Politik

Lehren der SicherheitskonferenzFriss Staub, Putin. In Europa geht was.

15.02.2026, 17:55 Uhr UnbenanntVon Frauke Niemeyer
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Stubb (Finnland), Selenskyj (Ukraine), Merz (Deutschland), Tusk (Polen) und Store (Norwegen) setzen sich bei der MSC zusammen. (Foto: Getty Images)

Nach Grönlandgate und anderen Katastrophen mussen sich die Europäer bei der Münchner Sicherheitskonferenz dringend neu sortieren. Überraschung: Das klappt offenbar! Na sowas. Fünf Lehren aus der MSC.

Friedrich will führen

Das gab es noch nicht bei einer MSC: Die Eröffnungsrede, das Statement, das den Ton setzen wird, gehalten vom deutschen Bundeskanzler. Friedrich Merz war sich der Tragweite seines Auftritts offenbar bewusst, seit Weihnachten soll der Kanzler mit Team am Text gefeilt haben.

Für einen "Außenkanzler", wie Merz oft genannt wird, ist die Eröffnung des weltweit größten Forums für Sicherheitsfragen sowas ähnliches wie das Champions League Finale. Oder sollte es zumindest sein. Gerade im Vergleich zu den Kanzlerreden der vergangenen Jahre: Olaf Scholz am MSC-Samstag - spröde, technisch, bar jeden Esprits. Davon ausgehend war für Merz viel Luft nach oben.

Doch in fragiler internationaler Lage: Der Ukrainekrieg geht ins fünfte Jahr, China strebt nach Hegemonie in der Umgebung und rüstet in großem Maße auf. Die USA, ehemals wichtigster Nato-Partner, reißen Demokratie und Rechtsstaat in Stücke und entschieden sich gerade erst, doch nicht einen Verbündeten anzugreifen. Mit der Annexion Grönlands hatten sie ernsthaft gedroht.

Merz stellte heraus, wo die Differenzen liegen, grenzte Europa vom Kulturkampf des US-Präsidenten ab, Trumps "Make America great again". Der Deutsche pochte auf Grundgesetz, Menschenwürde, freien Handel - zeigte die Risse auf im Verhältnis zu den USA und die Konsequenzen, die daraus folgen müssten: "Wir legen den Schalter um im Kopf", sagte der Kanzler.

Europa werde Festigkeit und Willenskraft brauchen, um seine Freiheit zu behaupten. Noch mehr stehe auf dem Spiel: "Zerreißt Europa, zerreißt Deutschland." Merz gelang in seiner ersten MSC-Rede eine anspruchsvolle Balance: Aufzuzeigen, dass Deutschland bereit ist, in Europa voran zu gehen, und sich trotzdem inmitten der Partner verortet. Eine "leadership speech", eine Rede mit Führungsqualität, wurde dem Kanzler auf den Fluren des Bayerischen Hofs später attestiert. Wie man hörte, auch von manchem Sozialdemokraten.

Rubio ist auch nur Vance in charmant

Mit noch mehr Spannung als im Vorfeld der Kanzlerrede wurde der Auftritt von Marco Rubio erwartet. Statt wie seit Jahren üblich den US-Vizepräsidenten, hatte Donald Trump seinen Außenminister nach München geschickt. 2025 hatte JD Vance mit einer vor Verachtung triefenden Rede gegen das demokratische Europa tiefschwarz verbrannte Erde hinterlassen.

Die Grönland-Kapriole noch in den Knochen, erwarteten viele Europäer eine erneute Kampfansage aus dem Weißen Haus. Das Publikum im großen Saal des Bayerischen Hofs dankte Rubio im Stehen dafür, dass diese ausblieb.

Doch neben den vielen Schmeicheleien des US-Vertreters, neben ausführlicher Anerkennung für Europa als Wiege von Freiheitsidee und Hochkultur, unterstrich Rubio in nur wenigen Sätzen aber deutlich genug, dass die USA der erodierten regelbasierten Wertordnung keine Träne nachweinen. Ihren neuen Weg wollen sie zwar gemeinsam mit den "Freunden aus Europa" gehen, aber nur zu ihren, den neuen Bedingungen. Kein Bündnis auf Augenhöhe, sondern Gefolgschaft ist im Angebot. Die USA sind raus aus der Wertegemeinschaft und sie bleiben es auch.

Die starke Nato ist schwach wie nie

Zolldrohungen, Grönland-Gelüste und Kanada als US-Bundesstaat? Das Gebaren der Trump-Regierung wirkt auf die Nato-Partner enorm verstörend. Entsprechend war eine der häufigsten Fragen an die US-Vertreter in München: Leute, seid Ihr noch an Bord? Aber ja, sagten die, man müsse nur auf das schauen, was täglich in der Nato passiert: "Wir tragen das Wasser, wir hacken das Holz", erklärte Trumps Nato-Botschafter Matthew Whitaker wiederholt und pochte darauf, dass die Amerikaner im Bündnis ihren Job machen. Stimmt ja auch.

