Politik

Steinbrück kann austeilen, aber nicht einstecken Ist er zu empfindlich fürs Kanzleramt?

41299099.jpg

"Als Kandidat muss man wissen, dass es in der Küche heiß ist", sagt Peer Steinbrück.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Klartext Open Air" - ab heute tourt Peer Steinbrück durch die Republik. Doch schon wieder gibt es Ärger. Mit seiner Offenheit eckt der 66-Jährige immer wieder an. Sein größtes Problem ist aber ein anderes: Die Kanzlerkandidatur hat Steinbrück verändert. Und er ist sensibler, als viele glauben.

Er muss es schließlich wissen. "Bei ihm überwiegt die rationale Seite", sagt Birger Steinbrück im ZDF über seinen vier Jahre älteren Bruder. Dass "seine emotionale Seite mir dabei manchmal zu kurz kommt", könne er ihm aber nicht zum Vorwurf machen. Offenbar entspricht Peer Steinbrück genau dem Bild, das die Öffentlichkeit von ihm hat. Der Typ mit Ecken und Kanten: Vor allem viele Genossen schätzen das an ihm.

3d975433.jpg198665345260473292.jpg

Ortstermin an der Nordsee: Mit der Fähre fuhr Peer Steinbrück nach Norderney.

(Foto: dpa)

Aber ist die Eigenschaft, die der klaren Worte ohne Rücksicht auf Konflikte, wirklich eine Stärke? Zuletzt erklärte Steinbrück, der Kanzlerin fehle es an Europa-Leidenschaft, weil sie in der DDR sozialisiert worden sei. Nach Fünf-Euro-Wein, Kanzlergehalt und den italienischen Clowns feixten die politischen Gegner über den nächsten vermeintlichen Fehltritt. Das Schema der steinbrückschen Eskalationsspirale ist immer dasselbe. Einmal ausgesprochen sind Satz und Negativkampagne nicht mehr aufzuhalten.

Steinbrück dementierte zwar, pauschal alle Ostdeutschen angesprochen zu haben, dann folgte jedoch der gewohnt trotzige Hinweis, man solle nicht wieder in "künstliche Erregungszustände verfallen". Seine Offenheit macht dem Kanzlerkandidaten in den vergangenen Monaten den meisten Ärger. Sein größtes Problem: Ihm liegt zwar das Austeilen, aber das Einstecken offenbar umso weniger. Der harte Hund ist verletzlicher und empfindlicher, als viele glauben.

Wie funktioniert er?

Ein Rückblick: An einem Sonntag im Juni bringt Steinbrück keinen Ton mehr raus. Auf der Bühne beim SPD-Parteikonvent erlebt er einen der sonderbarsten Augenblicke seiner Kandidatur. Seine Frau Gertrud hat gerade zu einem leidenschaftlichen Vortrag ausgeholt. Die Genossen applaudieren, als sie den rauen Umgang mit ihrem Mann kritisiert. Dann soll dieser plötzlich sprechen, aber das misslingt. Steinbrück kämpft mit den Tränen. Von dem "arroganten Macho", mit dem viele Deutsche so fremdeln, ist für einen Moment keine Spur mehr.

Seine Frau habe ein Stück seiner Seele berührt, wird er später sagen. Und doch hält sich der Vorwurf hartnäckig: Fehlt ihm die Empathie, das soziale Fingerspitzengefühl, um Kanzler zu sein? Gertrud Steinbrück versteht, dass manche meinen, ihr Mann sei "wie ein Maschinenmännchen", aber sie widerspricht: "So funktioniert er nicht." Der Kanzlerkandidat selbst sagt: "Wer mich kennt, weiß, dass ich Empathie entwickeln kann."

Als besonders einfühlsam war er bisher nicht gerade bekannt. Steinbrück besticht seit jeher vor allem durch seine entwaffnende Ehrlichkeit. 1998 bescheinigt er seiner damaligen Chefin, der schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin Heide Simonis, Politik auf "Pepita-Niveau". Später nennt er seine eigenen Parteikollegen "Heulsusen" und droht der Schweiz mit der "Kavallerie".

Gieren nach Anerkennung

Seine beste Zeit erlebt Steinbrück zwischen 2005 und 2009. Als Finanzminister in der Großen Koalition ist er in der Eurokrise der zweitwichtigste Politiker nach der Kanzlerin. Dass er später zu den Kanzlerkandidaten gezählt wird, verdankt er der Beliebtheit, die er damals erwirbt. Rückblickend lobt Steinbrück die Zusammenarbeit mit Merkel. Doch er ist auch verbittert, denn die Belohnung bleibt aus. Bei der Wahl 2009 erlebt die SPD eine krachende Niederlage. Er, der so nach Anerkennung giert, fühlt sich einmal mehr ins Unrecht gesetzt. Steinbrück verliert zwar den Ministerposten, aber was folgt, ist eine angenehme Zeit als einfacher Abgeordneter und gut bezahlter Redner. "Ich war relativ ungebunden, konnte frei reden und gegen den Strich bürsten", sagt er, der die Freiräume gerne nutzt und niemandem Rechenschaft schuldet. Viele und auch Steinbrück selbst wähnen ihn wohl schon am Ende seiner Laufbahn. Bis zum September 2012, als er zum Kanzlerkandidaten ausgerufen wird.

