Politik

Brüssels gefährlicher Fehler EU erarbeitet Klimaziele mit veralteten Daten

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(Foto: REUTERS)

Die EU-Kommission denkt Dekaden voraus. Bis Ende 2013 will sie neue Energie- und Klimaziele für das Jahr 2030 festlegen. Auch 2050 hat sie schon im Blick. Doch ausgerechnet bei der Langfristplanung droht sie einem fatalen Fehler zu unterliegen.

Die Energiepolitik Europas droht zu scheitern – wegen schlampiger Berechnungen. Bis Ende des Jahres will die EU-Kommission neue Klima- und Energieziele definieren – mittelfristige für die Zeit bis 2030 und langfristige für die Zeit bis 2050. Sie sollen der Staatengemeinschaft Energiesicherheit verschaffen und zugleich eine wettbewerbsfähige CO2-arme Wirtschaft. Doch die Daten, auf denen die Kommission Vorschläge für diese Ziele festlegen will, stimmen nicht. Sie sind veraltet. Das zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

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Wissenschaftlerin Kemfert: "Diese Diskrepanz hat uns im höchsten Maße erstaunt."

(Foto: picture alliance / dpa)

"Wir sehen, dass die EU-Kommission die Kosten von Atomenergie und CO2-freier Kohleenergie systematisch unterschätzt und die der erneuerbaren Energie überschätzt", sagte die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt des DIW, Claudia Kemfert, als sie die Studie vorstellte.

Derzeit gilt noch das "20-20-20"-Ziel der EU: 20 Prozent weniger Treibhausgase, 20 Prozent weniger Energieverbrauch und ein Anteil von 20 Prozent der erneuerbaren Energien am Gesamtmix bis zum Jahr 2020. Jetzt erarbeitet die Kommission  zusammen mit den Mitgliedsstaaten und anderen EU-Institutionen neue Klimaziele - auf Basis des Grünbuchs "Ein Rahmen für die Klima- und die Energiepolitik bis 2030" und des Energiefahrplans "Energy Roadmap 2050". Darin geht sie von sinkenden Kosten für Atomstrom und fossiler Energie aus, die mithilfe von Technologien wie CCS, der unterirdischen Speicherung von Kohlendioxid, erzeugt wurde. Entsprechend erwartet die Kommission einen steigenden Beitrag dieser Technologien an der Stromproduktion. Ein Szenario der EU, das das DIW in seiner Studie zitiert, geht von einem Anstieg der  Leistung von Atomkraftwerken von rund 120 Gigawatt im Jahr 2010 auf 160 Gigawatt im Jahr 2050 aus.

Eine Kostenexplosion droht

Die Daten der "Energy Roadmap 2050" basieren allerdings auf Material, das aus den Jahren vor 2011 stammt. Und selbst das Grünbuch, das die Kommission erst im März verabschiedete,  beruft sich weitgehend auf diese Erhebungen. Jüngste Entwicklungen spielen darin keine Rolle. Mit womöglichen fatalen Folgen.

Tatsächlich dürfte es Kemfert zufolge zu einer Kostenexplosion bei der Atomkraft kommen. Die Sicherheitsanforderungen nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima sind laut der Wissenschaftlerin weiter gestiegen. Einen marktwirtschaftlichen Betrieb von Atomkraftwerken ohne Subventionen hält sie für unmöglich. Und bei dieser Einschätzung handelt es sich nicht um die Einzelmeinung eines Instituts.

Schon der "World Nuclear Industry Status Report 2013" zeigte: Die Kosten der Atomkraft nehmen zu. Sie wird zusehends unwirtschaftlich. Ging man vor zehn Jahren noch davon aus, dass die Kosten für eine installierte Kilowattstunde bei der jüngsten Reaktorgenerationen noch bei 1000 US-Dollar liegen würde, gehen Schätzungen laut dem Status Report mittlerweile von 7000 US-Dollar aus – Tendenz steigend.

CCS lässt sich nicht durchsetzen

Ähnlich sieht die Lage bei der CO2-freien Kohlekraft aus. Während die Energy Roadmap in einem Szenario von einem Ausbau der derzeit praktisch nicht existenten Technologie auf mehr als 80 Gigawatt ausgeht, sieht Kemfert keine Perspektive für Anwendungen wie CCS.

Und zumindest in Deutschland zeigte sich 2012 schon deutlich, dass sie mit dieser Annahme recht behalten könnte. Obwohl die Bundesregierung ein Gesetz durchsetzte, das die unterirdische Speicherung von CO2 erlaubt, musste Umweltminister Peter Altmaier nur Wochen später eingestehen: "Wir müssen realistisch sein: Gegen den Willen der Bevölkerung ist eine Einlagerung von CO2 im Boden nicht durchzusetzen." Er fügte hinzu: "Für Steinkohle- und Braunkohlekraftwerke mit CCS-Technologie sehe ich derzeit in keinem einzigen Bundesland eine politische Akzeptanz."

Umweltschützer heben immer wieder hervor, dass es sich bei CCS nicht um eine CO2-freie Technologie handelt. Sie weisen daraufhin, dass das schädliche Klimagas schlicht im Boden versenkt wird und dort womöglich Schaden anrichtet. Etliche Bürgerinitiativen folgen dieser Argumentation. Wenn die CO2-Abscheidung überhaupt kommen sollte, wohl nur mit allerhöchsten und damit ausgesprochen teuren Sicherheitsstandards. Kemfert sagt: "Die Hoffnungen auf eine ökonomisch und technisch realisierbare CO2-Abscheidung wurden zuletzt nicht nur in Deutschland, sondern weltweit gedämpft."

Solar-Boom verpennt

Die Konsequenz des DIW: Die EU-Kommission muss laut dem Institut ihre Klimaziele auf einem neuen, realistischeren Datenmodell erarbeiten und eine schnellere Abkehr von Brückentechnologien wie Atom und CCS einleiten. Damit geht selbstredend ein schnellerer Ausbau erneuerbarer Energien einher. Andernfalls könnte die Reduktion des europaweiten CO2-Ausstoßes immense unnötige Kosten verursachen.

Und das nicht nur wegen der steigenden Kosten bei den Brückentechnologien. Sondern auch, weil die erneuerbaren Energien nach Angaben des Instituts auch noch deutlich günstiger sind, als es die Berechnungen der EU-Kommission erahnen lassen. Denn auch hier unterschlägt die Energy Roadmap aktuelle Entwicklungen. Zum Beispiel Phänomene wie den weltweiten Solar-Boom der vergangenen Jahre. In der Energy Roadmap ist noch von von Kosten in Höhe von 4169 Euro pro Kilowatt-Peak aus Solaranlagen im Jahr 2010 die Rede. Bis 2050 sollen diese Kosten auf 1363 Euro sinken.

Da Solarmodule weltweit zuletzt aber in immer größerer Zahl produziert wurden und so der Fertigungsaufwand gesunken ist, liegen die Kosten pro Kilowatt-Peak laut DIW schon jetzt bei nur 1560 Euro.  Selbst Kemfert, die schon vor der jüngsten Studie als strikte Verfechterin einer raschen Energiewende galt, sagte da: "Diese Diskrepanz hat uns im höchsten Maße erstaunt."  Lobbyeinfluss, Brüsseler Bürokratie? Wie es zu der eklatanten Fehleinschätzung kommt, ist auch Kemfert unerklärlich.

Quelle: ntv.de