Politik

Zum Tode von Rita SüssmuthKohls Nervensäge und streitbare Frauenpolitikerin

01.02.2026, 16:09 Uhr
imageVon Wolfram Neidhard
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Rita Süssmuth mit Bundeskanzler Helmut Kohl im September 1990 (Foto: picture alliance / AP)

Rita Süssmuth war eine der wichtigsten Politikerinnen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zehn Jahre lang war sie Präsidentin des Deutschen Bundestages. Süssmuth wird mit einer modernen Frauen- und Familienpolitik der CDU verbunden. Sie hatte es nicht leicht mit ihrer Partei, aber ihre Partei auch nicht mit ihr.

Ruhe geben auf die alten Tage? Das war nichts für Rita Süssmuth. Auch hoch in ihren Achtzigern mischte sie sich immer wieder in politische Debatten ein. So kritisierte sie im Frühjahr 2023, dass der Gesetzentwurf zur Wahlrechtsreform keine Regelung zur paritätischen Vertretung von Männern und Frauen im Bundestag enthalte. "Für eine funktionierende, gerechte und zukunftsfähige Gesellschaft braucht es die Beteiligung aller Geschlechter", sagte Süssmuth. Eine demokratische Gesellschaft könne nicht vollständig sein, wenn die Stimmen der Frauen nicht gehört würden, sagte die CDU-Politikerin. Die Gefahr sei groß, dass sich der mit unter 35 Prozent ohnehin geringe Anteil von Frauen im Bundestag weiter verringere. "Das trägt dem Engagement und den Erwartungen der Frauen in keiner Weise Rechnung - sie werden schlichtweg ignoriert."

Obwohl Angela Merkel als erste Frau Bundeskanzlerin und auch Parteivorsitzende wurde, war nicht sie die Vorreiterin feministischer Politik in der CDU. Nein, es war Rita Süssmuth, die sich standhaft für Frauenrechte einsetzte. Keine leichte Aufgabe in einer konservativen Partei. Deshalb eckte die im Jahr 1937 geborene Wuppertalerin in ihrer männerdominierten Partei auch ständig an. Und so bezeichneten sie manche in der Union und vor allem in der Schwesterpartei CSU als "Lonely Rita", eine Emanze ohne Unterstützung.

Politische Seiteneinsteigerin

Es war schon eine Überraschung, als Bundeskanzler Helmut Kohl im Jahr 1985 Rita Süssmuth zur Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit (ab 1986 dann für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit) machte, damit sich ihr Vorgänger Heiner Geißler mehr um die CDU kümmern konnte. In Bonn war Süssmuth relativ unbekannt, weil sie politisch bislang noch nicht groß in Erscheinung getreten war. Sie war auch eine parteipolitische Spätstarterin, erst im Alter von 44 Jahren trat sie 1981 in die CDU ein. Man kann auch sagen, Süssmuth war eine klassische Seiteneinsteigerin.

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Schwieriges Verhältnis zu Helmut Kohl (Foto von 1997). (Foto: picture-alliance / dpa)

Süssmuth kam aus der Wissenschaft. Sie lehrte von 1971 bis 1973 als Professorin für Erziehungswissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Ruhr. 1973 ging sie an die Universität Dortmund. Bereits in den 1960er Jahren hat sie sich in Münster und Stuttgart erste Sporen verdient. Erste bundesweite Beachtung fand sie von 1982 bis 1985 als Direktorin des Instituts Frau und Gesellschaft in Hannover.

Kohl musste bald erkennen, dass er es mit einer sehr couragierten Frauenministerin zu tun hatte. Süssmuths liberale Haltung in gesellschaftspolitischen Fragen führte bereits zwei Jahre später, nach der Bundestagswahl 1987, zum Bruch der Ministerin mit Teilen der Union. Auch Kohl war von Süssmuth zunehmend genervt. Es hieß einmal aus Kohls Nähe, dass der Blutdruck des Kanzlers bereits gestiegen sei, wenn er nur das Klacken ihrer Schuhe im Vorzimmer gehört habe.

Anwältin der AIDS-Kranken

Aber die Frauenministerin genoss in weiten Teilen der Bevölkerung großes Ansehen, das schützte Süssmuth vor dem politischen Abseits. Besonders honoriert wurde dabei ihr Engagement gegen die damals aufkommende Immunschwächekrankheit AIDS, Süssmuth stand auf der Seite der Erkrankten und lehnte ihre Ausgrenzung ab. Ihre Prämisse lautete: "Wir bekämpfen die Krankheit, nicht die Infizierten."

Kohl wurde Süssmuth dennoch los, auf eine andere Art. Eine völlig verunglückte Rede von Bundestagspräsident Philipp Jenninger am 10. November 1988 zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht eröffnete dem Kanzler die Möglichkeit, die "lose Kanone" aus seinem christlich-liberalen Kabinett wegzuloben. Süssmuth wurde Parlamentschefin und hatte das formal zweithöchste Amt im Staat bis zur Abwahl der Kohl-Regierung 1998 inne. Nur die CDU-Politiker Eugen Gerstenmaier und Norbert Lammert saßen länger auf dem Präsidentenstuhl.

