Politik

"Ich glaube, Sie verharmlosen" Geißler und der "totale Krieg"

2zdn5533.jpg784710513491106105.jpg

"Waren Sie schonmal in Stuttgart?": Geißler versucht sich zu erklären.

(Foto: dpa)

Schlichter Geißler bleibt dabei: In Stuttgart 21 drohe der "totale Krieg", erneuert er seine umstrittene Äußerung. Dass er mit dem Goebbels-Zitat verharmlosen könnte, sieht Geißler nicht. "Ach was, das ist keine Sprechweise der Nazis", sagt er in einem Interview, in dessen Verlauf sich der CDU-Politiker um Kopf und Kragen redet.

Heiner Geißler hatte es geschafft. Im Lauf der Jahre ist aus dem ehemaligen, umstrittenen Generalsekretär der CDU ein über Parteigrenzen hinweg geachteter Ankreider geworden. Mit der Schlichtung von Stuttgart 21 schien er seiner Karriere die Krone aufzusetzen: Unnachgiebig, witzig, etwas eigen und um Unparteilichkeit bemüht, wollte er in Stuttgart Frieden stiften. Sein Denkmal als unbequemer Schlichter schien bereits gebaut. Doch plötzlich tut Geißler viel dafür, es wieder einzureißen.

"Oder wollt Ihr den totalen Krieg?", fragte der Schlichter am Ende der Stresstest-Präsentation in die Stuttgarter Runde. Geißler zitierte den NS-Propagandaminister Joseph Goebbels aus seiner Sportpalastrede im Jahr 1943. Ziemlich unpassend für den Streit um einen Bahnhof. Doch die anwesenden Gegner und Befürworter von Stuttgart 21 erzürnte dieser Vergleich nicht. Vielleicht lag es an ihrer mangelnden Aufmerksamkeit nach dem neunstündigen Sitzungsmarathon. Allzu hohe Wellen schlug Geißler mit seinem Zitat jedenfalls nicht.

Der Deutschlandfunk wollte trotzdem wissen, wie Geißler das Zitat gemeint hatte. Der CDU-Politiker bekommt Gelegenheit, sich zu erklären. Doch Geißler macht alles nur noch schlimmer und verrennt sich zusehends.

"Keine Sprechweise der Nazis"

"Ach was, das ist keine Sprechweise der Nazis", entgegnet Geißler dem Redakteur. "Der totale Krieg, den gibt es auch anderswo, den haben wir zurzeit in Syrien." Er habe das Zitat benutzt, um "mal klarzumachen, was los ist". Er habe das Denken in "Entweder-Oder-Kategorien" brechen wollen. "Waren Sie schon mal in Stuttgart und haben Sie es erlebt, was da los ist? Sie haben ja gerade Auszüge aus dieser Demonstration gebracht. Das ist ein verbaler Krieg, den wir dort haben."

2zcb0249.jpg7262157367890046786.jpg

"Was soll das?"

(Foto: dpa)

Es muss allerdings betont werden, dass das Gespräch wesentlich unstrukturierter ablief, als es hier den Anschein hat. In dem Interview ist ein Geißler zu erleben, bei dem man zwischenzeitlich nicht mehr sicher ist, was er ernst meint, wo er sarkastisch wird und ob er dem Gespräch in Gänze folgen kann. Ein Beispiel? "Aber die Frage 'Wollt ihr den totalen Krieg' stammt von Joseph Goebbels", setzt der Moderator an. "So? Da wissen Sie mehr als ich", antwortet Geißler. Im Original-Gespräch klingt es übrigens deutlich rüder als in der schriftlichen Wiedergabe des Senders.

"Ist schon vorhanden"

Geißler jedenfalls bleibt bei seiner Bemerkung vom "totalen Krieg" in Stuttgart. "Der droht schon seit geraumer Zeit, er ist schon seit geraumer Zeit vorhanden, es hat über 100 Verletzte gegeben, ein Mensch ist total blind geworden bei dieser Auseinandersetzung", sagt der CDU-Politiker. "Ich verharmlose überhaupt nicht, ich glaube, Sie verharmlosen." Zugleich wehrt er sich gegen die Vorwürfe des Moderators. "Sie sind wohl auf dem Mond zu Hause, mir zu unterstellen, ich wollte hier die Nazis verharmlosen!"

Von einem richtigen Gespräch kann eigentlich am Ende auch nicht mehr die Rede sein. Geißler kann oder will dem Moderator nicht mehr folgen. "Also, hören Sie mal, was ist das, machen Sie ein Interview mit mir oder was soll das?", fragt er irgendwann. Und ob das jetzt live über den Sender laufe. Dann beschwert er sich noch, dass es nur noch um das Zitat gehe und nicht mehr um die Sache. Nach zehn Minuten ist das Gespräch schließlich zu Ende: "Herr Geißler, besten Dank für dieses Interview!"

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen