Politik

Der schwierige Spagat des Peer Steinbrück "Er muss weiter provozieren"

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Als Kanzlerkandidat noch viel stärker im Fokus als bisher: Da bietet Peer Steinbrück viel Angriffsfläche. Denn was er denkt, das sagt er auch. Ohne Rücksicht auf Verluste.

(Foto: picture alliance / dpa)

Viele schätzen Peer Steinbrück für seine messerscharfe Rhetorik. Doch die offene Art des Norddeutschen birgt auch Konflikte, sowohl in der eigenen Partei als auch mit dem Koalitionspartner. Der SPD-Kanzlerkandidat hat noch ein weiteres Problem. Bis vor drei Jahren arbeitete er gerne zusammen mit Kanzlerin Merkel, beide galten sogar als gutes Team. Doch von nun an muss er sie angreifen. Steinbrück-Biograf Eckart Lohse beschreibt den Mann, dessen Stärken gleichzeitig seine größten Schwächen sind.

Herr Lohse, wie überrascht waren Sie darüber, dass die Entscheidung über den Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück am Freitag bekannt gegeben wurde?

Es war schon überraschend, dass es unmittelbar an diesem Freitag passierte. Aber wenn man Steinbrück in den letzten zwei Wochen aus der Nähe beobachtet hat, hatte man schon das Gefühl, dass er noch mehr Selbstbewusstsein ausstrahlt als sonst. Es war der Eindruck, hier geht einer rum, der nicht nur ganz gern Kandidat werden will, sondern sogar noch ein bisschen mehr.

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Steinbrück-Biograph Eckart Lohse.

Im Spätsommer 2011 haben Sie zusammen mit Ihrem Kollegen Markus Wehner die Arbeit für Ihre Steinbrück-Biographie aufgenommen. Hatten Sie damals schon eine Vorahnung, dass es Steinbrück werden könnte?

Wir haben keine Wette abgeschlossen mit dem Buch. Wir haben nicht gesagt, wir müssen den erwischen, der Kanzlerkandidat wird. Im Mittelpunkt stand die Frage: Wer ist im politischen Geschäft derzeit die interessante Person? Da kamen wir schnell auf Steinbrück. Dass es für uns jetzt nicht ärgerlich ist, dass er Kanzlerkandidat geworden ist, versteht sich von selbst.

Worin liegt die besondere Faszination Steinbrücks?

Das Spannende ist doch: Wie kann jemand, der ohne Amt ist und selbst im Bundestag nicht besonders auffällig ist, so beliebt sein? Es ist die Projektionsfläche, die Steinbrück bietet. Die Leute sehen in ihm jemanden, der ohne Wenn und Aber seinen Kurs geht. Wir haben festgestellt, dass das zwar häufig genug nicht der Fall ist, er es aber zumindest schafft, die Leute etwas glauben zu machen: Hier ist jemand, der immer kerzengerade geradeaus fährt.

Wie vorhersehbar war es, dass Steinbrück mal dahin kommt, wo er jetzt steht?

Gar nicht, beziehungsweise nicht mehr als bei vielen anderen. Er war lange Beamter im Apparat, musste sich keiner politischen Wahl stellen. Erst später wurde er Minister in Schleswig-Holstein, Ministerpräsident in NRW. Da hat er eine wichtige Rolle gespielt, aber es war immer noch nicht absehbar. Die Idee kam erst auf, als es darum ging: Wer würde Merkel 2009 herausfordern? In dieser späten Phase als Finanzminister konnte man sich denken: Wer weiß, was aus dem noch alles wird.

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Zwei, die sich gar nicht so fern sind: Nach Ende der Großen Koalition lobten Merkel und Steinbrück die gemeinsame Zusammenarbeit.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

In den Umfragen liegt Steinbrück deutlich hinter Merkel zurück. Wo sehen Sie seine Vorzüge?

Es gibt im Moment keine Wechselstimmung, was bemerkenswert ist. In der Regel gehen Kanzler zum Ende der zweiten Legislaturperiode in den Umfragen runter, das ist bei Merkel nicht der Fall. Aber Steinbrück ist derjenige, der am ehesten eine antagonistische Figur ist zu Merkel. Er ist ein Mann, er besitzt diese scharfe spöttische norddeutsche Art, zu reden. Er erweckt den Eindruck von einem klaren Weg, von dem er nie abweicht. Das kann er ihr entgegensetzen.

In der Großen Koalition zwischen 2005 und 2009 haben die beiden eng zusammengearbeitet, galten als gutes Team. Ist das ein Hindernis?

Nach seinem Bekunden hat er gern mit ihr zusammengearbeitet und fand diese Zeit nicht schlecht. Jetzt muss er zeigen, dass er anders ist, ohne dass er diese vier Jahre, die ja auch seine prominentesten waren, verwischt. "Sie kann es nicht" – ein Satz, wie er 2005 vonseiten der SPD gefallen ist, kann er nicht sagen. Das wäre absurd. Bis 2009 war er mit Merkel auf einer Linie. Er zieht die Sollbruchstelle genau da ein, wo er nicht mehr Minister war. Und dann, als die Schuldenkrise im Euroraum begann, kam Merkel aus seiner Sicht ins Wanken.