Als Bundestagspräsidentin in der Anti-Kohl-Gruppe

Aber Süssmuth blieb für Kohl unbequem und zunächst auch noch gefährlich. 1989 gehörte sie wie Heiner Geißler oder Lothar Späth zu den Politikern auf dem Bremer CDU-Parteitag, die den Kanzler als Parteichef stürzen wollten. Dieser Versuch schlug fehl, Rita Süssmuth konzentrierte sich nun mehr auf das Amt der Bundestagspräsidentin.

Ihre Amtszeit fiel in eine historisch bewegte Zeit. Nach dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 und der knapp ein Jahr später vollzogenen Deutschen Einheit vergrößerte sich die Zahl der Parlamentarier um die Abgeordneten aus der ehemaligen DDR. Nach der ersten gesamtdeutschen Wahl am 2. Dezember 1990 initiierte Süssmuth Reformen des Bundestags. Ihr Vorstoß, aufgrund der angespannten wirtschaftlichen und sozialen Lage vor allem in Ostdeutschland eine Diätenerhöhung auszusetzen, fand 1992 noch keine Zustimmung unter den Abgeordneten. Im März 1993 unterstützten allerdings alle Fraktionen ihren Vorschlag, die Anzahl der rund 660 Bundestagsmitglieder auf 500 zu senken.

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Vor dem Bonner Bundestagsgebäude. (Foto: picture-alliance / dpa)

Unter der Bundestagspräsidentin Süssmuth fanden auch historische Debatten und Entscheidungen im Deutschen Bundestag statt. Darunter waren der Umzug von Bundestag und Bundesregierung von Bonn nach Berlin. Süssmuth sprach sich in der Debatte für Bonn aus, und war damit in der Minderheit. Dazu kam 1994 die Abstimmung zur Verhüllung des Reichstags durch das Künstlerehepaar Christo und Jean-Claude. Und Süssmuth hat auch einen entscheidenden Beitrag zum heutigen Aussehen des Reichstagsgebäudes geleistet. Denn sie war es nämlich, die beim Architekten Norman Foster den Bau der gläsernen Kuppel durchgesetzt hatte.

Politischer Stern sinkt mit Kohls Abgang

Aber Süssmuths Ansehen litt auch in den 1990er Jahren. Schuld daran waren zwei Affären, die mit ihrem Namen verbunden sind. So geriet sie 1991 im Zusammenhang mit der "Dienstwagen-Affäre" in die Schlagzeilen. Ihr Ehemann habe, so der Vorwurf, den Fahrdienst des Bundestages benutzt. Die Bundestagsverwaltung stellte die Rechtmäßigkeit dieses Vorgangs fest. Sechs Jahre später entlastete der Ältestenrat des Bundesparlaments Süssmuth von dem Vorwurf, sie habe die Flugbereitschaft des Bundesverteidigungsministers zu privaten Besuchen bei ihrer Tochter in der Schweiz genutzt.

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Mit Angela Merkel 2021 auf der Ehrentribüne des Bundestages. (Foto: imago images/Future Image)

Doch Süssmuth überstand beide Affären. Erst nach der Wahlniederlage der christlich-liberalen Koalition 1998 räumte sie den Platz. Die SPD wurde stärkste Partei und vollzog mit der Wahl von Wolfgang Thierse ihren Anspruch auf das Amt des Parlamentschefs. Ausgerechnet mit Kohls Abgang wurde auch Süssmuths politisches Ende eingeläutet. In der CDU flog sie aus dem Präsidium, nur noch die Frauen-Union blieb ihr treu. Dennoch blieb sie weiter im engen Kontakt mit der starken Frau in der Union, Angela Merkel.

Und Rita Süssmuth blieb, wenn auch nicht mehr an vorderster Front, der Politik treu. Von 2002 bis 2004 leitete sie den von Bundesinnenminister Otto Schily eingesetzten Sachverständigenrat für Zuwanderung und Integration. 2005 wurde sie zur Präsidentin des Deutschen Polen-Instituts (DPI) in Darmstadt gewählt. Außerdem stand sie unter anderem dem Kuratorium der Deutsch-Polnischen Gesellschaft vor und an der Spitze der Vereinigung "Gegen das Vergessen - für Demokratie".

Und auch die Frauenpolitik ließ sie nicht los. "Wir Frauen müssen noch viel mehr lernen, dass es nicht ohne Macht geht, wir müssen machtbewusster werden", sagte sie 2018 in einem Interview mit ntv.de. "Frauen sind häufig flexibler, sie lernen, wann und wie sie etwas aussprechen. Und sie lernen sich zurückzuhalten, aber auf den Augenblick zu achten, wo sie sich ins Spiel bringen."

Rita Süssmuth verstarb an diesem 1. Februar 2026 im Alter von 88 Jahren.

Quelle: ntv.de

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