Politik

Pussy Riot reist um die Welt Die Zeit der Punk-Gebete ist vorbei

Kaum aus der Lagerhaft entlassen, sind die zwei bekanntesten Mitglieder der russischen Oppositionsband Pussy Riot auf Weltreise. Ihre Mission: "Die Wahrheit" aussprechen. Diese dürfte den Kreml kaum erfreuen.

Großer Vorhang für Pussy Riot am Rande der Berlinale: Nadeshda Tolokonnikowa und Maria Aljochina wirken etwas schüchtern, als sie den Saal der Pressekonferenz betreten und das Blitzlichtgewitter der Fotografen über sich ergehen lassen. Auf jeden Fall viel zurückhaltender, als man es nach den Video-Clips ihrer provokanten Punk-Auftritte in Moskau vor zwei Jahren hätte erwarten können.

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Maria Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa bei ihrer Pressekonferenz auf der Berlinale.

(Foto: dpa)

Im Rahmen der Veranstaltung "Cinema For Peace", die parallel zur Berlinale stattfindet, werben die beiden Frauen f ür "Pussy Riot - A Punk Prayer", eine Dokumentation über die Verhaftung nach ihrem Punk-Gebet in der Moskauer "Christus-Erlöser-Kathedrale" am 21. Februar 2012 - kurz vor der Wiederwahl Putins ins Präsidentenamt.

Fast zwei Jahre lang waren die beiden in Lagerhaft, bevor sie kurz vor Weihnachten von Präsident Putin begnadigt wurden. Der Kreml hatte auf einmal Sorge, dass der Fall Pussy Riot einen dunklen Schatten auf die Olympischen Winterspiele in Sotschi werfen könnte.

"Amnestie? Es war ein PR-Trick"

Für Wladimir Putin waren und sind die Olympischen Winterspiele eine Prestige-Veranstaltung auf dem Höhepunkt seiner Macht, die durch keine Negativ-Schlagzeilen gestört werden sollen. Gelungen ist ihm das nicht. Denn seit letzter Woche reisen Nadja und Mascha, wie sie von ihren Freunden genannt werden, um die Welt. Sie waren zunächst in New York und standen bei einem Amnesty-International-Konzert zusammen mit Madonna auf der Bühne.

Jetzt sind sie in Berlin. Klein beigeben? Nein, ihre Antworten auf die Fragen sind zwar leise, doch sie wirken entschlossen. Für die Wahrheit zu kämpfen heiße einfach, die Wahrheit auszusprechen. Deshalb seien sie hier, sagte Aljochina.

Ihre Freilassung sei ein PR-Trick Putins gewesen, von dem sich niemand blenden lassen solle. Ihr Ziel bleibe ein gerechtes, demokratisches Russland ohne Putin. Mit einer eigenen Plattform namens "Rechtszone" wollen sie sich stark machen für einen humaneren Strafvollzug und mehr Rechte für Gefangene in russischen Lagern.

"Seid Ihr bereit, bis zuletzt weiter über die Wahrheit zu berichten?", fragen sie die Journalistenrunde. In Russland müssten weiterhin Menschen wegen ähnlicher Vergehen wie ihrer mit langen Haftstrafen rechnen. So seien Teilnehmer einer Demonstration vom Mai 2012 im Moskauer Zentrum zu sechs Jahren Lager verurteilt worden - ohne die Aussicht auf eine Amnestie.

Ziviler Widerstand und Bürgerprotest

Sie wollen für ihre Plattform nicht nur moralische, sondern auch finanzielle Unterstützung. Mit dem Blogger Alexej Nawalny wollen sie zusammenarbeiten. Der Kreml-Kritiker ist einer der führenden Köpfe der russischen Opposition und im Dauer-Visier der Justiz. Ein Gericht verurteilte ihn im letzten Sommer in einem Schauprozess wegen mutmaßlicher Unterschlagung zu fünf Jahren Lagerhaft, hob das Urteil jedoch wieder auf. Nawalny durfte zu den Moskauer Bürgermeisterwahlen antreten und erzielte mit 27 Prozent einen Achtungserfolg.

Für Tolokonnikowa und Aljochina sind dies Anzeichen, dass die Macht von Putin bröckelt. Schauprozesse, Haftstrafen, Kriminalisierung von Kritikern - all dies zeige, dass der Staat nach Schuldigen für seine eigene Schwäche suche. Der russische Staat sei nicht mehr in der Lage, Fehler zu erkennen und einzugestehen, er suche nach Ventilen. Dagegen helfe ziviler Widerstand und Bürgerprotest. Davon werden sie auch in Zukunft nicht lassen.

Die Band "Pussy Riot" ist zerstritten

Allerdings, das haben Nadja und Mascha bereits wiederholt erklärt, wird sich die Form ihres Protests ändern. Auftritte wie das Punk-Gebet in der "Christus-Erlöser-Kathedrale" oder an anderen öffentlichen Plätzen im Moskauer Zentrum - wie 2011 und 2012 - sind nicht mehr geplant. Jedenfalls nicht von und nicht mit ihnen.

Die fünf bis sieben jungen Frauen waren bei ihren Kurzauftritten stets maskiert, in wechselnder Besetzung und anonym aufgetreten. Dass zwei von ihnen jetzt so in der Öffentlichkeit stehen, hat zu viel Diskussion, Irritation und schließlich zum Zerwürfnis geführt.

In einem Offenen Brief, der letzte Woche veröffentlicht wurde, erklärt der anonyme Teil von "Pussy Riot": "Nadja und Mascha haben sich entschieden, nicht mehr bei uns zu sein. Wir haben zwei Freundinnen verloren. Sie sind nicht mehr Pussy Riot. Wir als Kunstkollektiv haben das moralische Recht, unsere künstlerische Praxis, unseren Namen und unsere äußerliche Identität zu bewahren und uns von anderen Organisationen abzugrenzen."

Aber sie werden wohl alle weitermachen - Nadja Tolokonnikowa und Mascha Aljochina genauso wie die anonymen Künstlerinnen. Mit oder ohne den provokanten Namen. Er ist und bleibt eines der großen Protestsymbole gegen die Kreml-Politik.

Quelle: ntv.de