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"Putins Beliebtheit wird bald sinken" Meinungsforscher zum Erfolg des Kremlchefs

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picture alliance / dpa

Wie denken die Russen 70 Jahre nach Kriegsende über Deutschland? Wie reagieren Sie auf Merkels Absage zum 9. Mai? Und warum ist Putin so beliebt? Denis Wolkow arbeitet beim Levada-Zentrum in Moskau, das als einziges unabhängiges Meinungsforschungsinstitut in Russland gilt. Der Soziologe gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen. Und er verrät, warum Putin sogar auf Militäreinsätze angewiesen ist.

n-tv.de: Wegen des Ukraine-Konfliktes haben viele Staatschefs ihre Teilnahme für die Siegesfeier am 9. Mai in Moskau abgesagt. Wie steht es um das Verhältnis der Russen zum Westen?

Denis Volkov: Das Verhältnis zur Europäischen Union hat sich seit Beginn des Konflikts dramatisch verschlechtert. Jahrelang haben etwa 60 bis 70 Prozent der Russen das Verhältnis zur EU positiv bewertet. Zurzeit schätzen 70 Prozent der Menschen die Beziehungen als negativ bis sehr schlecht ein. Auch gegenüber den USA zeigt sich ein Stimmungswandel. Das Verhältnis war nie so gut wie mit der EU, in den vergangenen zwölf Monaten ist es jedoch noch schlechter geworden. Mehr als 80 Prozent der Russen bewerten die Beziehung negativ, nur gut 10 Prozent positiv.

Wie steht es speziell um die deutsch-russischen Beziehungen?

Was Deutschland betrifft, führen wir weniger aktiv reguläre Umfragen durch. Grundsätzlich haben die meisten Russen das Verhältnis zu Deutschland immer positiv wahrgenommen. Die Deutschen galten lange Jahre als wichtigster außenpolitischer Partner. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich dies durch den Konflikt in der Ukraine etwas verändert. Deutschland zählte nach Weißrussland und Kasachstan immer zu den drei wichtigsten Ländern. Jetzt hat China Deutschland überholt. Dennoch werden die Deutschen weiterhin als wichtiger Partner gesehen. Die Russen sehen in Angela Merkel die führende politische Figur und in Deutschland das einflussreichste Land in der EU. Das resultiert vor allem daraus, dass im Fernsehen oft Bilder gezeigt werden, auf denen sich Wladimir Putin intensiv mit Merkel unterhält. Der größte Feind für die Russen ist Barack Obama.

Merkel kommt erst am 10. Mai nach Moskau, ihre Teilnahme an der Siegesfeier am 9. Mai hat sie abgesagt. Wie kam das bei den Russen an?

Das bettet sich ein in die generelle negative Stimmung. Diese ist durch Merkels Absage bisher nicht weiter verschlechtert worden. Die russischen Medien beeinflussen die Meinung der Menschen in hohem Maße. Es hängt daher davon ab, wie das Thema in der Presse kommentiert wird. Entweder es wird sehr betont, dass Merkel nicht in Moskau ist. Oder es wird darauf hingewiesen, dass sie am 10. Mai kommt und mit einem Kranz die Opfer des Großen Vaterländischen Krieges würdigt (Zweiter Weltkrieg; Anmerkung der Redaktion). Wie das am Ende wahrgenommen wird, wissen wir noch nicht. Bei den russischen Medien gibt es keine freien journalistischen Entscheidungen, weil sie staatlich gesteuert sind. Deshalb wird die veröffentlichte Meinung am Ende so ausfallen, wie es die russische Regierung will.

Hat sich die Bedeutung des 9. Mai seit der Wiederwahl Putins 2012 verändert?

Aus der Sicht der russischen Bevölkerung war und ist es einer der wichtigsten Feiertage. Seit Mitte der 90er Jahre nutzen die Herrschenden den Tag stärker als zuvor für die Legitimation ihrer Macht. Vor dem Hintergrund des Ukraine-Konflikts nimmt die russische Regierung den 9. Mai als Bestätigung und als Feier des Erfolgs, dass die Krim wieder an Russland angegliedert worden ist. Die Russen sehen die Ukraine nicht als Konflikt, an dem Russland beteiligt ist. Aus der Sicht vieler Menschen ist Russland da allenfalls mit der Lieferung humanitärer Hilfsgüter beteiligt. Deswegen weigert man sich darüber zu diskutieren, ob es eine militärische Unterstützung gibt. Dennoch hat der 9. Mai in diesem Jahr eine zusätzliche Bedeutung. Der Tag soll der Welt zeigen: "Wir haben 1945 den Faschismus bezwungen, jetzt sind wir wieder da. Wir sind eine Weltmacht."

Was ist das Erfolgsgeheimnis für die hohe Beliebtheit Wladimir Putins?

Putins Zustimmung ist ja nicht zum ersten Mal so hoch. Wenn man auf die Umfragen seit 1999 zurückschaut, als er zum ersten Mal Präsident wurde, lassen sich vier Höhepunkte erkennen. Nach den Anschlägen auf russische Wohngebäude und dem Tschetschenien-Krieg 1999, vor der Wiederwahl Putins 2004, im Georgien-Krieg 2008 und nach der Krim-Annexion 2014. Die Zustimmungsraten gingen fast immer dann nach oben, also über 85 Prozent, wenn es einen militärischen Konflikt gab.

Gab es auch Zeiten, in denen Putin schlecht dastand?

Zwischen 2010 und 2014 gingen die Umfragen nach unten. Die Beliebtheit von Putin rutschte bisweilen auf 60 Prozent. Dafür war nicht nur eine ökonomische Krise verantwortlich. Es fehlte an Ereignissen, die Putins Popularität wieder steigern konnten. Selbst die Olympischen Spiele in Sotschi hatten kaum einen Effekt. Erst die Annexion der Krim hat etwas bewirken können. Die Russen sehen darin die Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit. Dazu kommt das Gefühl: Russland ist wieder eine Weltmacht. Das hat eine riesige Euphorie ausgelöst und den Zukunftsoptimismus der Menschen erheblich in die Höhe getrieben.

Haben Sie eine Prognose, wie sich Putins Reputation weiter entwickelt?

Putin ist der Architekt, an dem alles festgemacht wird. Aber mittelfristig wird es für ihn schwierig sein, seine Beliebtheit auf diesem Niveau zu halten. Seine hohe Popularität hält bereits mehr als ein Jahr lang an. Wie schon 2008 werden die Werte deshalb bald wieder fallen. Die ökonomischen Fragen sind zu erheblich und werden zwangsläufig wieder stärker in den Blickpunkt geraten.

Mit Denis Volkov sprach Christian Rothenberg

Quelle: n-tv.de

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