Politik

30 Jahren Grenzöffnung in Ungarn "Es gab Tränen, diesmal aber des Glücks"

Auf dem Gelände der Zugliget Kirche - Historischer Malteser Einsatz für die DDR-Flüchtlinge in Budapest 1989 (7).jpg

Auf dem Gelände der Zugliget Kirche hatten die Malteser Zelte aufgebaut und betreuten ausreisewillige DDR-Bürger.

Bis zum Mauerfall-Jubiläum in Berlin dauert es noch ein paar Wochen. Doch der Eiserne Vorhang wurde an anderer Stelle viel früher löchrig. Im Sommer 1989 flohen Zehntausende über Ungarn in den Westen. Die Malteser versorgten sie zeitweise in einem Zeltlager in Budapest. In Berlin erinnern sich Helfer und DDR-Flüchtlinge.

Monate vor der Grenzöffnung in Berlin am 9. November 1989 wurde an einem ganz anderen Orts "der erste Stein aus der Mauer geschlagen". Mit diesen Worten beschrieb Kanzler Helmut Kohl später die Ereignisse in Ungarn im Sommer. 30 Jahre später erinnern sich bei einem Treffen in Berlin Zeitzeugen an die damaligen Ereignisse. "Als wir die Wohnung in der DDR verlassen hatten, wusste ich: Ab jetzt gibt es kein Zurück mehr. Unsere Kinder würden im Heim aufwachsen und wir hinter Gittern, wenn sie uns erwischen", sagt Uwe Schiller.

Familie Schiller gehörte zu den Zehntausenden, die im Sommer 1989 über Ungarn in den Westen flohen. Bereits im Mai hatte Ungarns Ministerpräsident Miklós Németh bei einem Besuch in Moskau bei Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michael Gorbatschow, Pläne zum Abbau der 270 Kilometer langen Grenzanlagen zwischen Ungarn und Österreich unterbreitet. Die Begrenzung sei "historisch, technisch und politisch überholt", sagte der Reformpolitiker Imre Pozsgay damals. Zudem war die Instandhaltung mit einer Millionen Dollar pro Jahr teuer und wenig sinnvoll.

Ungarische Staatsbürger durften mit ihrem "Weltpass" längst reisen, wohin sie wollten. Einzig Flüchtlinge aus anderen Ländern, hauptsächlich der DDR, wurden an der Grenze aufgehalten. "Ich sehe da, ehrlich gesagt, gar kein Problem", soll Gorbatschow zum Abbauplan gesagt haben. Am 2. Mai 1989 begannen die Arbeiten. Knapp zwei Monate später durchschnitten die Außenminister Ungarns und Österreichs, Gyula Horn und Alois Mock, gemeinsam den Grenzzaun. Nach Jahrzehnten der Trennung war der Eiserne Vorhang zum ersten Mal symbolisch gefallen. Das Foto vom 27. Juni 1989 ging um die Welt.

Erster Versuch scheiterte

Wolfgang Wagner mit zurückgelassenen Schlüsseln.JPG

Wolfgang Wagner mit zurückgelassenen Schlüsseln.

Das war die Nachricht, auf die ausreisewillige DDR-Bürger gewartet hatten. So auch Uwe Schiller und seine Familie. Zusammen mit seiner Frau und zwei Kindern machte er sich mit einem Gefühl von Angst und Hoffnung auf den Weg nach Ungarn. Die Einladung zu einer Hochzeit in Budapest bescherte ihnen das Visum, das sie zur Ausreise benötigten.

Ihr erster Fluchtversuch aber scheiterte an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich. Zwar wurden die Anlagen bereits größtenteils abgebaut, dafür aber waren die ungarischen Grenzpatrouillen verstärkt worden, die Flüchtlinge vor Ort zurückwiesen. Voller Angst nun vielleicht doch wieder zurück in die DDR reisen zu müssen, begab sich die Familie zur Deutschen Botschaft in der ungarischen Hauptstadt Budapest. Die aber war geschlossen - zu groß war der Andrang in den vergangenen Tagen. Etliche DDR-Bürger harrten bereits auf dem Gelände aus.

Uwe Schiller-1.JPG

Uwe Schiller floh 1989 über Ungarn in den Westen.

(Foto: Tom Kattwinkel)

Doch die Familie bekam einen Tipp: Auf dem Gelände der Zugliget-Kirche hatten die Malteser ein Flüchtlingscamp errichtet und boten Menschen wie ihnen Unterkunft und Verpflegung. In jenem Spätsommer erreichten mehr als 55.000 DDR-Bürger das Zeltlager der Malteser. Vor allem nachdem beim Paneuropäischen Picknick am 19. August die Grenze nach Österreich für einige Stunden geöffnet worden war und rund 700 Menschen flüchten konnten, machten sich viele DDR-Bürger auf den Weg, um über Ungarn den Westen zu erreichen.

Zu viert losgeschwommen - zu dritt angekommen

Wolfgang Wagner war damals als Einsatzleiter im Flüchtlingslager dabei. "Es herrschte eine wahnsinnige Anspannung. Jeden Tag fragten die Menschen: Was passiert? Dürfen wir raus? Wie geht es weiter?" Nahe der Berliner Friedrichstraße haben die Malteser 30 Jahre später einen kleinen Teil der damaligen Zeltstadt zur Erinnerung wieder aufgebaut. Eines Morgens, so erzählt Wagner, sei er auf drei Jungen getroffen, die durchnässt im Lager angekommen waren und eine Zigarette rauchten. Als sie sich auf den Weg gemacht hatten, waren sie noch zu viert. Doch am Ende stiegen nur noch drei aus der Donau. Heiko hatte es nicht geschafft. Geschichten wie diese waren kein Einzelfall. Hinzu kamen Unsicherheiten, wie es wohl den Verwandten zu Hause ergehen würde. Würden sie Probleme mit der Stasi bekommen? Waren alle gesund?

Auch Beatrix Bäume, ebenfalls damals bei den Maltesern, erinnert sich an viele tragische Schicksale. "Aber trotzdem habe ich versucht, den Menschen immer wieder Mut zu machen, ihnen Hoffnung zu geben und ihre Seelen zu beruhigen", erzählt sie.

In der Nacht vom 10. auf den 11. September war es schließlich soweit - Ungarns Außenminister Horn verkündete das scheinbar Unglaubliche: Die Grenze zwischen Österreich und Ungarn sei ab Mitternacht für jedermann geöffnet. Als diese Nachricht das Flüchtlingslager in Budapest erreichte, brachen dort alle Dämme. "Es war ein riesiger Jubel. Alle fielen sich in die Arme, es war ein riesiges Freudenfest", erinnert sich Bäume. "Sogar ein paar Sektkorken knallten und es gab viele Tränen, diesmal aber Tränen des Glücks und nicht der Trauer."

Auch Familie Schiller war vor Ort und setzte sich prompt ins Auto, um den lang ersehnten Weg in die Freiheit zu beschreiten. An der Grenze wurden sie ein letztes Mal von einem Mann angehalten. Doch kontrollieren wollte dieser die Familie nicht. Mit dem Wort "Glückwunsch" übergab er ihnen ein Stück des Grenzzaunes zur Erinnerung an diesen denkwürden Tag. "Was bis heute bleibt, ist eine unendliche Dankbarkeit gegenüber der ungarischen Bevölkerung und natürlich den Maltesern, die Übermenschliches geleistet haben", sagt Uwe Schiller.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema