Politik

Reise den Zaun entlang "Hier ist man nicht sehr stolz auf Europa"

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Wer es von Marokko über den Zaun nach Melilla schafft, darf einen Asylantrag stellen.

(Foto: REUTERS)

Dietmar Telser hat sich angesehen, wie Europa sich abschottet. "Natürlich kann man akademisch darüber diskutieren, warum wir Menschen nicht aufnehmen können", sagt er. "Aber wenn man die Geschichten der Menschen hört, dann versteht man sie."

n-tv.de: Politik, Medien und Öffentlichkeit waren im vergangenen Jahr ziemlich überrascht, als die große Fluchtbewegung losging. Sie auch?

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Dietmar Telser ist Journalist. Für das Projekt "Der Zaun" reiste er zusammen mit dem Fotografen Benjamin Stöß drei Monate lang die südlichen Außengrenzen der EU entlang.

(Foto: Benjamin Stöß)

Dietmar Telser: Als wir an unserer Multimedia-Dokumentation "Der Zaun" gearbeitet haben, konnten wir sehen, dass viele Leute unterwegs nach Europa waren. Auch die Fluchtbewegung aus Syrien hatte sich ja schon über Jahre angedeutet. Dennoch war ich von der hohen Zahl der Menschen, die 2015 nach Deutschland kamen, überrascht.

In Ihrem Buch kommen viele Flüchtlinge zu Wort – gibt es eine Geschichte, die Sie besonders bewegt hat?

Es waren sehr viele Momente, die uns berührt haben, nicht nur die Geschichten, die uns erzählt wurden, sondern einzelne Situationen: die Ankünfte von Menschen, die aus den Booten gerettet wurden, die ersten Momente, wo man sieht, was die Menschen erlebt haben, diese Mischung aus Erleichterung und Angst. Das hat uns sehr berührt. Oder die Menschen, die in Marokko in den Bergen vor Melilla leben – die wissen, dass sie eigentlich kaum eine Chance haben, die immer wieder von örtlichen Gangs überfallen werden, die kein Geld haben, um sich Schlepper leisten zu können, und die entsprechend verzweifelt sind. Selbst wenn sie es über den mehr als sechs Meter hohen Zaun nach Melilla schaffen, sind ihre Aussichten gering, dass ihr Asylantrag anerkannt wird.

War es schwierig, in nüchternem Ton über solche Erlebnisse zu schreiben?

Wir haben mit vielen Flüchtlingen gesprochen und uns mit ihren Schicksalen beschäftigt. Das geht einem auf die Dauer sehr nahe, da kommt schon gelegentlich Wut auf. Man ist nicht sehr stolz auf Europa, wenn man eine solche Reise macht. Wenn man dann schreibt und die Notizen durchsieht, kommen die Gefühle natürlich wieder hoch. Davon muss man versuchen, sich als Journalist frei zu machen, deshalb auch der nüchterne Ton.

KEINE VERWENDUNG AUSSER FÜR INTERVIEW MIT DIETMAR TELSER

Ein Helfer bringt einen Sarg von Bord eines italienischen Marineschiffs.

(Foto: Benjamin Stöß)

Haben Sie Verständnis dafür, dass Menschen auf dem Mittelmeer oder an Zäunen mit Nato-Stacheldraht ihr Leben riskieren, um nach Europa zu gelangen?

Bei den Menschen, die aus Syrien kommen, aus dem Irak oder Afghanistan, ist das absolut nachvollziehbar. Aber auch die, die nicht vor Kriegen fliehen, suchen eine Zukunft. Sie haben das Gefühl, dass ihr Land keine Perspektive bietet. Natürlich kann man akademisch darüber diskutieren, warum wir Menschen, die nicht vor Kriegen fliehen, nicht aufnehmen können – aber wer die Geschichten der Menschen hört, kann sie nachvollziehen. Das würden viele von uns genauso machen.

Sie zitieren einen Flüchtling aus Mali, der es bis Bulgarien geschafft hat: "Hätte ich gewusst, dass sie uns hier wie Tiere behandeln, ich wäre zu Hause geblieben." Jeder europäische Innenminister wird denken: Genau so soll es sein.

Wir hatten oft das Gefühl, dass es in bestimmten Ländern einen Wettbewerb gibt, wer Menschen schlechter behandelt. Das wirkte manchmal regelrecht kalkuliert. Aber man kann es so pauschal nicht sagen. Wir haben ja im vergangenen Jahr gesehen, dass es viele Länder gibt, die sehr humanitär gehandelt haben.

Haben Sie sich mal mit Flüchtlingen über die Dublin-Regeln und über die scheinheilige Situation unterhalten, dass sie fast unüberwindliche Grenzen überwinden müssen, um als Flüchtlinge oder Asylbewerber anerkannt zu werden?

Auf unserer gesamten Reise haben wir niemanden getroffen, der glaubt, dass das Dublin-System funktioniert – und das schließt Grenzschützer ein. Italien hat Syrern ja schon damals klar signalisiert, dass niemand etwas sagen wird, wenn sie aus ihrer Unterkunft verschwinden und weiter nach Norden reisen. Das war die Reaktion darauf, dass die EU Italien im Stich gelassen hatte.

Wie finden Sie die türkische Lösung, die Bundeskanzlerin Merkel ausgehandelt hat: Grenzen dicht, dafür Kontingente von Flüchtlingen, die in Europa verteilt werden?

Ich habe große Bauchschmerzen damit, weil ich glaube, dass dieser Deal in vielen Punkten sehr problematisch ist. Ich bin auch skeptisch, ob die Vereinbarung der Flüchtlingskonvention entspricht. Auf der anderen Seite gibt es den großen Vorteil der Kontingente. Damit ist ein legaler Weg eröffnet. Nach all den Erfahrungen, die ich gemacht habe, ist das ein sehr wichtiger Punkt. Zumindest den Menschen, die mit großer Wahrscheinlichkeit als Flüchtlinge oder Asylbewerber anerkannt werden, muss man die Möglichkeit geben, auf legalen und sicheren Wegen nach Europa zu kommen. Aber es müssen relevante Kontingente sein. Im Moment habe ich noch das Gefühl, dass der Aspekt der geschlossenen Grenze viel stärker betont wird.

Mit Dietmar Telser sprach Hubertus Volmer

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Quelle: n-tv.de