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Bundeswehr überschreitet Leistungsgrenze Die Stimmung ist mieser denn je

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(Foto: REUTERS)

Der Wehrbeauftragte Königshaus zweifelt am Erfolg der Bundeswehrreform. Berichte aus der Truppe zeichnen ein verheerendes Bild. Die Soldaten sind so frustriert wie seit 1959 nicht mehr.

Das Aufklärungsbataillon 8 in Freyung kommt nicht zur Ruhe – seit 1998. Ein Auslandseinsatz folgt dem anderen. Allein die Feldwebel der Truppe verbrachten fast 1400 Tage in der gefährlichen Ferne. Mittlerweile zeigt der Dauereinsatz Folgen. 2013 wurde 47 Soldaten aus Freyung ihre Einsatzfähigkeit aberkannt. Sie konnten einfach nicht mehr.

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Hellmut Königshaus: "Die Bundeswehr steht an den Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit."

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Geschichte des Aufklärungsbataillons 8 ist nur eine von vielen, die sich im Jahresbericht des Wehrbeauftragten der Bundeswehr finden. Der Mann, der die Sorgen der Soldaten an die Öffentlichkeit tragen soll, Hellmut Königshaus, kommt daher zu einem bitteren Schluss: "Die Bundeswehr steht an den Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit", sagt der FDP-Politiker bei der Vorstellung seines Papiers. Mitunter seien diese Grenzen schon überschritten. Da es zu wenig Personal mit spezifischen Schlüsselqualifikationen gebe, hätten die Kräfte kaum Zeit, sich zwischen zwei Einsätzen zu erholen. Das führe zu Überlastung. "Viele Strukturen sind materiell hohl", sagt Königshaus. "Besserung zeichnet sich nicht ab." Weitere Einsätze unter diesen Umständen hält er für undenkbar.

Die Stimmung in der Truppe ist entsprechend mies - und das nicht nur wegen der gewaltigen Last der Auslandseinsätze. Der Bericht des Wehrbeauftragten dokumentiert 20 Prozent mehr Beschwerden aus der Truppe als im vergangenen Jahr und damit den höchsten Wert seit 1959. Davor gab es keine vergleichbaren Aufzeichnungen.

Ein Jahr des Umbruchs

Als einen entscheidenden Grund für den Frust macht Königshaus die Folgen der Neuausrichtung der Bundeswehr aus, die er nicht nur für die Überlastung bei Auslandseinsätzen mitverantwortlich macht. "2013 war für die Soldaten ein Jahr des Umbruchs", sagt er. In Deutschland wurden Standorte zusammengelegt, teils geschlossen. Königshaus berichtet von Soldaten, die vier Stunden am Tag zu ihrer Dienststelle pendeln müssten. Insgesamt beträfen lange Anfahrten fast 70 Prozent der Kräfte. Hinzu komme für viele Angestellte die Unsicherheit, wo, wie und ob sie überhaupt in Zukunft arbeiten können. Zur Bundeswehrreform gehört auch ein Personalabbau von 220.000 auf maximal 185.000 Soldaten.

Auch die Nachwuchsfrage belastet die Bundeswehr. Denn die Garantie dafür, neue Kräfte durch die Wehrpflicht an die Truppe heranzuführen, ist durch die Abschaffung der Wehrpflicht Geschichte. "Die neue Bundeswehr muss heute vor allem die Basis dafür schaffen, dass sie auch in Zukunft genügend und ausreichend qualifizierte Mitarbeiter finden kann. Das ist eine Überlebensfrage der Streitkräfte", sagt Königshaus und erinnert an die große Konkurrenz der Privatwirtschaft.

"Es braucht mehr als Bekenntnisse"

Angesichts der Berichte von Soldaten hat Königshaus Zweifel daran, dass die Reform ihr Ziel erreicht, nämlich eine höhere Einsatzfähigkeit, höhere Flexibilität, Demografiefestigkeit und geringere Kosten. "Es ist fraglich, ob die Bundeswehr wirklich einsatzfähiger, nachhaltig finanzierbar und attraktiver wird", so der Wehrbeauftragte. Königshaus setzt daher darauf, dass die neue Verteidigungsministerin, Ursula von der Leyen, die Neuausrichtung dort korrigiert, wo es noch nicht zu spät ist.

Für einige ihrer Vorstöße lobt der Wehrbeauftragte die CDU-Politikerin bereits. So etwa für die Veröffentlichung der lange unter Verschluss gehaltenen Studie zur sexuellen Belästigung von Frauen in der Truppe. Auch im Wehrbericht ist von alarmierenden Fällen die Rede: von Soldaten, die weibliche Truppenmitglieder nur als Kameradin "Doppel-D" bezeichnet haben, die sich gegen ihren Willen vor ihnen auszogen oder Schlimmeres.

Auch, dass von der Leyen die Bundeswehr Familienfreundlicher gestalten will, unterstützt Königshaus. Die Ministerin setzt auf Teilzeit für Soldaten und Tagesmütter in Kasernen. "Ich bin froh, dass die neue Ministerin die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den Mittelpunkt gerückt hat", sagt er.

Der Frust in der Truppe färbt allerdings auch auf ihn ab. Bei der Präsentation seines Jahresberichts wirkt Königshaus zumindest nicht so, als hätte er allzu großes Vertrauen darauf, dass auf von der Leyens Ankündigungen Taten folgen. Königshaus sagt: Die Maßnahmen müssten schnell umgesetzt werden. "Dazu braucht es mehr als bloße Bekenntnisse."

Quelle: n-tv.de

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