Politik

Politisches Kraftpaket Franz Josef Strauß' unvollendete Karriere

3rf41554.jpg1337891820735968049.jpg

Vertreter der politischen Attacke: Franz Josef Strauß.

(Foto: dpa)

Nur wenige Politiker in der Bundesrepublik polarisierten so stark wie Franz Josef Strauß. Unvergessen sind seine Auseinandersetzungen mit Helmut Kohl. Dem am 6. September 1915 geborenen Strauß blieb der Einzug ins Kanzleramt verwehrt.

Franz Josef Strauß redet sich regelrecht in Rage. "Helmut Kohl wird nie Kanzler werden. Er ist total unfähig dazu. Ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles dafür", poltert er. Es ist der 24. November 1976: Der CSU-Vorsitzende spricht vor dem Landesausschuss der Jungen Union Bayern, Ort ist ein Saal der Hauptverwaltung der Schnellrestaurant-Kette Wienerwald in München. Und er ist nicht zu bremsen, die bierselige Stimmung tut das Ihrige dazu: "Die politischen Pygmäen der CDU, die nur um ihre Wahlkreise bangen, diese Zwerge im Westentaschenformat, diese Reclam-Ausgabe von Politikern." Man ist eigentlich unter sich in der CSU, die Öffentlichkeit sollte von dieser Rede eigentlich nichts erfahren. Aber es läuft ein Band mit. Dieses wird dann dem "Spiegel" zugespielt, der aus Strauß' Wienerwald-Rede eine Titelgeschichte macht.

Caprivi.jpg

Strauß und Helmut Kohl - eine sehr schwierige Zusammenarbeit.

(Foto: imago stock&people)

Die Union befindet sich in einem heißen Herbst, denn nur fünf Tage zuvor hat die CSU-Landesgruppe in Wildbad Kreuth beschlossen, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Deutschen Bundestag aufzukündigen. Deren Vorsitzender Kohl droht mit dem "Einmarsch" seiner Partei in Bayern. Das Netzwerk des Pfälzers in die CSU hinein funktioniert, am 12. Dezember 1976 ziehen die Christsozialen ihren Beschluss zurück - eine schwere Niederlage für ihren Vorsitzenden. Für den am 6. September 1915 geborenen Strauß beginnt innerhalb der Union ein schleichender Machtverlust, der 15 Jahre jüngere Kohl zeigt dem "politischen Urviech" seine Grenze auf. Zwei Jahre später "flüchtet" Strauß aus Bonn nach München und wird bayerischer Ministerpräsident. Enge Weggefährten berichten, dass dem CSU-Chef dieser Schritt sehr schwer gefallen sei.

Zurück zum Herbst 1976: Die Bundestagswahl, in der die sozial-liberale Koalition von Bundeskanzler Helmut Schmidt nur eine hauchdünne Mehrheit errang, ist gerade einmal ein paar Wochen her. Unter ihrem Spitzenkandidaten Kohl schafften CDU/CSU zwar sehr gute 48,6 Prozent, aber für eine Regierungsübernahme hat es dennoch nicht gereicht. Strauß ist verärgert, denn in seinen Augen ist er der bessere Unionskandidat. Der Bayer kann sich nicht die Bemerkung verkneifen, dass er die nötigen Zehntel für eine eigene Mehrheit von CDU/CSU zusammenbekommen hätte. Kohl vergisst ihm das nie.

Kanzlerkandidatur 1980

Kohl gegen Strauß: Diese Rivalität bestimmte die politische Endzeit von "FJS". Das Duell des kühl abwartenden und taktierenden Pfälzers gegen den hoch gebildeten, aber sehr impulsiven Bayern wurde 1980 entschieden. "Der Helmut Kohl war der Härtere und Kältere", sagte die Strauß-Tochter Monika Hohlmeier rückblickend. Kohl unterstrich indirekt ihre Analyse: "Er (Strauß) war ein brillanter Kopf. Im Hinblick auf Klugheit hat er aber eine Menge Begrenzungen gehabt." Hinsichtlich des Strauß‘schen Temperaments sagte er: "Er hatte den Motor eines schweren Lasters, aber die Bremsen von einem Kleinwagen."

Caprivi.jpg

Wahlkampf bis zur Grenze der körperlichen Leistungsfähigkeit: Strauß wird dennoch nicht Kanzler.

