Politik

Angst vor antisemitischer Gewalt Frankreichs Juden flüchten vor Übergriffen

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Geschändete jüdische Gräber in Cronenbourg. Immer mehr Juden fühlen sich in Frankreich nicht mehr sicher.

(Foto: REUTERS)

Für in Frankreich lebende Menschen jüdischen Glaubens war 2014 ein finsteres Jahr: Die Zahl antisemitischer Übergriffe steigt stark an, ebenso das Gefühl der Unsicherheit. Nun ziehen Frankreichs Juden Konsequenzen und verlassen massenhaft das Land.

Die Zahl antisemitischer Übergriffe und Drohungen in Frankreich hat sich im Vergleich zu 2013 mehr als verdoppelt. Zuletzt sorgte Anfang Dezember der brutale Überfall auf ein junges jüdisches Paar im Großraum Paris für Entsetzen. Die Regierung hat dem Antisemitismus den Kampf angesagt, doch immer mehr Juden fühlen sich in Frankreich nicht mehr sicher und verlassen das Land: Etwa 7000 von ihnen zogen 2014 nach Israel, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr.

Erstmals kamen damit aus Frankreich mehr jüdische Zuwanderer nach Israel als aus jedem anderen Land der Welt. Und der Trend dürfte anhalten: Für das kommende Jahr rechnet die Jüdische Agentur, die Menschen bei der Auswanderung nach Israel unterstützt, mit mehr als 10.000 jüdischen Neuankömmlingen aus Frankreich.

Am Antisemitismus allein liegt das nicht: Frankreich wird seit Jahren von einer schweren Wirtschaftskrise geplagt, die Arbeitslosigkeit hat historische Höchstwerte erreicht und steigt weiter unaufhaltsam an. Viele Auswanderer erhoffen sich in Israel schlichtweg ein Leben ohne Angst vor Jobverlust oder finanziellen Sorgen.

Räuber bedienen sich an Klischees

Doch viele Juden nennen inzwischen auch die Angst vor antisemitischen Angriffen als Grund für ihre Ausreise. Im Sommer kam es in Frankreich bei Protesten gegen Israels Gaza-Offensive zu schweren Ausschreitungen, bei denen unter anderem ein jüdisches Lebensmittelgeschäft geplündert und antisemitische Parolen skandiert wurden.

Neue Sorgen schürte vor wenigen Wochen der brutale Überfall in der Pariser Vorstadt Créteil: Drei Männer raubten ein jüdisches Paar in einer Wohnung aus und vergewaltigten die junge Frau. Die Räuber hatten das Paar gezielt ausgesucht, wie Ermittler sagten - weil sie davon ausgingen, dass Juden viel Geld haben.

Vorurteile, Anfeindungen und Gewalt - viele französische Juden sehen in dem Land keine Zukunft mehr für sich. "Frankreich ist heute nicht mehr das Land, wie ich es einst kannte", sagt die in Créteil lebende Jüdin Sarah Landau. "Meine jüdische Religion war nie ein Problem, aber heute ist sie eine Belastung für unsere Kinder." Auch Landau denkt darüber nach, Frankreich zu verlassen.

Der Überfall von Créteil sorgte weit über die Grenzen Frankreichs hinaus für Schlagzeilen - und die Regierung in Paris versprach eine schnelle Reaktion. "Wir müssen den Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus zur nationalen Aufgabe machen", sagte Innenminister Bernard Cazeneuve. "Hinter diesem Verbrechen steht ein Übel, das Frankreich zerfrisst und das wir um jeden Preis bekämpfen müssen."

"Fromme Wünsche" statt "angemessener Mittel"

Doch Staatschef François Hollande hatte den Kampf gegen den Antisemitismus schon im November 2012 zur "nationalen Aufgabe" erklärt - entsprechend herrscht Skepsis bei jüdischen Vertretern. "Es kann nicht bei Absichten und frommen Wünschen bleiben", kommentierte Frankreichs Großrabbiner Haïm Korsia die Ankündigungen des Innenministers. Es müssten auch die "angemessenen Mittel" zur Verfügung gestellt werden.

Und der Vorsitzende des jüdischen Dachverbandes Crif, Roger Cukierman, warnte: "Wenn der Staat aus dieser nationalen Aufgabe nicht eine glühend verteidigte Verpflichtung macht, dann werden die Juden massenhaft Frankreich verlassen."

In Frankreich lebt mit zwischen 500.000 und 600.000 Mitglieder die größte jüdische Gemeinde Europas, Frankreich hat damit nach Israel und den USA die drittgrößte jüdische Bevölkerung der Welt. Viele Juden sind noch heute traumatisiert von der Mordserie des Islamisten Mohamed Merah, der im März 2012 unter anderem vor einer jüdischen Schule im südfranzösischen Toulouse drei Schüler und einen Lehrer erschoss.

Die französische Regierung hat den Juden immer wieder versichert, dass sie zu Frankreich gehörten und dort sicher seien. Viele aber, das zeigt die große Zahl der Auswanderer, glauben daran nicht mehr.

Quelle: ntv.de, bdk/AFP

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