Politik
Igor Strelkow (r.) bei einem Reenactment
Igor Strelkow (r.) bei einem Reenactment
Donnerstag, 24. Juli 2014

Absturz von MH17: Igor Strelkow - "der Schütze"

Von Issio Ehrich

Der Militär-Chef der Separatisten in der Ostukraine hat viele Namen und viele Gesichter. Doch vor allem hat der Mann, der vermutlich den Abschuss von Flug MH17 veranlasst hat, gefährliche Fantasien.

Sein Kampfname ist "Strelok", der Schütze. Das passt. Alle Indizien deuten darauf hin, dass die Separatisten in der Ostukraine das Passagierflugzeug MH17 abgeschossen und 298 Menschen in den Tod gerissen haben. Und als militärischer Führer der Milizen zeichnet er dafür verantwortlich.

Offiziell nennt sich "Strelok" Igor Strelkow. Doch auch das ist nicht sein richtiger Name. Der 44-Jährige ist ein Mann mit vielen Identitäten und vielen Gesichtern. Und er ist ein gefährlicher Mann, der sich allzu bereitwillig Kriegsfantasien hingegeben hat und sie jetzt Realität werden lässt.

Video

Strelkow ist berühmt, spätestens seit der selbsternannte Anführer der "Volksrepublik Donezk", Denis Puschilin, ihn am 26. April zum Kommandeur des Militär- und Sicherheitsbereichs der Separatisten ernannte. Aber auch zuvor schon war er immer wieder als Milizenchef auf Bildern und Videoaufzeichnungen in Zeitungen, Onlinemedien und dem Fernsehen zu sehen. Im Moskauer Vorort Schenkursk staunte man über diesen Anblick gewaltig. Der Mann mit dem feinen Schnurrbart und dem strengen Seitenscheitel war ihnen schließlich als ihr Nachbar bekannt: Igor Wsewolodowitsch Girkin. Sie berichteten ausführlich, dass er bis vor Kurzem mit Mutter, Ehefrau und zwei Kindern in Hausnummer 8b in einem neunstöckigen Plattenbau gewohnt habe und russischer Soldat gewesen sei, der jeden Morgen pflichtbewusst in Anzug und Krawatte zur Arbeit gegangen sei.

Nur kurz nach diesen Berichten bestätigte der ukrainische Geheimdienst SBU diese Identität. Strelok alias Strelkow ist in Wirklichkeit Girkin. Die Nummer seines russischen Passes lautet nach Angaben der "Süddeutschen Zeitung" 4506460961. Und laut SBU und EU ist er Mitarbeiter des russischen Militär-Nachrichtendienstes GRU.

Dem russischen Sicherheitsapparat ist dieser Igor Girkin auf jeden Fall schon seit Längerem bekannt. Anfang Juni 2013 nahm er an einer Veranstaltung in der Redaktion der Zeitung "Nesawissimaja Gaseta" in Moskau teil. Er hielt laut Tagungsstenogramm einen Vortrag über Strategien militärischer Aktionen außerhalb der russischen Landesgrenzen. Als Erfolgsrezept beschrieb er nicht großangelegte Militärmanöver, sondern "spezielle Präventivoperationen" wie den Mord gegnerischer Anführer, die auch "außerhalb legaler Methoden" stattfinden.

Es sind genau die Methoden, die die Separatisten in der Ukraine anwenden. Es gibt etliche Berichte über Folter und Mord an ukrainischen Politikern durch die Separatisten. Und es dürfte kaum Zufall sein, dass sie mit Girkins Präsenz einhergehen. Girkin reiste zunächst Ende Februar auf die Krim, trat dort als Berater auf und zog nach der erfolgreichen Annexion der Halbinsel weiter in die Donbass-Region.

Die "Weiße Bewegung"

Seitenscheitel, Schnurrbart - Strelkows Auftritt ist kein Zufall.
Seitenscheitel, Schnurrbart - Strelkows Auftritt ist kein Zufall.(Foto: picture alliance / dpa)

Girkins militärstrategisches Handwerkszeug kommt nicht von ungefähr. Seine Nachbarn aus dem Vorort Schenkursk berichten, dass er gern an sogenannten Reenactments, der Nachstellung historischer Schlachten, teilnimmt. Und Bilder, die im Internet kursieren, zeigen Girkin in verschiedenen Kostümen. Das Magazin "New Republic" hat sich diesem Faible Girkins genauer gewidmet und kommt zu dem Schluss, dass er besonders gern in die Rolle der Kämpfer der "Weißen Bewegung" schlüpft, einer zaristisch-antibolschewistischen Strömung aus Zeiten des russischen Bürgerkriegs.

Sein persönlicher Held ist Michail Drozdowski, ein führender Offizier der "Weißen Bewegung". Und verkleidet in einer historischen Uniform, sieht Girkin Drozdowski tatsächlich zum Verwechseln ähnlich. Und auch in der Kluft des Armeechefs der Separatisten erinnert sein Gestus oft an die Vertreter der "Weißen Bewegung". Offensichtlich allerdings bleibt es nicht bei einem Imitat des Auftritts. Drozdowski ist bekannt für Exekutionen und Morde an gegnerischen Führern und widerwilligen Verbündeten. Girkin ahmt diese Methoden nach, Methoden, die aus einer Zeit stammen, in der das humanitäre Völkerrecht noch im Entstehen begriffen war. In "New Republic" heißt es: "Was für Strelkow einst ein Spiel war, ist jetzt ein echter Krieg, mit echten Toten, echten Schießereien und echten Angriffen." Es liegt zudem nahe, dass auch er sich ein großrussisches Reich unter starker Führung wünscht, ganz so wie Drozdowski.

Strelkows digitales Refugium

Girkin taucht immer wieder mit Zitaten in sozialen Netzwerken wie Facebook oder dem russischen Pendant VKontakte auf. Doch das sind meist nur Kopien seiner Wortmeldungen. Persönlich schreibt er laut dem Magazin ausschließlich in einem Forum einer Antiquitäten-Börse. Dort tritt er weder als Strelok oder Strelkow noch als Girkin auf. Im Forum nennt er sich "Kotych", die Katze. Die Internetplattform ist seit Jahren Girkins Refugium im Netz. Ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr ihn Vergangenheitsfantasien prägen.

Wie sehr sich seine Fantasiewelt dieser Tage mit der Realität vermischt, macht auch ein scheinbar nebensächliches Detail deutlich: In einem Beitrag in dem Forum dankt er einem Moskauer Antiquitäten-Händler für kostenlose Lieferungen von Georgskreuzen, militärischen Ordensplaketten aus Zaren-Zeiten. Girkin prämiert damit seine Kämpfer, wenn sie Besonderes geleistet haben. Was er mit den Männern tut, die Flug MH17 vermutlich versehentlich mit einem Militärtransporter verwechselt und die Boeing vom Himmel geholt haben? Drozdowski hätte sie wohl hingerichtet.

Quelle: n-tv.de