Politik

Wagenknecht, Gauweiler und die FAZ In der Euro-Krise vereint

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Sahra Wagenknecht hat sich nach Meinung vieler Kritiker mit ihrem Werk zu einer ernstzunehmenden Fiskalexpertin gemacht.

(Foto: dapd)

Ein Abend mit der Linken Sahra Wagenknecht, dem CSU-Politiker Peter Gauweiler und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher kann eine erstaunliche Veranstaltung werden, auch ohne Krawall. Die Marxistin und die beiden Wessis verbindet mehr, als ihnen vielleicht lieb sein kann. Doch mit dem Absurden wissen sie bestens zu spielen.

Die Rezension im Wirtschaftsteil der FAZ sei ja noch sachlich gewesen, die im Politikteil aber nicht, tadelt Sahra Wagenknecht zu Beginn ihren Diskussionsmoderator Frank Schirrmacher. Der Zeitungsherausgeber, der zugleich Chef des Feuilletons ist, gelobt Besserung. "Na, im Feuilleton kommt ja noch eine", sagt er und lächelt der Linken aufmunternd zu. Der Veranstaltungssaal in der Berliner Kulturbrauerei ist voll besetzt mit Neugierigen, die vielleicht auch auf ein bisschen Krawall hoffen.

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Frank Schirrmacher hat Wagenknecht schon viel Platz in der FAZ freigemacht.

(Foto: dapd)

Dem Verlag ist mit der Veranstaltung ein kleiner Coup gelungen. Neben Moderator Schirrmacher sitzt CSU-Politiker Peter Gauweiler auf dem Podium, er soll mit Sahra Wagenknecht über die zweite Auflage ihres Buches "Freiheit statt Kapitalismus" diskutieren. Es sind viele Rezensionen dazu geschrieben worden, die meisten positiv. Nun hat Wagenknecht ihr 2011er-Werk um ein neues Kapitel ergänzt. Darin geht es um den Euro, seine Krise und seine angebliche Rettung. dargestellt, was meistens positiv gemeint ist. Doch ein CSU-Mann ist er immer noch und er sitzt der schwarzhaarigen Sozialistin gegenüber. Kampfeslustig wirkt keiner der beiden.

So überraschend ist die Zusammensetzung der Diskutierenden gar nicht. Die konservative Politikredaktion der FAZ mag mit Sahra Wagenknecht ihre Schwierigkeiten haben - im Feuilleton kann man sie offenbar gut leiden. Immerhin bietet das Feuilleton der früher wegen ihrer Mitgliedschaft bei der Kommunistischen Plattform schlecht gelittenen Politikerin seit einigen Monaten regelmäßig eine Plattform für Vorabdrucke ihres Buches und Analysen zur . Ein Thema, das auch Schirrmacher seit einiger Zeit für sich entdeckt hat. Seine Bücher zum Thema liegen neben dem von Wagenknecht zum Kauf bereit. Er spricht von "Dingen, die wir vor zehn Jahren nicht für möglich gehalten haben": Banker profitierten von der Krise, während die Verluste sozialisiert würden.

Gar nicht mehr die "Gottseibeiuns"

Der Beitrag Wagenknechts sei "parteipolitisch nicht zu verorten", leitet Schirrmacher ein und leistet damit doch noch eine indirekte Entschuldigung dafür, dass er mit einer bekennenden Sozialistin auf dem Podium sitzt. Gauweiler schlägt in dieselbe Kerbe. "Früher hätte ich mir überlegen müssen, wie ich die Teilnahme an so einer Veranstaltung meinem Parteichef erkläre", frotzelt der Bayer und meint damit Franz-Josef Strauß. Doch Wagenknecht, so lobt er, habe "in einem Teil des Buches klar und präzise die Probleme des Investmentbankings" dargestellt. Beide, Schirrmacher und Gauweiler, stellen in Richtung der Linken fest: Sie sei ja gar nicht (mehr) die "Gottseibeiuns" aus der "Finsternis" der DDR-Verklärung.

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Peter Gauweiler wird oft als CSU-Rebell betitelt. Er hält nichts von den Euro-Rettungsaktionen der Bundesregierung.

