Politik

Selbst Separatisten sind besorgt In Donezk grassiert die Kriminalität

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Ein Polizist betrauert einen Kameraden - dieser kam bei einem Angriff der Rebellen auf die Polizeistation ums Leben. Die Kriminalität in Donezk ist auch deshalb aus dem Ruder gelaufen, weil die Separatisten die Ordnungshüter weitgehend entwaffnet haben.

(Foto: dpa)

Donezk ist die Hochburg der prorussischen Separatisten im Osten der Ukraine - nun steht die Stadt vor einer Belagerung. Doch in der Stadt ist die Not schon jetzt groß. Die Kriminalität ist außer Kontrolle, was selbst den Rebellen Sorge bereitet.

Die Regale der Waffenhandlungen im ostukrainischen Donezk sind leer geräumt. Alle Pistolen und Gewehre sind entweder verkauft oder unter vorgehaltener Waffe geraubt worden. "In Kriegszeiten will jeder eine Waffe haben", sagt Alexander Luzewitsch, Leiter eines Geschäfts im Zentrum der Industriestadt. Nach der Übernahme der Kontrolle durch prorussische Separatisten und eine regelrechte Flut von Kriegsgerät in die Region herrscht vielerorts in der umkämpften Ostukraine Gesetzlosigkeit. Das Machtvakuum hat Kriminelle auf den Plan gerufen.

Eines der Opfer ist der deutsche Handelskonzern Metro. Nach heftigen Gefechten am Flughafen in Donezk brachen Randalierer im Mai in einen nahe gelegenen Metro-Großmarkt ein und plünderten ihn. Im Internet verbreitete Bilder zeigten, wie Menschen alle möglichen Waren in Einkaufswagen wegschafften. Besonders die Alkohol-Abteilung sei binnen kürzester Zeit leergeräumt worden, hieß es. Eine Metro-Sprecherin sagte, wegen Sicherheitsbedenken sei noch nicht einmal eine Bestandsaufnahme des Schadens gemacht worden. Das Geschäft wurde zunächst geschlossen.

Die selbst ernannte Regierung der Region will nicht mit Kriminellen in Verbindung gebracht werden und kündigte Strafen für diejenigen an, die gestohlene Metro-Waren in das Hauptquartier der Separatisten-Führung geschafft haben oder Geld in deren Namen eintreiben. "In einigen Gebieten der Volksrepublik Donezk gibt es verschiedene Gangs, die im Namen der Volksrepublik versuchen, eine Steuer von Bürgern oder Unternehmen zu erpressen", sagte Rebellenchef Alexander Borodai. "Sie haben nicht das Geringste mit der Volksrepublik zu tun."

Raubüberfälle auf Apotheken und Tankstellen

Das ukrainische Innenministerium hat die Lieferung kommerzieller Waffen in die Regionen Donezk und Luhansk untersagt. Damit soll eine weitere Aufrüstung der Separatisten verhindert werden, aber auch der steigenden Kriminalität Einhalt geboten werden. Der 52-jährige Stanislaw aus Druschkowka unweit von Donezk legt eine lange Liste mit Straftaten vor, die in den vergangenen Wochen in seinem eigentlich recht verschlafenen Heimatort verübt wurden: Raubüberfälle auf eine Apotheke und eine Tankstelle waren nur einige davon. "In Zeiten wie diesen schlägt die Stunde der Kriminellen", sagt Stanislaw. "Was wir brauchen, ist jemand, der für Sicherheit und Ordnung sorgt."

Da die Separatisten der ukrainischen Polizei die Waffen abgenommen haben, ist ein wirksames Durchgreifen gegen Kriminelle beinahe unmöglich geworden. "Wenn es keine Autoritäten gibt, versuchen Menschen ihren Vorteil aus der Situation zu schlagen, sie stehlen und plündern", sagt Tatjana. Sie arbeitet in einer Filiale der Unicredit-Bank. Wegen der anhaltenden Gewalt könnten noch nicht einmal die Geldautomaten aufgefüllt werden. Vor der Bank bilden sich deswegen lange Schlangen.

Anfang der 90er war es am schlimmsten

Donezk hatte lange den Ruf, Sammelbecken für Kriminelle zu sein. Besonders in den ersten Jahren nach dem Ende der Sowjetunion 1991 kämpften dort rivalisierende Banden um Einfluss, die organisierte Kriminalität war auf einem Höhepunkt. Auch noch im Jahr 2012 führte die Region Donezk mit knapp 50.000 registrierten Straftaten die Kriminalitätsstatistik der Ukraine an. Zudem hatten dort mehr Bewohner Verbindungen zur organisierten Kriminalität als anderswo, die Mordrate war nirgends höher.

Die Separatisten werfen der Polizei vor, die Augen davor zu verschließen und Verbrechen nicht zu ahnden. Ein Rebellen-Anführer, der sich selbst den Namen Wostok (auf deutsch: Osten) gegeben hat, hat daher seine Kämpfer zu nächtlichen Patrouillen abgestellt. "Die Menschen haben das Verständnis dafür verloren, was erlaubt ist und was nicht", sagt er. "Einige können der Versuchung nicht widerstehen, das zu nehmen, was ihnen nicht gehört. Gleichzeitig bemängeln sie, dass Gesetzlosigkeit herrscht."

Quelle: ntv.de, Petra Jaspers, Reuters

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