Politik

Wulff stellt sein Buch vor "Ich wäre auch heute der Richtige im Amt"

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"Für mich persönlich ist dieser Tag ein Neuanfang", sagt Wulff.

(Foto: REUTERS)

Ein entspannter Ex-Bundespräsident liest den Hauptstadtjournalisten gehörig die Leviten. Fehler räumt er ein, einem Mitarbeiter der "Bild"-Zeitung schlägt er vor, darüber nachzudenken, "für welche Zeitung Sie arbeiten".

Ein wichtiger Anstoß für das Buch sei von seiner Tochter gekommen, erzählt Christian Wulff in der Pressekonferenz, in der er dieses "Protokoll einer öffentlichen Vernichtung" vorstellt, wie sein Verlag es nennt. Wulff zitiert einen "Slam" der Poetry-Slammerin Julia Engelmann, den er von seiner Tochter hat: "Eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein - und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können."

Wulff wollte seine Geschichte jetzt erzählen, er wollte nicht warten, bis er alt ist. Er wollte nicht einmal warten, bis die Staatsanwaltschaft verkündet, ob sie in Revision geht. Das dürfte in zwei Tagen der Fall sein, insofern hatte Wulff es vermutlich auch ein bisschen eilig. Jetzt wirkt er freundlich und - trotz des "Baby"-Zitats - ein bisschen steif, wie immer. Die Fronten sind klar. "Sie, die Vertreter der Medien", sagt er, könnten sein Buch "als eine Zumutung betrachten". Das Buch sei zwar kein Angriff auf "die Medien" insgesamt. Aber es gebe Auswüchse, "die wir diskutieren müssen".

Also wird diskutiert. Der Raum ist voll, zahlreiche Journalisten und Kamerateams sind gekommen. Das Buch, das hier vorgestellt wird, heißt "Ganz oben, Ganz unten". Gleich eine der ersten Fragen an den Ex-Bundespräsidenten dreht den Spieß um: Worin denn seine Fehler lägen. Bei dem Kredit einer befreundeten Unternehmergattin, mit dem er sein Haus in Großburgwedel finanzierte? Oder bei den Einladungen von Unternehmern, mit denen er befreundet war?

Natürlich habe er Fehler gemacht, sagt Wulff. Er zählt sie auf . Es wäre "gelegentlich" gut gewesen, "eine wenig mehr Distanz zu wahren". Fehlende Distanz sei es auch gewesen, auf die Mailbox eines Chefredakteurs zu sprechen - gemeint ist, wie jeder weiß, Kai Diekmann von der "Bild"-Zeitung, die die ganze Affäre angestoßen und vorangetrieben hatte. Und schließlich sei es ein Fehler gewesen, "nur formal korrekt im Landtag geantwortet und nicht umfassend Auskunft gegeben zu haben", als er dort nach besagtem Hauskredit gefragt wurde.

Drei Fehler, das war's. War sein Rücktritt dann politisch richtig, wäre er auch heute noch der Richtige im Amt des Bundespräsidenten? "Der Rücktritt war falsch und ich wäre auch heute der Richtige im Amt." Später sagt Wulff, der Rücktritt sei richtig gewesen. "Wenn die Immunität aufgehoben wird, tritt man als Bundespräsident zurück."

"Der Springer-Verlag hat mich von Anfang an verfolgt"

Der zentrale Fehler liegt damit bei der Staatsanwaltschaft in Hannover. Es sei ein "rechtspolitisch hochproblematischer Vorgang", dass eine einzelne Staatsanwaltschaft den Rücktritt eines Bundespräsidenten erzwingen könne.

Doch, so viel wird klar: Von der Hannoveraner Staatsanwaltschaft hält Wulff so wenig, dass er Kritik an ihr für vergeudete Zeit hält. Bei den Medien scheint aus seiner Sicht dagegen noch Hoffnung zu bestehen. Ihm geht es darum, dass Journalisten im Umgang mit Politikern "etwas mehr Wohlwollen statt immerwährender Häme" zeigten.

Ob er tatsächlich glaube, für eine solche Botschaft der richtige Absender zu sein, fragt ein Journalist, der sich freimütig als Mitarbeiter der "Bild"-Zeitung zu erkennen gibt. Ja, das glaube er, sagt Wulff. Zwei kurze Wortwechsel mit dem "Bild"-Journalisten sind die einzigen Momente in dieser Pressekonferenz, in denen bei Wulff so etwas wie Unmut durchscheint. Dem "Bild"-Mann sagte Wulff, das Buch könnte auch ihn "zum Nachdenken bringen, für welche Zeitung Sie arbeiten".

Wulff und der Springer-Verlag, das wird wohl keine Liebe mehr. "Ich beschreibe", sagt Wulff über sein Buch, "wie mich der Springer-Verlag verfolgt hat, von Anfang an, in meiner Amtszeit." Er meint seine Amtszeit als Bundespräsident - in Wulffs Zeit als Ministerpräsident hatte er durchaus von seiner Nähe zur "Bild"-Zeitung profitiert. Es ist, wie Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner bereits 2006 sagte: "Für die 'Bild'-Zeitung gilt das Prinzip: Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten." Wulffs Lektor hatte kurz zuvor von "Fahrstuhldemokratie" gesprochen.

Rezensionsexemplare werden erst nach der Pressekonferenz verteilt. "Es ist einfach ein Geschenk für Sie", sagt Wulff, die Meinung des Hauptbetroffenen in dieser Angelegenheit zu hören. Dann reißt er einen Witz. Man könne das Geschenk nach dem Lesen auch zurückgeben, wenn man sich beeinflusst fühlte dadurch. Einem türkischen Journalisten sagt er noch, dass die Türkei ihm weiter am Herzen liegen werde, ein schwedischer Reporter fragt nach der Kanzlerin und erfährt, dass die immer zu Wulff gestanden habe. Dann ist die Show vorbei. "Ich hab' hier gegen keinen einen Groll", hatte er kurz zuvor gesagt, er gehe mit einem guten Gefühl hier raus.

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Quelle: ntv.de

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