Politik

Riesige Erwartungen an Ex-Militär Die Ägypter haben die "Sisimania"

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Wahlwerbung à la Ägypten und der Beweis dafür, dass der Titel "Pharo" für Sisi gar nicht so weit hergeholt ist.

(Foto: AP)

Mit einem selten dagewesenen Medienhype wird in Ägypten der frühere Feldmarschall Abdel Fattah al-Sisi ins Präsidentenamt gehoben. Doch nicht alle machen da mit. Besonders die Jugend will keinen zweiten Mubarak.

Ob die "Sisimania" in Ägypten noch lange anhält, wenn Abd al-Fattah al-Sisi erst einmal offiziell zum Präsidenten gekürt worden ist? So hochgejubelt und vollgepumpt mit Erwartungen ist die Ikone Sisi, dass der Neu-Politiker kaum Wahlkampf zu führen brauchte. Doch die Erwartungen an den ehemaligen Feldmarschall wiegen auch schwer. An diesem Montag und Dienstag waren 55 Millionen Ägypter zum Wählen aufgerufen, spontan verlängerten die Behörden den Urnengang noch um einen Tag. Die Wahlbeteiligung ist selten niedrig. Vielleicht, weil das, was offiziell Präsidentschaftswahl heißt, auch eine "Volksabstimmung zur Legitimierung einer gewissen Form von Restauration" ist, wie Politologe und Ägyptenkenner Asiem El Difraoui sagt. Insbesondere die Jugend, die 2011 so viel Hoffnung in den Neuanfang nach der 30 Jahre langen Mubarak-Ära steckte, will da nicht mitmachen.

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Plakate im Stadtteil Gamaliya in der islamischen Altstadt von Kairo. Hier wuchs Abd al-Fattah al-Sisi auf.

(Foto: dpa)

Dennoch erlebt Ägypten mit dem Präsidentschaftskandidaten der Armeeregierung einen selten dagewesenen Medienhype um den 59-Jährigen. Seit Wochen wimmelt die ägyptische Welt von Sisi-Plakaten, Graffitis, Wimpeln, Fahnen, Aufklebern, T-Shirts, sogar Geldscheinen. Kaum eine Heckscheibe in Kairo kommt ohne Sisi aus, keine Hauswand, kein Betonpfeiler. An den Wahltagen stehen auf einer großen Nilbrücke, die auf das Zentrum von Kairo zuführt, mehr als mannshohe Papp-Pyramiden mit dem Konterfei Sisis und der Wahlaufforderung.

Die Restauration, wie Difraoui sie nennt, hat vor zehn Monaten nicht ganz so bunt und fröhlich begonnen wie die Jubelumzüge zum Beginn dieser Sisi-Ära, die zur Wahl allenthalben in Kairo zu sehen sind. Im Juli 2013 wurde der Präsident aus den Reihen der Muslimbrüder, Mohammed Mursi, vom Militär abgesetzt. Es folgten Monate blutiger Auseinandersetzungen mit dessen Anhängern. Seitdem sind laut der Aktivisten-Plattform "Wiki Thawra" mehr als 41.000 Menschen ins Gefängnis gesteckt worden. Die Hälfte davon sollen Muslimbrüder sein. Sie wurden als stärkste politische Gegenbewegung erst verboten, dann als Terrororganisation eingestuft. Aus dem politischen Leben sind sie inzwischen vollkommen verschwunden.

Sisi steht in den Augen einer Mehrheit der Ägypter für Stabilität und Sicherheit. Das gilt auch für die Kopten, deren Kirchen nach dem Sturz Mursis immer wieder von radikalisierten Muslimbrüdern angegriffen wurden. Dass das Militär die Muslimbrüder gnadenlos verfolgen ließ, halten viele für richtig. Was die anderen Verhaftungen angeht, schauten viele Ägypter weg, sagt Sonja Hegasy vom Zentrum Moderner Orient in Berlin. In letzter Zeit sind nicht mehr nur Islamisten, sondern vermehrt Aktivisten aus der Demokratiebewegung und Journalisten von willkürlichen Verhaftungen betroffen.

Sisi-Wähler sehen keine Alternative

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Pro-Sisi-Jubelumzug in Kairo. Die Menschen erhoffen sich von dem Ex-Feldmarschall vor allem Stabilität.

(Foto: AP)

Die "Sisimania" ist kein überraschendes Phänomen. Schon bei der Wahl Mursis vor zwei Jahren war die Entscheidung knapp ausgegangen. Fast die Hälfte der Stimmen hatte schon 2012 Ahmad Schafik, der für das System Mubarak stand, auf sich vereinen können. Zu den Sisi-Unterstützern gehören heute aber noch viel mehr Menschen. Jene zum Beispiel, denen es jetzt reicht mit dem Chaos. Der frühere Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Mussa hat ebenso zur Wahl Sisis aufgerufen wie das Tamarrod-Bündnis, das die Massenproteste gegen Mursi 2013 organisierte. "Auch viele, die nicht der Sisimania verfallen sind, wählen Sisi", sagt Asiem El Difraoui. "Sie halten inzwischen das Militär für die einzig funktionierende Institution des Staates, die Stabilität garantieren kann."

Die Abneigung gegen die Muslimbrüder ist so groß, dass viele auch gegen ihre Überzeugung für Sisi stimmen. Ein ganz großer Teil der Ägypter stimmt aber für niemanden - sie gehen einfach gar nicht zur Wahl. Besonders die Jugend hält sich auffällig von den Wahllokalen fern, berichten Reporter etwa aus Kairo. Die jungen Leute, die sich einst während der Revolution gegen Mubarak engagiert hatten, sind frustriert, abgetaucht oder im Gefängnis. Vor wenigen Wochen ließ Sisi auch die Jugendbewegung "6. April" verbieten.

Die soziale Frage kommt vor der Demokratie

Das größte Problem in Ägypten bleibt die große Armut. In den ersten drei Monaten müsse Sisi die soziale Frage angehen, sagt Sonja Hegasy. Sie sei in Ägypten der entscheidende Faktor. "Alles andere kommt weit dahinter", sagt Hegasy und meint damit zum Beispiel eine funktionierende Demokratie mit allem, was nach europäischen Maßstäben dazugehört. "Wahlen haben jetzt ohnehin nicht mehr den besten Ruf", sagt sie mit Blick auf die vielen Abstimmungen, die seit 2011 schon abgehalten wurden. "Bis jetzt hatten diese Wahlen und Referenden in Ägypten kein dauerhaftes Ergebnis."

An Sisi liegt es nun, den wirtschaftlichen Totalniedergang rückgängig zu machen, die Kriminalität in den Griff zu kriegen, dafür zu sorgen, dass der Tourismus wieder läuft und auch, dass etwas gegen die extreme Umweltverschmutzung getan wird. "Sisi muss jetzt liefern", sagt auch Asiem El Difraoui, der im vergangenen Jahr durch Ägypten reiste und in seinem Buch "Ein neues Ägypten?" beschrieb, wie die Gesellschaft in dem Land nach der Revolution tickt und was sie bewegt. Dass er liefern muss, wisse Sisi auch, doch ob er es kann, sei mehr als fraglich, so Difraoui. Vor Kurzem kündigte Sisi an, er werde innerhalb von zwei Jahren die politische Situation grundlegend verbessern.

Doch es hängt nicht allein am neuen Präsidenten. "Entscheidend wird sein, was für ein Parlament noch gewählt wird, ob es gelingt, eine handlungsfähige neue Regierung zu berufen, die auch unpopuläre Entscheidungen fällt und gleichzeitig repräsentativ ist", sagt Difraoui. Dazu gehörten etwa die staatlichen Subventionen, die irgendwann zurückgefahren werden müssten, ohne die Ärmsten zu stark zu treffen.

Dass Ägypten noch nicht bankrott und der Hungeraufstand nicht schon ausgebrochen ist, liegt im Moment allerdings weniger am glücklichen Händchen des seit August 2013 regierenden Militärrats mit Sisi an der Spitze, der für seine Kandidatur aus dem Militär ausgetreten ist. Das Nilland wird seit dem Sturz der Muslimbrüder aus nicht uneigennützigen Gründen von den reichen Golfstaaten, vor allem Saudi-Arabien, mit Milliarden gepäppelt. Denen ist eine autoritäre Regierung am Nil allemal lieber als eine islamistische.

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Quelle: ntv.de