Jäger zu Gewalt in Golfregion"Die USA handeln völlig strategiefrei"
Ein Interview von Frauke Niemeyer
Iran blockiert die eine relevante Meerenge im Golf, die Huthis blockieren die andere. Bleibt das jetzt so? Und wie bekommt Europa das zu spüren? Thomas Jäger erklärt ntv.de, wie sich die Golfregion neu sortieren könnte.
ntv.de: Herr Jäger, der Iran kontrolliert die Straße von Hormus, die Huthis nehmen die Meerenge von Bab al-Mandab unter Feuer. Dazu greifen sie Ölpipelines und zuletzt auch Mekka an. Hingegen behauptet US-Präsident Donald Trump immer mal wieder, die USA hätten in der Straße von Hormus "complete control". Läuft es am Golf aus dem Ruder?
Thomas Jäger: Wenn wir all die Knoten entwirren, bleibt die Erkenntnis: Am Golf erleben wir gerade eine regionale Neuordnung. Schauen wir nochmal auf die alte: Sie war besonders von engen Bündnissen wichtiger Staaten mit den USA geprägt - Saudi-Arabien, Israel, die Türkei wären da zu nennen. Hingegen war der Iran isoliert. Diese Ordnung haben die Amerikaner aus eigenem Antrieb heraus zerstört.
In seiner ersten Amtszeit hatte Trump die Region mit dem Abraham-Abkommen noch stabilisiert.
Mit Staaten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und Marokko war eine Annäherung an Israel gelungen. Nun hätten die Saudis in diesen Prozess einsteigen sollen, aber das haben der Anschlag der Hamas am 7. Oktober und Israels Reaktion darauf verhindert. Mit dem Iran-Krieg ist die alte Ordnung nun also vorbei, und im Prozess, die Region wieder neu zu ordnen, geht alles durcheinander. Das überrascht nicht. Da wird viel probiert - mit Gewalt, mit Diplomatie, mit wirtschaftlichem Druck.
Die Gewalt an zwei Meerengen entfacht auch Druck auf die europäischen Staaten. Der Ölpreis steigt wieder. Haben sich die westlichen Staaten mit Blick auf ihre Ölreserven verkalkuliert?
Viele haben im Sommer auf ihre strategischen Reserven zurückgegriffen und weniger gekauft, was den Preis relativ stabil gehalten hat. Zudem gab es die Hoffnung, dass sich mit dem Öl aus Venezuela die Lage weiter entspannen könnte. Dazu wird es auch irgendwann kommen, ungefähr in sieben Jahren.
Herr Jäger, ernsthaft? Ein Effekt erst in sieben Jahren?
Die Ölfelder in Venezuela sind kaum erschlossen, es fehlen die nötigen Anlagen, um sie richtig auszubeuten. Da sind immense Investitionen nötig, von 100 Milliarden Dollar ist die Rede, und außer Chevron findet sich bisher kein Unternehmen, das bereit wäre, diese zu tätigen. Venezuela exportiert Krümel verglichen mit dem weltweiten Verbrauch, etwas mehr als ein Prozent. Es war also absehbar, dass der Punkt kommen würde, an dem sich die Zurückhaltung ins Gegenteil verkehrt, weil alle ihre strategischen Reserven auch wieder auffüllen müssen, zusätzlich zum aktuellen Verbrauch. Das Warten war aus meiner Sicht eine deutliche Fehlkalkulation.
Wenn nun zwei Wege aus der Golfregion nach Süden dicht bleiben sollten, verschärft das die Lage am Energiemarkt weiter?
Wenn die Huthis die Meerenge von Bab al-Mandab geschlossen halten, tut das Europa weniger weh als China und Asien. Richtung Norden können die Frachter über den Suezkanal raus, den halten die Ägypter offen, wenn nicht gerade ein Schiff quer steht. Asien bekommt die Wirkung zu spüren, und die Frage ist: Wann ist der Schmerzpunkt erreicht? Lässt China das weiterlaufen, bis es von seinen Nachbarn gebeten wird, einzugreifen? China wäre der Akteur, der die Straße wieder öffnen könnte. Peking hat Einfluss auf Teheran, Teheran hat Einfluss auf die Huthis.
Wie würde China seinen Einfluss geltend machen?
Die Chinesen sind die großen Ölabnehmer, sowohl aus Iran als auch aus Saudi-Arabien. Über ein Abkommen müsste geregelt werden, dass die Blockade aufgelöst wird, dass die Amerikaner sich zurückziehen, dass der Iran China wieder beliefern kann, dass auch saudisches Öl wieder in China ankommt. Da würde sozusagen das ganz große Rad gedreht. Es wirkt aber so, als seien die Chinesen auf die Lage vorbereitet gewesen. Sie hatten ausreichend Reserven angelegt und warten nun einfach ab, bis der Druck auf die anderen so groß ist, dass sie ein gutes Abkommen schließen können. China ist derzeit der große Profiteur des ganzen Prozesses, ohne dass es irgendetwas unternimmt.
Wie sehr profitiert aber auch der Iran von den derzeitigen Angriffen der Huthis?