Ist ein Wahlkampf gegen Steinbrück für Merkel schwerer als gegen Steinmeier 2009?

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Die "Stones": Wer ist der bessere Wahlkämpfer?

(Foto: picture alliance / dpa)

Ich glaube ja. Steinmeier hat ihr damals die Möglichkeit gelassen, keinen Wahlkampf zu machen. Er hat sie ja nur sehr maßvoll angegriffen. Das war auch sehr viel schwieriger, aus einer Großen Koalition heraus. Man wusste nicht, ob man vielleicht nach der Wahl wieder zusammen regieren würde. Steinbrück kann wesentlich stärker auf Attacke machen, da ist er ja auch der Typ dafür.

Eine neue Große Koalition hat Steinbrück ausgeschlossen. Er will nur Rot-Grün. Wie strategisch klug ist diese Selbsteingrenzung einer Partei, die derzeit kaum über 30 Prozent hinauskommt?

In den Umfragen bekommt Rot-Grün derzeit ja immerhin noch mehr als Schwarz-Gelb. Aber beide Kandidaten suggerieren im Moment eine Koalition, die es ein Jahr vorher nicht geben kann. Ein Jahr ist eine lange Zeit und deshalb ist es nicht abwegig, für Rot-Grün zu kämpfen. Aber alle wissen, erst dann werden die Karten neu gemischt.

Steinbrück mag die Provokation und ist nicht dafür bekannt, Leuten nach dem Mund zu reden. Wie kann er die Partei vereinen?

Das wird das Schwierigste. Seit Freitag 15.15 Uhr ist er in einem Amt und zwar in dem spektakulärsten der Partei. Niemand spricht jetzt mehr vom ehemaligen Finanzminister, jetzt ist er Kanzlerkandidat. Er muss weiterhin provozieren, denn sonst geht seine Attraktivität verloren. Gleichzeitig darf er seine eigenen Leute nicht verprellen. Er muss das Gleichgewicht halten. Es zeigt sich ja zumindest jetzt, dass Teile der Linken dazu bereit sind, den Kompromiss mit ihm zu suchen.

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Das Buch von Eckart Lohse und Markus Wehner ist eine von insgesamt drei Steinbrück-Biographien, die in diesem Jahr erschienen sind.

In der ersten Rede nach seiner Ernennung nannte Steinbrück nicht Brandt oder Schmidt, sondern den Wahlkämpfer Schröder als Vorbild. In Teilen der Partei wird das nicht gerade Begeisterungsstürme ausgelöst haben.

Man weiß, dass er inhaltlich ein fast lupenreiner Schröder-Mann ist. Das war wenig überraschend. Was die SPD an Schröder kritisiert hat, war ja nicht die Lust am Wahlkampf oder die Fähigkeit zur Attacke. Das fanden immer alle gut. Umstritten waren mehr inhaltliche Positionen. Insofern war der Satz eher an die Union gerichtet. Der Wahlkämpfer Schröder hat Merkel immer am meisten Sorge gemacht und um Haaresbreite hat sie das Amt dadurch nicht erreicht. Das war eine Kampfansage an den politischen Gegner.

Wie kann einer, der für die Politik Schröders steht, die Wähler mobilisieren, die sich wegen Schröder von der SPD abgewandt haben?

Das wird schwierig werden. Wer die Schröder-SPD nicht will, den holt man mit einem Kandidaten Steinbrück sicher nicht so leicht zurück. Das gilt aber auch für Steinmeier oder Gabriel, denn auch sie sind keine Agenda-Kritiker. Diese Wähler sind möglicherweise verloren.

Der Kandidat steht nun fest. Was hat die SPD inhaltlich zu bieten, um sich im Wahlkampf zu profilieren?

Sie muss das große Thema Eurokrise bedienen. So wie es aussieht, wird das eine zentrale Rolle spielen. Darauf muss sie eine Antwort finden. Die Partei hat sich auf einen stärker integrativen Kurs in der EU festgelegt. Sie will die Union links überholen. Auf der anderen Seite muss sie sich ein anderes Thema suchen. So wie es aussieht, ist es das Thema Gerechtigkeit in der Finanzwelt. Steinbrück schlägt auf die Banken ein und ist sehr kritisch in seinem Bankenpapier. So wird er versuchen, den für die SPD-Wähler so wichtigen Gerechtigkeitsgedanken zu bedienen.

Vor einer Woche hat Steinbrück dem "Spiegel" gesagt, die Kandidatenkür würde nicht vorgezogen. Das Risiko sei zu groß, dass der Kandidat an der Wand entlanggezogen und auseinandergenommen werde. Ist er jetzt fällig?

Das war immer sein Argument. Ich weiß nicht, ob er das so ernst genommen hat. Er wollte ja Kandidat werden, das spürte man schon seit langer Zeit. Ich glaube, das war ein Argument, mit dem er Fragen abwehren konnte und versucht hat, diesem "Wir brauchen noch Zeit" Glaubwürdigkeit zu verleihen. Aber wirklich gemeint hat er das nicht. Dass er sich das zutraut, ein Jahr lang Kandidat zu sein, da habe ich keinen Zweifel dran.

Mit Eckart Lohse sprach Christian Rothenberg

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Quelle: ntv.de