiel haben einen doppelt so hohen Pro-Kopf-Stromverbrauch, weil die Energiepreise aufgrund geringer Steuern bei ihnen etwa halb so hoch sind. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Energiepreisen und Energieeffizienz. Auch für Unternehmen und Privatleute sind steigende Energiepreise ein wachsender Anreiz, mehr auf Energieeffizienz zu achten. Beim Auto sehen wir, dass steigende Spritpreise die Kaufentscheidung beeinflussen. Das brauchen wir auch bei Haushaltsgeräten und industriellem Energieverbrauchern. Ich sehe deshalb keinen Sinn darin, die Energiepreise künstlich niedrig zu halten und so Verschwendung zu fördern. Hören Sie sich mal um: Viele Leute wissen nicht mal, wie hoch ihr Stromverbrauch ist! Da gibt es ein hohes Einsparpotenzial, das zeigen auch die Stromsparwettbewerbe. Es ist nunmal so, dass Verhaltensänderungen am wirkungsvollsten über das Portemonnaie ausgelöst werden.

Mit Bernd Wenzel sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de