Politik

Das Schweigen der Angst in Nordkorea Kim Jong Un festigt seine Macht

Mit der Hinrichtung seines Onkel beweist Nordkoreas Diktator Kim Jong Un, dass er mehr ist als eine Marionette des Militärs. Er ist bereit, über Leichen zu gehen und setzt ein starkes Signal - nach innen und nach außen.

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Der Onkel Jang Song Thaek (im blauen Anzug) zog lange die Fäden im Hintergrund.

(Foto: REUTERS)

Mit der Hinrichtung seines Onkels hat Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un ein starkes Signal gesendet. Der Sohn des verstorbenen Diktators Kim Jong Il hat deutlich gemacht, dass er in der Machtfrage innerhalb des totalitären Regimes keine Kompromisse eingehen wird und bereit ist, über Leichen zu gehen. Seit zwei Jahren regiert der junge Kim das isolierte Land. Anfangs klafften die Meinungen auseinander, ob er nur die Marionette des Militärs sei oder lediglich der Statthalter für seinen ambitionierten Onkel. Jetzt scheint klar zu sein, dass Kim entschlossen ist, die Familiendynastie eine weitere Generation aufrechtzerhalten. Alle Verbündeten und Sympathisanten des hingerichteten Jang Song Thaek wissen nun, was die Stunde geschlagen hat.

Jang war schließlich nicht irgendwer, sondern abgesehen von der familiären Verbindung zu Kim Jong Un auch eines der mächtigsten Mitglieder des Politbüros der Arbeiterpartei. Der 67-Jährige galt als wichtige Stütze für die von langer Hand geplante Machtübergabe von Vater Kim Jong Il an den Sohn. Er war stellvertretender Vorsitzender der Nationalen Verteidigungskommission, in der alle wichtigen politischen Entscheidungen des Regimes getroffen werden. Jang war auch der Draht nach außen zum wichtigsten Verbündeten des Landes: China. Er war der erste ranghohe Vertreter aus Pjöngjang, der nach dem Tod von Kim Jong Il mit der Pekinger Führung zusammentraf. Doch durch seinen Einfluss galt er eben nicht nur als Stütze des jungen Kim, sondern auch als größte Bedrohung für dessen Macht. Das wurde ihm nun offenbar zum Verhängnis. Er wurde als konterrevolutionärer Verräter gebrandmarkt und als verabscheuungswürdiger Abschaum beschimpft.

Die Nachricht von seiner Hinrichtung wirkt intensiv auf vielerlei Ebenen. Innerhalb des Machtapparats wurden all jene, die einen möglichen Putsch von Jang gegen seinen Neffen unterstützt hätten, massiv eingeschüchtert. Um die Exekution des Geächteten kümmerte sich das Ministerium für Staatssicherheit, das als einer der Gegenspieler der nordkoreanischen Geheimpolizei gilt, wie nordkoreanische Überläufer berichten. Die Geheimpolizei wiederum wurde von Jang kontrolliert. Dort weiß man spätestens jetzt, dass Kim mindestens so brutal und gnadenlos ist wie sein Vater. Hinweise darauf hatten sich in den vergangenen zwei Jahren langsam, aber sicher verdichtet. Von den sieben Männern, die den Sohn am Leichenwagen von Kim Jong Il im Dezember 2011 begleiteten, und die von südkoreanischen Medien als "Gang der Sieben" bezeichnet wurden, sind vier nachweislich aus dem Weg geräumt. Tot oder lebendig. Vermutlich unterstützte Jang Song Thaek den jungen Diktator bei der Beseitigung der ersten drei, weswegen nicht klar ist, wer zu diesem Zeitpunkt letztlich die Kontrolle hatte. Mit dem Tod von Jang hat sich Kim im Machtkampf durchgesetzt.

China macht sich Sorgen

Die Nachricht von der Exekution hinterlässt auch im Ausland Wirkung. Zuallererst in China, wo sich die Elite Sorgen machen muss, um ihren Zugang zur Machtspitze in Pjongjang. Jang ist tot, der Botschafter des Nordens in Peking könnte bald abgesetzt werden, glauben Analysten. Durch die bislang engen Verbindungen konnten die Chinesen stets weitgehend Einfluss nehmen auf das Regime im Nachbarstaat. Besonders vor dem Hintergrund des nordkoreanischen Atomwaffenprogramms wurde diese Konstellation im Rest der Welt durchaus gegrüßt. Wie sich das Verhältnis jetzt entwickelt, wird eine entscheidende Frage für die Stabilität auf der koreanischen Halbinsel sein. Beruhigend dabei ist, dass Nordkorea weiterhin von China abhängig ist, weil es wirtschaftliche Hilfe dringend nötig hat. China verzichtete auf eine Stellungnahme, sondern nannte die Hinrichtung eine "innere Angelegenheit".

Japans Verteidigungsminister zeigte sich indes besorgt, dass Nordkorea in Zukunft zu einem noch brutaleren Ort werden könne. Er fühle sich an die radikalen Zeiten der Kulturrevolution in China unter Mao Zedong erinnert. Die Grausamkeiten in Diktaturen dienen den Machthabern zur Wahrung ihrer exponierten Stellung. Schreckensherrschaften funktionieren umso besser, wenn man regelmäßig auch Angst und Schrecken verbreitet. Das gilt sowohl für das Innere des Regimes als auch für die breite Masse. Im November berichtete eine südkoreanische Zeitung unter Berufung aus Quellen in Nordkorea, dass es in mehreren Städten zu Massenhinrichtungen in Fußballstadien gekommen sei. Die insgesamt rund 80 Getöteten hatten sich schuldig gemacht, weil sie entweder Videofilme aus dem verfeindeten Süden angeschaut hatten, mit Prostitution in Verbindung gebracht wurden oder im Besitz einer Bibel waren.

Die Angst in Nordkorea unter der einfachen Bevölkerung ist allgegenwärtig. Passanten blicken Ausländern nicht in die Augen, geschweige denn kommunizieren sie mit ihnen. Niemand schlendert durch die Straßen, sondern alle hasten, um sich nicht verdächtig zu machen. Das Schweigen der Angst legt sich über alle Bereiche des öffentlichen, aber auch des privaten Lebens. Sogar innerhalb der Familien wird aus Angst vor Verrat kaum über kritische Gedanken über das eigene Leben und den Zustand des Staates gesprochen.

Quelle: ntv.de