1980 kommt es zum Showdown: Kohl, der mit einer Niederlage bei der Bundestagswahl rechnet, verzichtet auf eine Kanzlerkandidatur. Er will Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht als Unions-Kanzlerkandidat und provoziert damit die bayerische Schwesterpartei. Die CSU-Granden überreden Strauß zur Kandidatur. Der Christsoziale setzt sich auch gegen Albrecht durch - Kohls Falle schnappt zu. Es entwickelt sich einer der härtesten Wahlkämpfe in der Geschichte der Bundesrepublik. Strauß fährt mit 44,5 Prozent ein deutlich schlechteres Ergebnis ein als Kohl vier Jahre zuvor. Weil die FDP an der Koalition mit der SPD festhält, bleiben für die Union wieder nur die harten Oppositionsbänke. Schmidt ist weiter Kanzler. Strauß, der sich während des Wahlkampfes von der CDU nicht genügend unterstützt fühlte, zieht sich grollend nach München zurück.

Das Kanzleramt war für Strauß endgültig unerreichbar geworden. "Es ist mir egal, wer unter mir Bundeskanzler wird", hat er einmal gesagt. Spätestens mit der Übernahme der Kanzlerschaft durch Kohl am 1. Oktober 1982 hat dieser Spruch keine Berechtigung mehr, am CDU-Vorsitzenden führte machtpolitisch kein Weg mehr vorbei. Strauß ist aber klug genug, nicht als Wirtschaftsminister ins Bundeskabinett einzutreten, um damit einen gewissen Handlungsspielraum als CSU-Chef zu behalten. Nur bei einem Angebot, Außenminister zu werden, wäre er schwach geworden. Doch dieses hatte Kohl der FDP als Belohnung für deren Koalitionswechsel versprochen.

Caprivi.jpg

Der Alte aus Rhöndorf mit dem Jungen aus München.

(Foto: imago/ZUMA/Keystone)

Es ist ein gewisses Maß an Tragik, das mit Strauß' Abstieg verbunden ist. Eine völlig ungewohnte Situation für das politische Kraftpaket, das bereits 1949 in den Bundestag kam und 1953 unter Kanzler Konrad Adenauer Bundesminister für besondere Aufgaben wurde. Dem Alten aus Rhöndorf war die Umtriebigkeit des studierten Altphilologen in Bayern, der bereits damals mit griechischen und lateinischen Zitaten aufwartete, aufgefallen. Mit gerade einmal 38 Jahre war der aus München stammende Metzgerssohn das jüngste Kabinettsmitglied - als Bundesminister für besonders Aufgaben.

"Atomminister" und zahlreiche Affären

Zwei Jahre später ging es mit der bundespolitischen Karriere von Strauß weiter bergauf, er wurde Bundesminister für Atomfragen und war maßgeblich am Aufbau der Deutschen Atomkommission beteiligt. Strauß forderte, dass in der Bundesrepublik bis 1970 die ersten Atomkraftwerke Strom produzieren sollten. "Wenn wir unseren 10- bis 15-jährigen Rückstand nicht sehr rasch aufholen, werden wir wahrscheinlich darauf verzichten müssen, in Zukunft zu den führenden Nationen gezählt zu werden." 1956 war er bereits - im Alter von 41 Jahren - Bundesverteidigungsminister.

Strauß, der "Atomminister": Dem politischen Gegner war der aufstrebende Münchner, der mitunter zum Jähzorn neigte, nicht geheuer. Der junge Verteidigungsminister betrieb, unterstützt von Kanzler Adenauer und gegen den Willen der SPD-Opposition und von namhaften Atomphysikern, die atomare Bewaffnung der Bundeswehr im Rahmen der nuklearen Teilhabe der Nato - jenes Abschreckungskonzept welches Mitgliedsstaaten ohne eigene Nuklearwaffen in die Planung des Einsatzes von Nuklearwaffen und in den Einsatz der Waffen selbst durch das westliche Militärbündnis einbezieht.

Aber auch politische Niederlagen blieben dem jungen Strauß nicht erspart. Sein Verhalten bei der Spiegel-Affäre, bei der sich Mitarbeiter des Hamburger Nachrichtenmagazins aufgrund des Artikels "Bedingt abwehrbereit" der Strafverfolgung wegen angeblichen Landesverrats ausgesetzt sahen - "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein saß 103 Tage lang in Untersuchungshaft -, zwang Strauß Ende 1962 zum Rücktritt. Er hatte zunächst beteuert, mit der ganzen Aktion nichts zu tun zu haben, geriet aber immer stärker in Verdacht, die Aktionen gegen die Journalisten vorangetrieben zu haben. Adenauer, der seinen Minister zunächst unterstützt hatte, ließ ihn fallen. Bereits zuvor hatte die Starfighter-Affäre, bei der Schmiergeld geflossen sein soll, Strauß arg zugesetzt. Dazu kamen im Zusammenhang mit der Rüstungsbeschaffung auch noch der HS-30-Skandal und die Onkel-Aloys-Affäre: Strauß, seit 1961 CSU-Chef, musste, aus der Schusslinie und "parkte" als Vorsitzender der CSU-Landesgruppe zwischen. Es sollten nicht die letzten Affären des umtriebigen Politikers sein.

