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Das Nordkorea-Problem der USA "Die Zeit ist nicht auf unserer Seite"

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Dieses von der nordkoreanischen Regierung verbreitete Bild soll den Start einer Interkontinentalrakete am 4. Juli zeigen.

(Foto: AP)

Derzeit ist Nordkorea nicht in der Lage, das Kernland der USA mit Interkontinentalraketen zu erreichen. Früher oder später wird es jedoch so weit sein. Die existierenden Raketenabwehrsysteme sind alles andere als zuverlässig.

Die USA könnten nach derzeitigem Stand einen Raketenangriff aus Nordkorea nicht abwehren. Um es erst gar nicht so weit kommen zu lassen, gilt es für die USA und Präsident Donald Trump, die Spannungen zwischen den beiden Staaten auf diplomatischem Wege zu beseitigen. Nordkoreas jüngster Raketentest am 4. Juli hat gezeigt, dass das kommunistische Land technisch in der Lage ist, US-Ziele anzugreifen, auch wenn dies aktuell den US-Bundesstaat Alaska betrifft.

Experten befürchten jedoch, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch Ziele im Pazifik und im Kernland der USA in Reichweite liegen. "Im Moment ist Nordkorea nicht in der Lage, eine mit einem Atomsprengkopf bestückte Interkontinentalrakete zielgenau über die erforderliche Distanz abzufeuern, aber die Zeit ist nicht auf unserer Seite", sagt der frühere US-Kongressabgeordnete John Tierney n-tv.de. Von einem Krieg gegen Nordkorea hält er nichts. "Der einzige Schutz ist eine diplomatische Lösung."

Dass Nordkorea ausgerechnet am amerikanischen Unabhängigkeitstag seine bislang erste Interkontinentalrakete erfolgreich testete, dürfte auch dem unaufmerksamen Betrachter nicht entgangen sein. Einem aktuellen Bericht von CNN zufolge plant die Regierung des isolierten Landes bereits den nächsten Test.

Die am 4. Juli getestete Rakete, genannt Hwasong-14, hat laut Expertenschätzungen eine Reichweite von 6700 Kilometern. Der erfolgreiche Test zeigt, dass Nordkoreas Raketenprogramm die größten Hindernisse überwunden hat. Die USA müssen daher ihren Zeitplan, wann Städte wie Los Angeles oder Chicago als potentielle Ziele in Frage kommen, nach vorne verschieben.

Raketenabwehrsysteme, welche die USA vor einem potentiellen Angriff Nordkoreas schützen sollten, sind alles andere als zuverlässig. Die US-Raketenabwehrbehörde MDA hat bei ihren Tests nur gemischte Resultate erzielt. Das Ground-based Midcourse Defense System, kurz GMD, brachte es beispielsweise nur auf eine Erfolgsquote von etwas mehr als 55 Prozent. Ein weiteres System, Aegis, welches auf Marineschiffen sowie an Land stationiert ist, kam laut MDA auf eine Erfolgsrate von 83 Prozent. Die Terminal High Altitude Area Defense (THAAD) ist bislang das einzige System, das bei allen Tests erfolgreich war. THAAD hat jedoch seit 2006 nur 13 Testläufe absolviert.

"Viele Milliarden Dollar von einer Lösung entfernt"

"Die Raketenabwehrsysteme sind noch immer in der Entwicklungsphase und das wird sich auch in naher Zukunft nicht ändern", sagt Tierney, der jetzt Direktor des Zentrums für Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung von Atomwaffen in Washington ist. So können die US-Raketenabwehrsysteme im Augenblick eine Interkontinentalrakete nicht von einem Lockvogel unterscheiden. "Führende Experten glauben, dass die Vereinigten Staaten eine lange Zeit und viele Milliarden Dollar davon entfernt sind, dieses Problem zu lösen", so der frühere Kongressabgeordnete aus dem US-Bundesstaat Massachusetts.

"Was das Ganze zusätzlich erschwert, ist die Tatsache, dass auch wenn die physikalischen Grundlagen für ein erfolgreiches Abwehrsystem gegeben sind, ein Gegner ganz einfach mehrere Interkontinentalraketen entwickeln kann, um das Verteidigungssystem zu überwinden", sagt Tierney. "Es ist somit ein Rezept für einen Rüstungswettkampf. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass Raketen für den Angriff günstiger in der Anschaffung und im Unterhalt sind als ein Raketenabwehrsystem."

Nach Angaben des US-Kongresses haben die USA seit der Amtszeit von Präsident Ronald Reagan in den 1980ern mehr als 200 Milliarden Dollar in die Entwicklung und Inbetriebnahme von Raketenabwehrsystemen investiert. Mit der Idee eines im Orbit stationierten Abwehrsystems sorgte der Republikaner im Jahr 1983 für Aufsehen. In Anlehnung an die erfolgreiche Spielfilmtrilogie "Krieg der Sterne" wurde das System von der Presse kurzerhand "Star Wars" getauft. Unter Präsident Barack Obama erhielt die MDA durchschnittlich 8,12 Milliarden Dollar pro Jahr. Trump hat für das Finanzjahr 2018 7,8 Milliarden Dollar für die Behörde beantragt.

"Die meisten Experten sagen, dass Kim nicht lebensmüde ist"

"Es ist zu früh, um zu beurteilen, wie anfällig die USA und vor allem Alaska für einen Raketenangriff sind", erklärt der Politologe Robert Shapiro, der an der Columbia Universität in New York lehrt. Er weist darauf hin, dass Südkorea und die dort stationierten US-Truppen schon jetzt anfällig für einen Angriff aus Nordkorea seien.

Während des G20-Gipfels in Hamburg trafen sich Trump, Südkoreas Präsident Moon Jae-in und Japans Premierminister Shinzo Abe zu Gesprächen über ein gemeinsames Vorgehen gegenüber Nordkorea und Diktator Kim Jong Un. Der US-Präsident, der zu Beginn auf die Unterstützung des chinesischen Staatsoberhaupts Xi Jinping gehofft hatte, sucht zunehmend andere Verbündete, um Nordkorea in Schach zu halten.

"Nordkoreas allgemein aggressives Verhalten ist eine Gefahr für die internationale Gemeinschaft", sagt Tierney. "Die meisten Experten stimmen jedoch überein, dass Kim Jong Un und sein Regime nicht lebensmüde sind. Das heißt, der Fokus sollte darauf liegen, Pjöngjang zurück an den Verhandlungstisch zu bringen." Auch Shapiro sagt: "Nordkorea weiß, dass es bei einem Angriff der USA keine Chance hat."

Weder US-Militärexperten noch führende Politiker glauben, dass die Vereinigten Staaten den Konflikt mit Nordkorea durch ein militärisches Vorgehen aus der Welt schaffen könnten. "Zumindest nicht ohne verheerende Konsequenzen", so Tierney. "Das Hauptaugenmerk sollte vor allem darauf gerichtet sein, Nordkoreas Atom- und Raketentestprogramm sofort einzustellen. Im Gegenzug würde Nordkorea Sanktionserleichterungen erhalten."

Offiziell hat Trump einen Angriff bisher nicht ausgeschlossen, er strebt allerdings eine friedliche Lösung an. Die USA würden das Problem gern auf diplomatischem Wege lösen, sagte er in einem Interview im April. "Es existiert jedoch die Möglichkeit, in einen großen, großen Konflikt mit Nordkorea zu geraten."

Quelle: n-tv.de

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