Politik

Wer welche Partei gewählt hat Ein Balken geht durchs Land

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Das vorläufige amtliche Endergebnis

Erstmals seit fast zwanzig Jahren hat sich die soziale Spaltung bei einer Bundestagswahl verringert. Das lag vor allem an der AfD. Sie ist auch der Grund, warum CDU und CSU darum fürchten müssen, die bürgerliche Mitte zu verlieren.

AfD-Wähler sind sozial abgehängt, der Osten wählt anders als der Westen und Deutschland ist ein gespaltenes Land. Mit diesen und anderen Mythen räumt eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung auf, die sich mit dem Wahlverhalten der unterschiedlichen Milieus in Deutschland beschäftigt.

Zunächst müssen wir allerdings klären, welche Milieus es in Deutschland gibt. Jede Unterteilung dieser Art ist ein bisschen willkürlich, aber zugleich auch hilfreich. Die Verfasser der Bertelsmann-Studie zur Bundestagswahl 2017, Robert Vehrkamp und Klaudia Wegschaider, haben sich für die zehn Milieus entschieden, mit denen das Sinus-Institut die deutsche Gesellschaft beschreibt.

Jedes dieser Milieus steht für 7 bis 14 Prozent der Wahlberechtigten. Und jedes Milieu lässt sich zweifach verorten: einmal auf einer Skala, die seine soziale Lage beschreibt, zum anderen auf einer Skala, die abbildet, welche Werte-Orientierung die Mitglieder des Milieus teilen. In dieser Grafik gehören die weiter unten eingetragenen Milieus eher zur Unterschicht oder zur unteren Mittelschicht. Links finden sich zudem jene Milieus, die Vehrkamp als "Modernisierungsskeptiker" beschreibt, rechts die "Modernisierungsbefürworter".

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(Foto: Bertelsmann Stiftung)

 

Zum "traditionellen Milieu" unten links gehören folglich Menschen, die eher nicht wohlhabend sind und die sich der Studie zufolge mit Sätzen beschreiben wie "ich bin diszipliniert und pflichtbewusst", "ich bin ein eher beständiger Mensch" und "ich führe ein einfaches, bescheidenes Leben". Die Einstellung der Angehörigen des "prekären Milieus" beschreibt die Studie mit folgenden Sätzen: "Ich führe ein einfaches, bescheidenes Leben", "die zunehmende soziale Kälte in Deutschland finde ich bedrohlich" und "neuen Dingen stehe ich zuerst abwartend gegenüber".

Bis hierher ist das alles nicht neu. Vehrkamp und Wegschaider haben jedoch festgestellt, dass eine diagonale Grenze durch diese Milieu-Grafik verläuft, und zwar von oben links nach unten rechts. Wer einem Milieu unterhalb dieser Grenze angehört, hat mit größerer Wahrscheinlichkeit AfD gewählt. In den Milieus oberhalb dieser Grenze werden häufiger andere Parteien gewählt. Selbst die Linke hat hier mehr Wähler.

Die Union verliert die "bürgerliche Mitte"

Besonders deutlich ist dies im "prekären Milieu". Innerhalb dieses Milieus kommt die AfD auf 28 Prozent, erhält also eine Zustimmung, die weit über ihrem Wahlergebnis von 12,6 Prozent liegt. Im "traditionellen Milieu" erreicht die AfD 16 Prozent, in der "bürgerlichen Mitte" sogar 20 Prozent. In dieser Gruppe liegt die Union zwar vorn. Doch sie hat hier im Vergleich zur Bundestagswahl 2013 sage und schreibe 15 Prozentpunkte verloren.

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(Foto: Bertelsmann Stiftung)

Der Erfolg der AfD im "prekären Milieu" heißt allerdings keineswegs, dass es sich hier um eine Partei der Abgehängten handelt. Bei der Vorstellung seiner Studie in Berlin betonte Vehrkamp, dass dieser Begriff darin gar nicht vorkommt. Auch mit Blick auf die Zahlen wäre diese Vorstellung falsch. Die AfD wird in allen Milieus gewählt. Selbst im "sozialökologischen Milieu" erhält die AfD 9 Prozent. Die gestrichelte Linie, die durch die Grafik verläuft, ist keine unüberwindliche Mauer, die soziale Gruppen voneinander trennt. Es ist nur ein Balken, der statistische Zuordnungen und Wahrscheinlichkeiten verdeutlicht.