Plisch und Plum

Caprivi.jpg

Der CSU-Chef mit seinem Lieblings-Sozialdemokraten Karl Schiller.

(Foto: imago/ZUMA/Keystone)

1966 wurde Strauß wieder gebraucht: Die erste Große Koalition unter CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger benötigte politische Schwergewichte. Weil SPD-Chef Willy Brandt als Außenminister ins Kabinett eintrat, musste auch der CSU-Vorsitzende ran - und zwar als Finanzminister. Es entwickelte sich wider Erwarten eine enge Zusammenarbeit zwischen Strauß und dem sozialdemokratischen Wirtschaftsminister Karl Schiller. Sie wurden Plisch und Plum genannt - nach Titelfiguren einer Bildergeschichte von Wilhelm Busch. Strauß, nicht nur der Sozialistenfresser, sondern auch der pragmatische Politiker. Eine Rolle, die er in den 1980er Jahren hervorragend zu spielen versteht - teilweise im Zusammenspiel mit Kohl, teilweise im Alleingang. "Glauben Sie gar nicht, dass ich meine grundsätzlichen Vorstellungen geändert habe. Ich bin nur flexibler geworden in der Wahl meiner Mittel", erklärt der Bayer seine "Wandlung".

Kohl erlag nach seinem Sieg im Machtkampf mit Strauß klugerweise nicht der Versuchung, seinen Konkurrenten öffentlich zu demütigen, denn er brauchte den bayerischen Ministerpräsidenten noch. Strauß nutzte die Freiheiten des Amtes im Freistaat, war er doch nicht den Zwängen des Bonner Regierungsbetriebes unterworfen. So praktizierte er eine eigene Außenpolitik und pflegt Beziehungen zu den Diktatoren Chiles und Paraguays, Augusto Pinochet und Alfredo Stroessner, oder zum südafrikanischen Apartheid-Regime. Oft zog es ihn in den afrikanischen Kleinstaat Togo, den dortigen Diktator Gnassingbé Eyadéma bezeichnete er als Freund. Diese Beziehungen sorgten mitunter für Verstimmung bei Kohl und FDP-Außenminister Hans-Dietrich Genscher.

Milliardenkredit für die DDR

Caprivi.jpg

Das Fliegen war eine große Leidenschaft des bayerischen Ministerpräsidenten.

(Foto: imago stock&people)

Aber Strauß war auch im Ostblock unterwegs. Mit Kohls Billigung fädelte er 1983 einen Milliardenkredit für die ökonomisch marode DDR ein - eine politische Sensation. Auf Ost-Berliner Seite war Staatssekretär Alexander Schalck-Golodkowski der Ansprechpartner. Der Kredit bewahrte die DDR vor der Staatspleite. Für das "gefährliche Spiel mit dem Teufel" wurde Strauß auch in der CSU scharf kritisiert, es kommt zu Parteiaustritten, einige abtrünnige gründen die Partei "Die Republikaner", die aber für die CSU nicht gefährlich wird. Strauß übersteht den CSU-internen Sturm. Es gibt ein Treffen mit DDR-Staats- und SED-Chef Erich Honecker. Für den Kredit baut die DDR aber die Selbstschussanlagen an der innerdeutschen Grenze ab und bewilligt mehr Ausreiseanträge. Zudem können immer mehr sich nicht im Rentenalter befindende DDR-Bürger Verwandte im Westen besuchen.

Der bayerische Ministerpräsident pflegte auch die Beziehungen zur Sowjetunion und China. Am 28. Dezember 1987 flog er eigenhändig eine Cessna durch einen Schneesturm nach Moskau, um mit KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow zu sprechen. Im Flieger saßen auch Parteifreunde, die auf das fliegerische Geschick ihres nunmehr 72-jährigen Vorsitzenden vertrauen müssen. Strauß war auch der erste westdeutsche Politiker, der das abgeschottete Albanien von Enver Hoxha besuchte.

Das Erleben der deutschen Wiedervereinigung war Franz Josef Strauß nicht mehr vergönnt. Am 1. Oktober 1988 brach er in der Nähe von Regensburg bei einem Jagdausflug zusammen. Er kam nicht wieder zu Bewusstsein und starb am 3. Oktober - vier Jahre nach dem Unfalltod seiner Frau Marianne. In München gab es am 7. Oktober einen politischen Staatsakt für den Verstorbenen, auf dem auch sein großer Widersacher Helmut Kohl sprach. Die Beisetzung des von seinen Anhängern geliebten und seinen Gegnern gehassten Bayern erfolgte am 8. Oktober im engsten Familienkreis im Rott am Inn.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema