Politik

"In Tripolis riecht es nach Tod" Gaddafi möglicherweise entwischt

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In Tripolis werden die Toten jetzt eilig bestattet, um Seuchen zu verhindern.

(Foto: dpa)

Das Wasser ist abgestellt, der Müll stapelt sich in den Straßen. In den Krankenhäusern herrscht blanker Notstand. Und jetzt stockt auch noch der Nachschub an Lebensmitteln. In der libyschen Hauptstadt Tripolis ist die Lage dramatisch. Allerdings wird kaum noch geschossen, die Kämpfe verlagern sich auf Sirte, der Heimatstadt des untergetauchten Diktators.

In Tripolis droht ein ernster Versorgungsengpass. In der libyschen Hauptstadt ist die Wasser- und Stromversorgung kollabiert. Den Rebellen, die die Stadt nun größtenteils kontrollieren, ist es noch nicht gelungen, die Versorgung der rund drei Millionen Menschen sicherzustellen. Auch Lebensmittel und Benzin seien nur noch auf dem Schwarzmarkt und zu astronomischen Preisen zu haben, berichten ausländische Reporter. So sei der Preis für Benzin von den landestypischen 8 Cent pro Liter auf umgerechnet über 1,70 Euro geklettert.

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(Foto: AP)

Derweil türmt sich in den Straßen der Hauptstadt der Müll meterhoch. In einigen Stadtteilen zündeten Libyer Essensreste an, um den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern. Viele Bewohner liefen mit leeren Containern zu Moscheen, die häufig Brunnen in ihren Innenhöfen besitzen, um sich dort mit Wasser einzudecken. Eine Moschee warnte bereits: "Kein Wasser übrig." In dem während der heftigen Kämpfe aufgegebenen Krankenhaus Abu Salim lagen immer noch Dutzende bereits verwesende Leichen. Einige befanden sich in der Notaufnahme, andere im Garten. "In Tripolis riecht es nach Tod", berichten Helfer. Um den Verwesungsgeruch zu unterdrücken, werden die Leichen einfach nur in Teppiche eingehüllt. Es fehlt an Leichensäcken.

Versorgungsschiffe stehen bereit

Ein Sprecher des Nationalen Übergangsrats der Rebellen dementierte, dass Gaddafi-treue Soldaten die Wasserversorgung der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt Tripolis lahmgelegt hätten. Es gebe lediglich "ein paar technische Probleme und wir sind dabei, uns darum zu kümmern", heißt es. Mohammed Ben Ras Ali von einem Wiederaufbauteam des Infrastrukturministeriums der Rebellen sagte, 32 Schiffe warteten darauf, Tripolis mit Wasser, Medikamenten und Treibstoff zu versorgen.

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In der Hauptstadt sind die Kämpfe nahezu eingestellt.

(Foto: AP)

Eine wichtige Küstenstraße nach Tripolis wird in Sirte weiterhin von Streitkräften des untergetauchten Machthabers Muammar al-Gaddafi blockiert. Dennoch gibt es Fortschritte auf militärischer Ebene. Die Straßenkämpfe in Tripolis scheinen beendet, nur noch sporadisch sind Schüsse zu hören. Zudem haben die Aufständischen die strategisch wichtige Stadt Ras Dschdir in der Nähe der tunesischen Grenze eingenommen. Unklar ist weiter, wo sich Gaddafi aufhält.

Gaddafi wohl nicht in Algerien

Der Chef des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, räumte ein, dass es derzeit keine gesicherten Informationen über den Aufenthaltsort des 69-Jährigen gebe. Die algerische Regierung wies Berichte über einen aus Libyen eingetroffenen Konvoi mit gepanzerten Mercedes-Limousinen vehement zurück. "Algerien ist seit Monaten Ziel von einer Flut von falschen Informationen", sagte der Sprecher des Außenministeriums, Amar Belani, in Algier. Arabische Medien zitierten einen Rebellenkommandeur in der Stadt Ghadames (rund 550 Kilometer südwestlich von Tripolis), wonach Gaddafi versuche, über Tunesien zu fliehen. Auch dafür gab es keine unabhängige Bestätigung.

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Die Rebellen schicken Suchtrupps los, um Gaddafi endlich zu finden.

(Foto: AP)

Gaddafi ist untergetaucht, seit die libyschen Rebellen Ende vergangener Woche in die Hauptstadt Tripolis vorgerückt waren. Algerien weigert sich, den nationalen Übergangsrat der libyschen Rebellen anzuerkennen. Laut einer Stellungnahme des Außenministeriums fühlt sich die Regierung in Algier in der Frage einer "strikten Neutralität" verpflichtet.

AU erkennt Übergangsrat nicht an

Aber nicht nur Algerien, auch die Afrikanische Union (AU) erkennt den Nationalen Übergangsrat nicht als rechtmäßige Regierung Libyens an. Die an einem Gipfeltreffen in Äthiopien beteiligten Länder forderten eine "Übergangsregierung unter Einschluss aller Parteien". Dies hatte die Übergangsregierung bereits angekündigt und eine Wahl für das Frühjahr 2012 in Aussicht gestellt. Vor allem Südafrikas Präsident Jacob Zuma gilt seit langem als scharfer Kritiker des NATO-Einsatzes in Libyen.

Wandel in der deutschen Libyen-Politik

EU-Energiekommissar Günther Oettinger (CDU) kritisierte die Bundesregierung für ihre Libyen-Politik. Am Sturz des Gaddafi-Regimes habe Deutschland "einen Anteil gleich null", so Oettinger. "Unser Boykott hat Gaddafi nicht mal irgendwo erreicht. Es waren die Waffen unserer NATO-Partner, es war nicht die deutsche Zurückhaltung." Umso mehr müsse sich Deutschland jetzt für ein Aufbaukonzept für den gesamten nordafrikanischen Raum einsetzen.

haben Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Guido Westerwelle (FDP) der NATO Westerwelle, dem seine besonders lautstarke Verteidigung des eigenen Kurses vorgehalten worden war, schrieb nun in einem Gastbeitrag für die "Welt am Sonntag": "Wir sind froh, dass es den Libyern auch mit Hilfe des internationalen Militäreinsatzes gelungen ist, das Gaddafi-Regime zu stürzen." Er habe "Respekt für das, was unsere Partner zur Erfüllung von Resolution 1973 des UN-Sicherheitsrates geleistet haben". Auch Merkel gebrauchte den Begriff Respekt.

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Quelle: n-tv.de, ppo/jmü/dpa/AFP/rts