(Foto: dapd)

Sahra Wagenknecht geht dieser Abend leicht von den Lippen. Alles, was sie sagt, hat sie erst vor kurzem in ihr Buch hineingeschrieben. Eine Hauptthese ist die, dass die Eurorettung "Teil 2 der großen Bankenrettung" sei. Die Rettungsrhetorik der Bundesregierung und ihrer EU-Partner sei obsolet, weil die Maßnahmen Griechenland bisher gebracht hätten. "Griechenland darf nicht mitmachen", sagt Wagenknecht in Hinblick auf die , von denen die Zahlung der nächsten Rettungs-Tranche in Höhe von 11,5 Milliarden Euro Mitte Juni abhängt. "Die Steuerzahler bluten am Ende dafür." Die Lösung: Schulden streichen und die bisherigen Profiteure, also die Banken, denen das ganze Staatsgeld bisher am meisten zugute kam, zahlen lassen.

Bei Griechenland sind sich Gauweiler und Wagenknecht fast einig. Der CSU-Mann merkt an, dass Griechenland es eigentlich machen müsste wie seinerzeit die Türkei. "Die waren 1994 auch pleite. Und was haben sie gemacht? Sie haben ihre Währung radikal abgewertet und radikale politische Reformen eingeleitet." Doch das ginge nicht, weil Griechenland an den Euro gebunden sei. Also austreten aus der Euro-Zone? Nein, das ginge nicht, sind sich Wagenknecht und Gauweiler einig. "Griechenland würde zu einem Superbilliglohnland werden, Hyperinflation würde zu einem ungeheuren Ausmaß an Armut führen", ist sich Wagenknecht sicher. Sie ist sauer über die neuen Ressentiments, die die Diskussion um die Griechenrettung hervorgebracht hat. "Während verzweifelte Griechen … deutsche Fahnen verbrennen … mokiert sich der deutsche Stammtisch über 'faule Südländer', die besser allein klarkommen sollten", schreibt sie im Euro-Kapitel.

Ungeahnte Gemeinsamkeiten von Marxisten und CSU-Politikern

Das Buch bietet in der Tat einleuchtende Erklärungen zur Euro-Krise, die seit Monaten grassiert und die doch für die meisten kaum zu durchschauen ist. Wer leiht wem Geld? Wer erlässt wem für welche Gegenleistung Schulden? Was bedeuten diese ganzen Hilfspakete, Schuldenbremsen und so weiter? Wofür Wagenknecht gelobt wird, ist ihre Analyse der Situation. Die analytischen Stärken schreiben viele ihrer marxistischen Geschultheit zu, sogar Gauweiler.

Klassische Marxisten und alte CSU-Politiker haben vielleicht mehr gemeinsam, als sie glauben. Beide waren einmal ein elementarer Bestandteil der alten Bundesrepublik, damals freilich als unversöhnliche Gegner im Kampf um die Gestaltung der Nachkriegsära. Dass Wagenknecht aus Thüringen stammt, stört diese Feststellung nicht. Nicht umsonst erinnert der Titel von Wagenknechts Buch an einen früheren Wahlkampfslogan der Union: "Freiheit statt Sozialismus". Doch diese Zeiten sind lange vorbei und auch die alte BRD gibt es nicht mehr. Schirrmacher bezeichnet Gauweiler als einen Repräsentanten des alten Westdeutschlands, was dieser zwar vehement abstreitet, am Ende aber doch akzeptiert. Und Wagenknechts Buch, meint Schirrmacher beinahe nostalgisch, "erinnert doch uns Westbürger an das, was die alte Bundesrepublik einmal war."

Gauweiler, der insgesamt eher wenig zu Wort kommt, gehört immerhin das Schlusswort. Nein, so negativ, wie Wagenknecht den Zustand Europas beschreibt – als Krieg ohne Soldaten und Bomben, geführt von einer reichen Oberschicht, die den Zusammenhalt der Gesellschaften untergräbt – sei das alles nicht. "Europa steht nicht schlecht da", findet Gauweiler. So können auch die, die noch nicht an den Untergang der alten BRD und des alten Europas glauben wollen, beruhigt schlafen gehen.

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Quelle: ntv.de

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