Politik

"Ich bin ein Berliner" Die große Inszenierung

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Die DDR hatte das Brandenburger Tor mit roten Fahnen verhängt, als Kennedy kam.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Kennedys Besuch in Berlin ist eine große Show und die Berliner spielen begeistert mit. Der Höhepunkt der Inszenierung sind jedoch Sätze, die der Präsident sich kurz zuvor spontan auf einen Sprechzettel gekritzelt hat. Mehr oder weniger spontan - denn die zentrale Passage der Rede hatte er 13 Monate zuvor schon verwendet. In New Orleans.

Die Bundesrepublik, die US-Präsident John F. Kennedy im Juni 1963 besucht, ist ein Land im Übergang. Die miefigen fünfziger Jahre sind vorbei, die wilden sechziger haben noch nicht angefangen. An der Spitze der Single-Charts steht im Juni 1963 "Schuld war nur der Bossa Nova" von Manuela. Doch die Zeichen stehen auf Veränderung: In wenigen Monaten werden die Beatles ihren ersten Nummer-eins-Hit in Deutschland haben.

Im Bonner Kanzleramt sitzt noch immer "der Alte". 87 Jahre ist Konrad Adenauer, sein Ende als Kanzler ist absehbar. Während der "Spiegel"-Affäre hatte er versprochen, im Herbst 1963 zurückzutreten. Sein Nachfolger Ludwig Erhard, den Adenauer am liebsten verhindern würde, steht bereits in den Startlöchern. Im Westberliner Rathaus Schöneberg regiert Willy Brandt. Sechs Jahre später ist er Bundeskanzler. Das weiß 1963 natürlich noch niemand.

Doch Brandt ist längst der Gegenspieler des CDU-Kanzlers. Im Bundestagswahlkampf 1961 war er erstmals Kanzlerkandidat der SPD. Weil er die Nazi-Zeit als Widerständler im Exil und nicht an der Front verbracht hatte, diffamierten konservative Politiker und Medien Brandt in diesem Wahlkampf als Vaterlandsverräter. Seine Anhänger hingegen sehen in ihm den deutschen Kennedy: jung, charismatisch, gut aussehend.

Adenauer lädt Kennedy nur nach Bonn ein

Kennedy und Brandt kennen sich sogar persönlich: Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl 1961 hatte der Präsident den Bürgermeister im Weißen Haus empfangen. Dennoch zögert Kennedy zunächst, bei seinem Deutschland-Besuch 1963 auch Berlin zu besuchen. Denn Berlin ist heikles Terrain.

Im Januar hatte Adenauer Kennedy eingeladen - nach Bonn, in die Bundeshauptstadt, nicht nach Berlin. An Berlin interessiert Adenauer höchstens die Frage, wie er Brandts Chancen bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 17. Februar schmälern kann. Hinter den Kulissen bemüht Brandt sich derweil, den Präsidenten nach Berlin zu holen. Es wäre ein Coup: Noch nie hat ein Staatsoberhaupt eines der westlichen Alliierten die Frontstadt der Freien Welt besucht.

Kennedys Deutschland-Reise findet nicht nur vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen Adenauer und Brandt statt. Erst im Juli 1962 hatten der Bundeskanzler und Frankreichs Präsident Charles de Gaulle im französischen Reims einen denkwürdigen Gottesdienst gefeiert, im September besuchte de Gaulle im Gegenzug Deutschland. Im Januar schließlich wurde der deutsch-französische Freundschaftsvertrag unterzeichnet. Für Adenauer ist die deutsch-französische Freundschaft ein Aspekt der Westbindung, de Gaulle sieht sie als Gegengewicht zum Einfluss der Amerikaner in Europa - was diese wiederum beunruhigt.

Die Bonner Angst vor der Entspannung

Die dritte Folie, vor der Kennedys Besuch stattfindet, ist der Kalte Krieg. Kennedy will in Deutschland für einen verständnisvolleren Umgang mit den Sowjets werben. Bei Adenauer stößt dies auf erhebliche Skepsis. Entspannungspolitik bedeutet für den Kanzler die Gefahr, dass die Amerikaner die Bonner Republik zugunsten einer Aussöhnung mit den Sowjets fallen lassen könnten. Kennedy will den Deutschen daher auch versichern, dass die USA sie nicht im Stich lassen werden - und damit Befürchtungen besänftigen, die USA könnten die Deutschen so hängen lassen wie die Kubaner nach der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht.

Vor allem die Berlin-Blockade 1948/49 und die Luftbrücke, mit denen Briten und Amerikaner die Blockade durchbrochen hatten, hinterließen bei den Westberlinern ein dauerhaftes Gefühl der Dankbarkeit. Nach dem Bau der Mauer 1961 jedoch löste Kennedys Reaktion Enttäuschung und Furcht in Westberlin aus: "Keine sehr schöne Lösung, aber tausendmal besser als Krieg", ließ er verlauten.

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Triumphzug durch Berlin: Tonnenweise Konfetti und Papierschnipsel regnen auf Kennedy, Brandt und Adenauer.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Um die Stadt zu beruhigen, schickte Kennedy noch 1961 seinen Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson nach Bonn und Berlin. In seinen ersten offiziellen Worten auf dem Flughafen Tempelhof sagte Johnson, Westberlin sei die "Heimat der Tapferen" - ein Zitat aus der US-amerikanischen Nationalhymne, mit dem Johnson die Westberliner quasi adoptierte. Zehntausende säumten die Straßen, als Johnson und Brandt im offenen Wagen zum Potsdamer Platz fuhren. "Männer und Frauen streckten ihre Arme zum Vizepräsidenten aus", schrieb die "New York Times". "Einige hatten Tränen in den Augen, viele weinten, ohne sich zu verstecken."

Das Fernsehen überträgt live

Zwei Jahre später wird dieser Triumphzug noch überboten. Im März 1963 kommt die Zusage, Kennedy besucht Berlin. Es soll Abschluss und Höhepunkt seiner Deutschlandreise werden.

Am Morgen des 23. Juni landet die Air Force One auf dem Flughafen Köln/Bonn. Adenauer begrüßt Kennedy und fährt mit ihm nach Köln. Zehntausende stehen an den Straßen und rufen den Namen des Präsidenten. Im Kölner Dom - es ist ein Sonntag - besuchen die beiden Katholiken gemeinsam die Messe. Es folgen diverse Termine in Westdeutschland. Drei Tage später ist Kennedy in Berlin.

Die Inszenierung ist bis ins kleinste Detail durchgeplant. Das Fernsehen überträgt fast durchgehend live. Zwei Monate später wird der Sender Freies Berlin eine sechseinhalbstündige Fernsehdokumentation ins Weiße Haus schicken - Kennedys Verweildauer in der Stadt ist nur gut anderthalb Stunden länger. "Ich hielt die alle für krank", sagt der Fotograf Ulrich Mack über die Fernsehleute. Mack, damals Fotograf für die Zeitschrift "Quick", begleitete Kennedy während der gesamten vier Tage in Deutschland. Für ihn ist das neue Medium zu hektisch, zu oberflächlich. "Gehalten hat davon nichts", sagt er im Interview mit n-tv.de. "Oder glauben Sie, dass sich viele jetzt die alten Fernsehberichte über den Kennedy-Besuch angucken?"

In Berlin fahren Adenauer und Kennedy nicht mehr zu zweit im offenen Wagen, jetzt sitzt Brandt dabei. Neben den beiden jungen Politikern wirkt der greise Kanzler wie aus einer anderen Zeit. Sie fahren vom Flughafen Tegel auf verschlungenen Wegen durch Berlin. Vor dem legendären Café Kranzler regnet es Konfetti. In der Kongresshalle spricht Kennedy vor dem Gewerkschaftstag der IG Bau, Steine, Erden. Dann geht es weiter zum Brandenburger Tor, danach zum Checkpoint Charlie. Auch hier ist die Inszenierung perfekt: "Noch eine Stunde zuvor hat ein alter Mann mit Schubkarre das Unkraut auf der zum Ost-Berliner Sektor gehörenden Fläche zwischen Mauer und Beobachtungsstand gejätet", schreibt der Historiker Andreas W. Daum in seinem lesenswerten Buch über den Kennedy-Besuch. "Die Amerikaner hatten den Osten darum gebeten. Selbst die abschreckende Grenze sollte telegen sein."

"Lasst sie nach Berlin kommen"

Vor dem Schöneberger Rathaus, dem Amtssitz des Regierenden Bürgermeisters von (West-) Berlin, hält Kennedy dann seine berühmte Rede. An der hatten die Redenschreiber des Präsidenten seit Monaten gefeilt. Doch bis auf wenige Passagen wird diese Version nicht gehalten. Unter dem Eindruck des Tages hält Kennedy eine ganz andere Rede, die seinem Konzept der Entspannungspolitik zu widersprechen scheint. Schon nach wenigen Sätzen kommt er vor den schätzungsweise 450.000 Berlinern zum Punkt. "Two thousand years, two thousand years ago the proudest boast was 'civis Romanus sum'. Today, in the world of freedom, the proudest boast is 'Ich bin ein Berliner'." Die Menge jubelt, und sie jubelt noch einmal, als der Übersetzer Kennedys Sätze auf Deutsch vorträgt - auch die drei Wörter, die Kennedy selbst auf Deutsch gesagt hatte. (Kennedy dankt daraufhin dem Dolmetscher dafür, sein Deutsch übersetzt zu haben - was dieser wiederum übersetzt.)

Es wird eine Rede über die Überlegenheit des westlichen Modells. Vier Mal sagt Kennedy in unterschiedlichen Variationen, es gebe Menschen, die dem Kommunismus etwas Positives abgewinnen würden. Fünf Mal wiederholt er den Satz "Lasst sie nach Berlin kommen" - zum Schluss auf Deutsch. Am Ende der Rede kommt Kennedy auf seinen ersten deutschen Satz zurück. "All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words: 'Ich bin ein Berliner'."

Die Ironie des Tages liegt darin, dass Kennedy sich mit seiner Rede auf Adenauers Seite zu stellen scheint. Entsprechend gut gelaunt wirkt der Bundeskanzler, der wie Berlins Regierender Bürgermeister zusammen mit Kennedy auf der Plattform vor dem Schöneberger Rathaus steht. Brandt dagegen, der gerade dabei ist, zusammen mit seinem Berater Egon Bahr - und in Anlehnung an Kennedy! - sein Konzept vom "Wandel durch Annäherung" zu entwickeln, muss sich vor den Kopf gestoßen fühlen.

Erst "Ken-ne-dy", dann "Ho-Ho-Ho-Chi-Minh"

Für Kennedy stellt die Rede indes keine Abkehr von seinen politischen Zielen dar. Er steht "gewissermaßen unter einem Mauereffekt, der ihn emotionaler und spontaner werden lässt, als das Drehbuch es vorschreibt", so der Historiker Daum. Wie Daum herausgearbeitet hat, greift Kennedy an diesem Mittwoch in Berlin auf eine Rede zurück, die er dreizehn Monate zuvor in New Orleans gehalten hatte, nachdem ihm die Ehrenbürgerschaft dieser Stadt verliehen war. Kennedy sprach dort von der "new frontier", von den neuen Grenzen, die die USA bei ihrem Weg ins All überwinden würden. Und er sagte: "Vor zweitausend Jahren war der stolzeste Satz, den man sagen konnte, 'Ich bin ein Bürger Roms'. Heute, 1962, so glaube ich, ist der stolzeste Satz, den jemand sagen kann, 'Ich bin ein Bürger der Vereinigten Staaten'."

Diese Formulierung war in verschiedenen Variationen bereits in Washington zwischen Kennedy und seinen Beratern diskutiert worden, tauchte in der Schlussversion der Rede jedoch nicht mehr auf. Erst kurz vor seinem Auftritt notiert sich Kennedy in Brandts Büro im Schöneberger Rathaus die drei fremdsprachigen Sätze, die er den Berlinern sagen will: "Ish bin ein Bearleener", "Kiwis Romanus sum" und "Lust z nach Bearleen comen".

Nach der Rede gibt es im Schöneberger Rathaus noch ein Essen mit 150 Ehrengästen sowie einen Auftritt an der Freien Universität. Kennedy macht einen Abstecher zum US-Hauptquartier in der Clayallee und fährt schließlich zurück zum Flughafen Tegel, wo er von Adenauer und Brandt verabschiedet wird. Dort sagt er noch, er werde seinem Nachfolger empfehlen, wenn einmal schlechte Zeiten kämen, solle dieser nach Deutschland fahren. Vielleicht werde er selbst diesen Ratschlag noch befolgen.

Dazu kommt es bekanntlich nicht mehr. Fünf Monate später wird Kennedy in Dallas ermordet. In der gesamten Bundesrepublik finden spontane, öffentliche Trauerkundgebungen statt. In Berlin ziehen Studenten in einem Fackelzug zum Schöneberger Rathaus. Es ist das letzte Mal, dass die Deutschen sich einmütig an der Seite der US-Amerikaner fühlen. Fünf Jahren später wird in den Straßen von Berlin nicht mehr "Ken-ne-dy" skandiert, sondern "Ho-Ho-Ho-Chi-Minh". Der nächste US-Präsident, der Berlin besucht, ist 1982 Ronald Reagan. Er fährt nicht im offenen Wagen kreuz und quer durch die Stadt, er muss aus Sicherheitsgründen den Hubschrauber nehmen. Inszeniert wird auch dieser Besuch. Die Öffentlichkeit spielt jedoch nicht mehr mit.

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Quelle: ntv.de