Der Druck auf die Region, der sich durch die geschlossene Meerenge erhöht, kommt dem Iran sehr zupass. Teheran ist durch den Krieg aus seiner Isolation herausgekommen, weil nach dem Zusammenbruch der Ordnung viele Staaten jetzt wieder intensiver mit den Mullahs ins Gespräch kommen wollen. Der Oman versucht sich mit dem Iran auf einen Umgang mit der Straße von Hormus zu einigen, von dem beide profitieren. Die USA versuchen, genau diesen Prozess zu verhindern. Auch mit den anderen Golfstaaten will der Iran sich treffen. Vorerst kam es nicht dazu, weil man sich im Vorfeld schon zu uneins war. Ein Gesprächspartner ist auch Pakistan, das eine wichtige Rolle spielt, weil es auf beiden Seiten tätig ist - sowohl mit dem Iran in Verbindung steht als auch mit der Türkei und den Saudis. Russland unterhält intensive Beziehungen in den Iran und unterstützt militärisch bei Aufklärung und mit Rüstungsgütern. Und China. Peking ist der wichtigste Unterstützer des Iran.
Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei haben im August einen Verteidigungspakt geschlossen. Die USA spielten keine Rolle. Wenn sich die neue Ordnung herausbildet, könnten die USA überhaupt noch einmal eine maßgebliche Position einnehmen?
Noch ist es eine ganz offene Frage, ob sie das schaffen und ob sie überhaupt wollen . Vielleicht wird es stattdessen den Staaten in der Region gelingen, unter sich eine Sicherheitsordnung mit Wirtschafts- und Handelsbeziehungen auszuarbeiten, die sie selbst tragen und garantieren können. Womöglich kommt aber auch China durch die Hintertür und schickt sich - aufgrund ihrer guten Beziehungen zu quasi allen - mal an, dort die diplomatischen Fäden zu ziehen. Und dann engagieren sie sich vielleicht auch sicherheitspolitisch. In eine dieser drei Lösungen wird es wohl münden, aber noch lässt sich nicht absehen, in welche.
Welche Position haben die USA dort aktuell? Man versucht, mit Irans Parlamentspräsident Ghalibaf zu sprechen, zugleich werden US-Stützpunkte und Schiffe unter Feuer genommen.
Bislang fungierten US-Stützpunkte als Schutz für die Staaten, in denen sie sich befanden - Bahrain, Kuwait, Katar.
Inzwischen ist das wohl eher ein Risiko?
Der Krieg gegen den Iran, die Mutter aller Dummheit, hat dazu geführt, dass sich US-Stützpunkte plötzlich als Gefährdung herausstellen. Die Frage ist: Werden die Vereinigten Staaten in der Lage sein, diese Stützpunkte wieder so aufzubauen, dass sie Schutz bieten? Oder geben sie die Stützpunkte auf, weil sie sich ohnehin weitgehend aus der Region zurückziehen? Übernimmt womöglich jemand anderes?
Werden solche Optionen offen in den USA diskutiert?
In den USA war in einem Pentagon-Bericht zu den Kosten des Irankriegs vor einigen Tagen der Wiederaufbau der Stützpunkte nicht als Posten beziffert. Weil die Regierung noch nicht entschieden hat, ob sie das überhaupt will. Der 28. Februar 2026 lässt sich als der Tag identifizieren, an dem die USA ihre bisherige Rolle im Mittleren Osten aufgegeben haben. Die USA handeln momentan vollkommen strategiefrei.
Sollte sich am Golf eine Neuordnung formieren, an der die USA nicht mehr beteiligt sind, was würde das für Europa bedeuten?
Aus europäischer Sicht herrschte dort bislang eine angenehme Situation. Die USA haben sich um Dinge wie die Freiheit der Schifffahrt gekümmert. Wunderbar, also brauchten wir uns nicht kümmern. Wenn die USA sich zurückziehen, bleibt die Frage: Wer kümmert sich dann? Die Europäer sind nicht in der Lage, dort als Ordnungsmacht aufzutreten. Dafür braucht es eine starke Marine. Zwar haben wir im Roten Meer die Marineoperation Aspides laufen, aber die ist rein defensiv und zu klein. So lässt sich keine Ordnung schaffen. Für Europa wäre die schlechteste Entwicklung, wenn der jetzige chaotische Prozess länger andauert. Wenn man zwar mit Katar einen Liefervertrag über LNG abschließen kann, aber feststellen muss: Keine Ahnung, ob das Schiff auch bei uns ankommt.
Dann lieber China als künftige Ordnungsmacht?
Wenn China die Rolle der USA übernähme, wäre das kaum besser. Es würde die USA enorm zurückdrängen und wäre für Peking der Hauptgewinn. Denn Chinas Marine ist groß genug, also die Fähigkeit ist vorhanden. Bloß: Würden die Chinesen den Job genauso kostenlos machen wie die USA in der Vergangenheit? Oder welchen Preis würden sie aufrufen? Eine Abkehr der USA von ihrer aktuellen Politik wäre sehr zu wünschen, aber das lässt sich derzeit nicht kalkulieren. Hier entsteht für Europa ganz große Ungewissheit in einer wichtigen Region. Und uns fehlen die Fähigkeiten, um dort irgendetwas zu unternehmen.
Mit Thomas Jäger sprach Frauke Niemeyer