Politik

Kröten für FDP und Grüne Was würde ein Atom-Tempolimit-Deal bringen?

278528641.jpg

Tausche Geschwindigkeitsbegrenzung gegen Laufzeitverlängerung - bislang schließen sowohl FDP als auch Grüne einen solchen Deal aus.

(Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Artikel anhören
Diese Audioversion wurde mit Sprachproben unserer Moderatoren künstlich generiert.
Wir freuen uns über Ihr Feedback zu diesem Angebot.

Die CDU hat eine Debatte angestoßen: längere Laufzeiten der letzten drei Atomkraftwerke, kombiniert mit einem Tempolimit. Sowohl für FDP als auch für die Grünen wäre das eine ziemliche Kröte. Was würde es bringen, sie runterzuwürgen?

In der Debatte um Energie-Einsparungen könnte es einen Kompromiss geben, der eigentlich ausgeschlossen scheint: Die FDP stimmt einem Tempolimit zu, die Grünen einer Laufzeitverlängerung der verbliebenen drei Atomkraftwerke.

Angestoßen wurde die Debatte von der CDU. Am Wochenende zeigte sich CDU-Vize Andreas Jung offen für ein Tempolimit und forderte, dass auch über die Kernenergie gesprochen werden müsse. Am Montag schlug Unionsfraktionsvize Jens Spahn einen "nationalen Kompromiss" vor, der eine sechsmonatige Laufzeitverlängerung und ein ebenfalls befristetes Tempolimit enthalten würde.

Zwar schloss die FDP einen solchen "Kuhhandel" aus. Aber Zitate aus der Ampel deuten auch auf die Möglichkeit von Kompromissen: Am Sonntagabend sagte Grünen-Chefin Ricarda Lang bei Anne Will über Laufzeitverlängerungen, dass dies "Stand jetzt nicht der richtige Weg wäre". Am Montag verwies eine Sprecherin von Wirtschaftsminister Robert Habeck darauf, dass das Thema "auf Basis von klaren Fakten" entschieden werde.

Der politische Reiz eines Atom-Tempolimit-Deals läge darin, dass FDP und Grüne jeweils eine Forderung erfüllt bekämen und jeweils eine Kröte schlucken müssten - für die SPD wäre eine Laufzeitverlängerung vermutlich leichter verdaulich. Wichtiger allerdings ist die Frage, was der Kuhhandel bringen würde.

Die Laufzeitverlängerung

Wie lange ein Tempolimit gelten würde, wäre allein eine politische Frage. Bei einer Laufzeitverlängerung würden auch technische Aspekte eine Rolle spielen: Für neue Brennstäbe würde Uran benötigt, und einer der wichtigsten Uran-Exporteure ist ausgerechnet Russland.

Oder ginge es auch ohne Russland? Im Juni sagte ein Sprecher des Branchenverbands Kerntechnik dem "Münchner Merkur", die Beschaffung neuer Brennstäbe rechtzeitig vor dem Jahresende sei machbar, als Ersatz für Lieferungen aus Russland und dem mit Russland verbündeten Kasachstan seien auch Importe aus Australien oder Kanada möglich.

Allerdings wäre eine Laufzeitverlängerung mit neuen Brennstäben auch in einem "nationalen Kompromiss" kaum durchsetzbar. Nicht von ungefähr sprach Spahn daher von einem halben Jahr. Das wäre eine Laufzeitverlängerung ohne neue Brennstäbe: Für das Atomkraftwerk Isar 2 bei Landshut schätzt der TÜV Süd, dass ein Weiterbetrieb mit den vorhandenen Brennstäben bis August 2023 möglich wäre - zunächst 80 Tage im normalen Weiterbetrieb, dann weitere drei Monate durch ein Umgruppieren der vorhandenen Brennelemente. Insgesamt könne so eine zusätzliche Strommenge von etwa 5160 Gigawattstunden erzeugt werden. Der TÜV Süd hält es zudem für plausibel, dass der am 31. Dezember 2021 abgeschaltete Block C des Atomkraftwerks Grundremmingen mit den dort vorhandenen Brennelementen in einem Zeitraum von rund sechs Monaten noch einmal 4900 Gigawattstunden Strom erzeugen könnte. Insgesamt wären das knapp 2 Prozent des 2021 in Deutschland eingespeisten Stroms.

Für die anderen beiden noch laufenden Kernkraftwerke, Emsland im westlichen Niedersachsen und Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg, gibt es solche Zahlen nicht. Der Chef des deutschen Energiekonzerns RWE, Markus Krebber, sagte ntv: "Wir haben keine Brennstäbe mehr. Die Brennstäbe sind Ende des Jahres aufgebraucht." RWE betreibt das Kernkraftwerk Emsland.

Das Tempolimit

Eine ähnliche Kalkulation kann man für ein Tempolimit machen. Nach einer Berechnung des Umweltbundesamts vom April würden bei einem Tempolimit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen jährlich 1,5 Millionen Tonnen CO2 nicht ausgestoßen. Nach Angaben des ADAC entspricht dies einer Kraftstoffeinsparung von rund 600 Millionen Litern pro Jahr. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 120 oder gar 100 km/h würde natürlich noch mehr bringen. Aber das wäre für Union und FDP wohl ähnlich attraktiv wie eine Laufzeitverlängerung mit neuen Brennstäben für SPD und Grüne.

Es könnte sein, dass das Einsparpotenzial eines Tempolimits noch etwas höher ist als die genannten 600 Millionen Liter: Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass die Werte sich auf das Jahr 2020 beziehen, in die Fahrleistung pandemiebedingt geringer ausfiel als in früheren Jahren. Mit Zahlen aus dem Jahr 2018 hatte die Behörde zuvor für Tempo 130 ein Einsparpotenzial von 1,9 Millionen Tonnen CO2 errechnet. Bei dieser Zahl wäre auch die Menge einsparten Kraftstoffs entsprechend höher.

Das Signal

Weder Sprit noch Atomstrom kann Gas unmittelbar ersetzen, aber beide können entlasten. Denn Gas wird verstromt; Strom aus Gaskraftwerken hatte im ersten Quartal 2022 einen Anteil von 13 Prozent. Und vereinzelt kann Erdöl Gas ersetzen, sowohl in der Industrie als auch in sogenannten bivalent befeuerbaren Gaskraftwerken. Beides würde eine Gas-Knappheit, wenn sie kommt, nicht beenden. Aber Habeck hat ja bereits argumentiert, in der aktuellen Situation helfe "jede Kilowattstunde".

Unabhängig vom Einsparpotenzial wären beide Maßnahmen zudem ein deutliches Signal an Wirtschaft und Verbraucher. "Solange wir kein Tempolimit auf den Autobahnen haben, meint es die Politik meines Erachtens nicht richtig ernst mit der Reduktion des Energieverbrauchs", sagte Energiespezialist Bruno Burger im "Klima-Labor" von ntv. Ein Tempolimit und eine Laufzeitverlängerung würden sehr vielen Menschen sehr deutlich vor Augen führen, wie wichtig es jetzt ist, Energie zu sparen.

(Dieser Artikel wurde am Montag, 18. Juli 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen