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"Eine Art Fundamentalisierung" Lammert beklagt Shitstorm-Debatten

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Ex-Bundestagspräsident Lammert will die Auswüchse der sozialen Medien erforschen lassen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Hass, Häme, Hetze - davon quillt das Internet über. Die Auswirkungen auf Streitkultur untersucht jetzt die Konrad-Adenauer-Stiftung. Ihr Vorsitzender Lammert spricht von sozialen Medien vorzugsweise in Anführungszeichen. Und warnt zugleich davor, die Online-Pöbler zu überschätzen.

Der frühere Bundestagspräsident Norbert Lammert hat die Kompromisslosigkeit und den Absolutheitsanspruch bei Debatten in sozialen Netzwerken kritisiert. "Wir erleben eine Art von Fundamentalisierung, die die eigene Meinung zunehmend als die einzig mögliche darstellt", sagte der heutige Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin. Für die eigene Position würden "Wahrheitsansprüche" erhoben, sie werde zum "Ausdruck des wahren Volkswillens" erklärt, andere Meinungen würden im Ergebnis ausgeschlossen.

"Die für Demokraten eigentlich selbstverständliche Relativierung der eigenen Position geht in den Auseinandersetzungen der - in Anführungszeichen - sozialen Medien zunehmend verloren", sagte der CDU-Politiker. Lammert stellte ein längerfristiges Forschungsprojekt der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) vor, das den Wandel der Sprach- und Debattenkultur durch die sozialen Netzwerke untersuchen soll.

Eine Folge der zunehmenden Neigung zu Zuspitzung, Übertreibungen, Fundamentalisierung und rhetorischen Überbietungswettbewerben sei, dass Sachargumente kaum noch wahrgenommen würden, kritisierte Lammert. "Es muss entertainig sein, es muss spektakulär sein, es muss schräg sein. Und je schräger, je entertainiger, je irrer es ist, desto sicherer ist die Berichterstattung."

Lammert warnte zugleich vor einer "Hysterisierung". Diese könne zu einer Überschätzung von Fehlentwicklungen in der Debattenkultur führen. Auch bestehe die Gefahr, dass die Auseinandersetzung über Stilfragen "zu einer Ersatzhandlung für die Verweigerung von inhaltlichen Auseinandersetzungen führt". Dies sei ebenfalls nicht wünschenswert.

Online-Hetzer: Eine lautstarke Minderheit

Deutlich wurde, dass nur eine kleine, aber lautstarke Minderheit für die von Lammert beklagten Entwicklungen in Online-Diskussionen verantwortlich ist. Nach Darstellung von Sabine Pokorny, die bei der KAS die Sozialforschung koordiniert, nutzen nur etwa 35 Prozent aller Wahlberechtigten Facebook. In einer repräsentativen Befragung habe etwa die Hälfte davon angegeben, Kommentare zu schreiben. Politische Kommentare schrieben demnach sogar nur 12 Prozent dieser 35 Prozent, also etwa 4,2 Prozent der Wahlberechtigten.

Analysen kommen zu dem Ergebnis, dass es bei Facebook eine große schweigende Mehrheit gibt. Eine Untersuchung der KAS belegt dieses Muster auch für den Bundestagswahlkampf 2017 auf den Facebook-Seiten von CDU, SPD und AfD: "Es gibt wenige, die sehr viel schreiben. Aber die Mehrheit kommt nur gelegentlich vorbei, schreibt etwas und verschwindet wieder", erläuterte Viola Neu die Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Auch die Videoplattform Youtube, wo Rezo mit einem Anti-CDU-Video für Furore gesorgt hat, spielt laut Neu in der politischen Meinungsbildung kaum eine Rolle. "Youtube ist bislang ein Medium, in dem die Politik so gar nicht stattfindet." Auf welche sozialen Medien die Parteien ihr Augenmerk richten sollen, ist der Wissenschaftlerin zufolge kaum zu sagen. Die Nutzerpräferenzen änderten sich ständig. "Was heute noch in ist, ist morgen schon out."

Quelle: n-tv.de, mau/dpa

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