Darin liegt möglicherweise eine gute Nachricht: Wenn jeder Bürger in seinem Milieu Wähler von jeder größeren Partei antreffen kann, dann ist die deutsche Gesellschaft möglicherweise doch nicht so gespalten, wie es häufig den Anschein hat. Zumindest nicht so radikal wie in den USA, wo die Anhänger von Republikanern und Demokraten häufig nicht einmal mehr im selben Wohnviertel leben.

Milieus sind wichtiger als Ost- oder West-Herkunft

Und die Studie hält eine weitere gute Nachricht bereit: Sie zeigt, dass unterschiedliches Wahlverhalten weniger davon abhängig ist, ob ein Wähler im Osten oder im Westen lebt, sondern stärker davon, welchem Milieu er angehört. "Wenn wir die Bundestagswahl 2017 durch die Brille der Milieus betrachten, ergibt sich ein differenzierteres Bild auf die Wahlentscheidung", sagt Christina Tillmann, die bei der Bertelsmann-Stiftung das Programm "Zukunft der Demokratie" leitet und an der Studie mitgearbeitet hat. "Neben eine rein sozio-ökonomische oder eine rein geographische Dimension treten in der Milieubetrachtung die Werte und Grundorientierungen der Menschen. Wir erhalten so ein vielschichtigeres Bild von ihrer Lebenswelt, ihren Sorgen und ihrer Haltung gegenüber Modernisierung."

Kurzum: Die eigentliche Frage, um die es in einer Ost-West-Debatte gehen müsste, ist nicht, warum Ostdeutsche anders wählen als Westdeutsche. Viel wichtiger, spannender und wahrscheinlich auch leichter zu beantworten ist, warum bestimmte Milieus in Ostdeutschland stärker vertreten sind als in Westdeutschland.

Dieser Frage ist die Bertelsmann-Studie nicht nachgegangen. Sie hat jedoch ein anderes Thema beleuchtet, das vor allem Vehrkamp seit Jahren beschäftigt: die Nichtwähler. Auch hier gibt es gute Nachrichten: Die Wahlbeteiligung ist in diesem Jahr deutlich gestiegen. "Eine derartige Verringerung der sozialen Spaltung haben wir zuletzt 1998 beim Wahlsieg der SPD beobachtet", sagt Vehrkamp – "soziale Spaltung" meint in diesem Fall die Spaltung in Wähler und Nichtwähler. Das ist meist auch eine Spaltung in Wohlhabende und Arme: "Es sind die Bildungsschwachen, die Einkommensschwachen, die unteren sozialen Schichten, die ihr Wahlrecht nicht mehr wahrnehmen", hatte Vehrkamp vor vier Jahren in einem Interview gesagt. Diese Wähler wurden jetzt verstärkt von der AfD mobilisiert.

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(Foto: Bertelsmann Stiftung)

 

Für die anderen Parteien sind die Ergebnisse der Studie eine Herausforderung. Bei den Modernisierungsskeptikern, vor allem im "prekären Milieu", aber auch in der "bürgerlichen Mitte" und im "traditionellen Milieu", haben sie Schwierigkeiten, die Wähler zu erreichen. Die Union dürfte sich genau anschauen, was in der "bürgerlichen Mitte" passiert ist. Hier haben CDU und CSU nicht nur den höchsten Einzelverlust aller Parteien in einem Einzelmilieu erlitten. Rund 40 Prozent der Angehörigen der "bürgerlichen Mitte" haben zudem entweder gar nicht oder AfD gewählt. Hier deutet sich möglicherweise an, was die SPD schon erlebt: das Ende einer Volkspartei.

Apropos SPD: Die Sozialdemokraten sind in allen Milieus gleich stark vertreten. Dass das keine gute Nachricht sein muss, zeigt ein Blick auf ihr Wahlergebnis in Höhe von 20,5 Prozent. Wahrscheinlich ist es für eine Partei ein zu großer Spagat, Menschen im "Milieu der Performer" ebenso anzusprechen wie im "traditionellen Milieu". Der SPD gelingt es besser als anderen Parteien, in allen Milieus verankert zu sein. Doch funktioniert eine so breite Wähleransprache offensichtlich nur auf niedrigem Niveau.

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In allen Milieus wurden alle Parteien gewählt - wenn auch unterschiedlich stark. Lediglich die SPD schneidet überall in etwa gleich schwach ab.

(Foto: Bertelsmann Stiftung)

 

Quelle: n-tv.de

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