Doch seine Kür entpuppt sich als übereilte Sturzgeburt. Nichts ist vorbereitet. Kaum ist er nominiert, muss er sich verteidigen. Plötzlich steht er wegen seiner Nebeneinkünfte - in drei Jahren immerhin 1,25 Millionen Euro für knapp 90 Vorträge - massiv in der Kritik. Wie kann ein sozialdemokratischer Kanzlerkandidat so viel Geld verdienen? Was früher kaum jemanden gestört hat, ist nun ein großes Spektakel. Auch mit dem freien Reden ist es zunehmend schwierig. Dass fortan kein Nebensatz mehr unbemerkt bleibt, ist sein größtes Problem. Als Steinbrück - obwohl nicht als Erster - das niedrige Kanzlergehalt beklagt, ist die Erregung groß. "Als Kandidat muss man wissen, dass es in der Küche heiß ist", sagt er scheinbar einsichtig.

Verletzter Stolz

41392027.jpg

Steinbrück bei der Vorstellung der SPD-Wahlplakate

(Foto: picture alliance / dpa)

Seine Partei gewährt Steinbrück "Beinfreiheit", aber das reicht nicht. Plötzlich unterliegt jeder seiner Schritte einer gründlichen Prüfung. Was er politisch durchsetzen will, tritt angesichts seiner verbalen Aufreger oft ins Hintertreffen. Die Vorwürfe sind teilweise absurd und viele Jahre her. Als NRW-Ministerpräsident soll er einmal eine stillende Mutter aus einer Koalitionssitzung geschmissen haben. Das, was über ihn verbreitet werde, "habe mit den Tatsachen oft nichts zu tun", erwidert Steinbrück bei "Maischberger". Immer wieder werde ihm unterstellt, dass er jemandem etwas Übles wolle. Er beteuert, "keine beleidigte Leberwurst zu sein", aber das dicke Fell fehlt ihm häufig. Ist es verletzter Stolz? Mit der Kritik kann er nur schlecht umgehen, die immer neuen Vorwürfe treffen ihn empfindlich und hinterlassen Spuren. Er wittert eine großangelegte Kampagne.

Die Kandidatur verändert Steinbrück: So viel Gegenwind ist er nicht gewohnt. Der Mann, der sieben Wochen vor der Wahl in den Talkshows sitzt, ist ein anderer als noch im vergangenen Jahr. Mit seiner grimmigen Miene und den hängenden Mundwinkeln wirkt er oft griesgrämig und verbittert. Der typisch norddeutsche Humor blitzt immer seltener auf. "Ich habe unterschätzt, dass jede meiner Bemerkungen jetzt abgespiegelt wird auf den Hintergrund einer Kanzlerkandidatur." Sagt er, der sich offenbar auch nach zehn Monaten noch nicht auf die neue Situation eingestellt hat.

"Nicht nervös werden"

Stattdessen sieht Steinbrück die Schuld bei den anderen. Es ist so wie damals im Mai 1972, als knapp 20 Polizisten in Kiel seine Wohnung stürmen. Als einer der Uniformierten eine Maschinenpistole auf den aus seinem Bett hochgeschreckten Steinbrück richtet. Die Polizei vermutet einen RAF-Terroristen in der Studenten-WG, doch es handelt sich um einen Irrtum. Für Steinbrück hat der Einsatz ärgerliche Folgen: Weil der Verfassungsschutz ihn als Sicherheitsrisiko einschätzt, wird seine Bewerbung beim Bundesbauministerium abgelehnt. Er ist mehrere Monate arbeitslos. Wieder fühlt er sich ungerecht behandelt.

40 Jahre später hadert Steinbrück ausgerechnet während der wohl schwierigsten Etappe seines Lebens. Die ständigen Zweifel an seiner Person zermürben ihn, gleichzeitig muss er Kampfeslust ausstrahlen, um genügend Wähler an die Urne zu holen. "Nicht nervös werden", rät er in den Genossen München bei einer Wahlkampfveranstaltung. Doch die eigene Anspannung ist riesig. Den Umfragen zufolge sind seine Chancen derzeit nicht viel aussichtsreicher als die der Bayern-SPD. Ist dieser Kampf überhaupt noch zu gewinnen?

In der Schlussphase des Wahlkampfes setzt Steinbrück auf ungewöhnliche Motivationshilfen. In seinem Büro hat er einige Nashörner aufgestellt. Ihn fasziniert vor allem das Urtypische an den Tieren, die mit ihrer panzerartigen Haut alles an sich abtropfen ließen. Sie kämen zwar nur langsam in Gang, nähmen dann aber eine irre Geschwindigkeit auf. "Sie laufen mit bis zu 40 bis 50 Stundenkilometern", schwärmt er. "Dann sind sie nicht mehr aufzuhalten." Übertragen auf Steinbrücks Welt heißt das: Abseits von allen Empfindsamkeiten ist die Schlacht noch längst nicht verloren.

Quelle: ntv.de