Zudem sei durch Trumps zuweilen etwas "drängend" wirkende Art (so nannte es Rubio) die Allianz gestärkt wie nie. Auf künftige Verteidigungsausgaben von fünf Prozent der Wirtschaftsleistung haben sich die Nato-Partner im Sommer geeinigt. Das hat der US-Präsident erreicht. Die europäischen Partner seien bereit, ihren Teil zu übernehmen und "starke Partner" zu werden.

Das stimmt auch alles. Doch ist militärische Stärke nur die eine Säule im Gerüst der Allianz. Die andere ist das politische Bekenntnis. Und politisch wird von den USA darauf verwiesen, dass die Europäer vor allem auch stark werden sollen, um mittelfristig die Auseinandersetzung mit dem Kreml selbst zu übernehmen. Die Nationale Sicherheitsstrategie der USA weist Russland nicht mehr als Bedrohung aus, der Kompass scheint eher auf wirtschaftliche Zusammenarbeit kalibriert. Zudem sinnierte Trump noch unlängst, erstmals einen Bündnispartner anzugreifen.

Vor dem Hintergrund stellt sich die Frage, was Washington tun würde, wenn in Estland russische Soldaten jenseits der Grenze auftauchen? Und wenn die amerikanischen Militärs und Politiker dann in München erneut darauf pochten, sie seien doch jeden Tag in der Nato am Start, Wasser tragend und Holz hackend, dann konnte es leider nicht überzeugen. Politisches Vertrauen, das erschüttert wird, lässt sich nicht militärisch reparieren. Auch nicht ausgleichen. Wenn die eine Säule bröckelt, hilft es nicht, die andere Säule höher zu bauen. Das Gerüst wird ziemlich sicher zusammenbrechen. Europa stellt sich darauf ein.

Wehrfähigkeit herstellen - da geht was!

Die Wirkkraft einer inspirierenden Rede ist nicht zu überschätzen. Der deutsche Kanzler hat in München geliefert, Frankreichs Präsident Macron legte nach und auch Keir Starmer, der britische Premier bekannte sich leidenschaftlich zum europäischen Zusammenhalt. Aber lässt sich das auch in die Mühen des Alltags übersetzen?

Europa hat bei der Verteidigungsfähigkeit viel aufzuholen und ist traditionell nicht gerade in Mach3-Geschwindigkeit unterwegs. Den deutsch-französisch-spanischen Giga-Kampfjet FCAS wird es nicht so geben, wie einst gedacht. Aber die Idee war ohnehin ein Schnellschuss. Schon gibt es neue Perspektiven der Zusammenarbeit und kommen Dinge in Bewegung. Junge, flexible Startups entern den Markt, denn Drohnen und KI-Technologie gewinnen immer mehr an Bedeutung. Wenn es nur sehr schwer machbar erscheint, 19 europäische Kampfpanzer-Modelle auf die besten sechs einzudampfen, kann die KI-Branche viel schneller reagieren. Das Ansinnen, Europa gemeinsam wehrfähig zu machen, profitiert spürbar davon.

Und die Stimmung auf der MSC ebenso. Herrschte 2024 Depression ob des andauernden Krieges und 2025 Schockstarre, nachdem JD Vance die transatlantische Freundschaft gekündigt hatte, hörte man auf den Fluren des Bayerischen Hofes 2026 viele positive Perspektiven, Anerkennung für die erreichten Schritte und - vorsichtige - Zuversicht, dass es weitergeht.

Sicherheit ist mehr als Militär - doch das wird nicht gesehen

Der Impuls war da: Im diesjährigen MSC Report kritisiert die Konferenz deutlich wie nie, dass westliche Staaten Sicherheit wieder enger und rein militärisch definieren, statt alle drei Ds der Sicherheit zu beachten: Vor lauter berechtigter Sorge um Defence gehen Development und Diplomacy verloren, auch durch harte Kürzungen. Berlin hat allein seine Nothilfe jüngst mehr als halbiert.

Die MSC hat das Thema gesetzt, aber nur auf isolierten Panels: als wären Not- und Entwicklungshilfe, Diplomatie und Prävention eben doch nur die berühmten "nice-to-haves" in der harten Sicherheitswelt.

In Peking sieht man das offensichtlich anders: Der chinesische Außenministers Wang Yi lobte im klaren Gegensatz zum US-Amtskollegen Marco Rubio die Vereinten Nationen (UN) als den globalen Rahmen der Zukunft. Damit nicht das "Gesetz des Dschungels" gelte.

Ausgerechnet Peking spricht sich für eine regelbasierte Weltordnung im Rahmen der UN aus. Es zeigt deutlich seine Ambitionen, internationale Institutionen und sicherheitsrelevante Regionen künftig zu dominieren. Wenn das Engagement des Westens weiter so rapide sinkt, wird China die Lücke sehr gerne füllen. Allerdings zu seinen Bedingungen, und das können die Europäer nicht wirklich wollen. Hier ist wieder mehr Einsatz gefragt.

Quelle: ntv.de

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