Politik

Angela Marquardt im Interview "Mit den Verhältnissen brechen"

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Angela Marquardt und Manfred Bleskin im Gespräch.

Einst war sie das Enfant terrible der PDS, nun ist die Greifswalderin mit der Punkfrisur Mitglied der SPD. n-tv sprach mit ihr über die Chancen von Rot-Rot-Grün und den aufrechten Gang.

n-tv.de: Die SPD-Basis hat den Koalitionsvertrag angenommen, aber die politische Praxis weicht dann doch manchmal sehr vom Vertragstext ab. Eine Prognose sagt, 2017 kommen SPD, LINKE und Grüne jeweils auf 15 Prozent. Dann reichte es nicht mehr für eine Alternative links von der Mitte, weil die SPD noch mehr verlieren würde als nach der letzten Großen Koalition.

Angela Marquardt: Wir alle wissen nicht, was in den nächsten vier Jahren passiert. Wir beide wissen nicht, ob die Linkspartei in Richtung fünf oder 15 Prozent geht. Oder die Grünen auf fünf oder zwanzig Prozent kommen. Für die SPD gilt dies analog. Die Herausforderung besteht darin, in den nächsten vier Jahren deutlich zu machen, wohin die SPD will, was ihr Ziel ist. Gleichzeitig muss die SPD aber auch die Grenzen aufzeigen, die sich aus einer Großen Koalition ergeben. Das ist schwierig: Einerseits Grenzen aufzeigen, andererseits regieren. Ich denke aber, dass es möglich ist.

Verändern zu wollen ist noch schwieriger.

Sicher, verändern ist noch schwieriger. Aber wenn wir den Mindestlohn bekommen, gibt es für viele Menschen eine positive Veränderung.

Von Seiten der SPD heißt es, die Linke müsse sich ändern, um auf Bundesebene koalitionsfähig zu sein. Was müsste sich

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Andrea Marquardt ist seit 2008 Mitglied der SPD. Sie ist Mitarbeiterin von Andrea Nahles.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

bei der Linkspartei, aber vielleicht auch bei der SPD ändern?

Es steht mir nicht zu, darüber zu befinden, was sich bei der Linkspartei ändern muss.

Der Austritt aus der NATO wäre doch ein Thema.

Ja, das wäre ein Thema. Aber lassen Sie mich es breiter fassen. Mich hat schon immer die Sektiererideologie gestört. Das war auch einer der Gründe, warum ich 2003 die PDS verlassen habe. Nun ist die Linkspartei eine andere Partei als die PDS, aber in Teilen der Partei finden Sie so etwas immer noch. Das ist nicht meins! Auf der Grundlage einer solchen Sektiererideologie, wie sie von Teilen der Linkspartei vertreten wird, können Sie nicht regieren, gleich ob auf Bundes- oder Landesebene. Diese Ideologie zieht Forderungen wie den Austritt Deutschlands aus der NATO oder die europaweite Enteignung der Banken nach sich. Mir geht es darum, dass sich ideologisch etwas bei der LINKEN ändern muss. Eine solche Veränderung führt dann auch zu inhaltlichen Veränderungen. Wie Sie sicher wissen, gibt es da auch schon Bewegung innerhalb der Linkspartei. Ich diskutiere seit Jahren mit Vertreterinnen und Vertretern der Linkspartei über Inhalte: die Bürgerversicherung, zum Beispiel, über die Außenpolitik, über Partizipation und Demokratie, über Volksentscheide, über Sozialpolitik. In solchen Diskussionen kann man Trennendes wie Gemeinsames definieren. Ich schaue mehr auf die Gemeinsamkeiten. Mir ist es lieber, einmal eine rot-grüne oder meinethalben auch eine rot-rot-grüne Koalition zu haben als eine Große Koalition. Und natürlich muss sich in diesem Prozess auch in der SPD etwas verändern. Ich kann aber jeden verstehen, der – aus historischen Gründen – etwas gegen die Linkspartei hat. Ich habe die PDS auch deshalb verlassen, weil ich nicht mehr darüber diskutieren wollte, ob die DDR ein guter Staat war oder nicht. Die DDR ist zu Recht untergegangen. Punkt! Ich bin zu jung, um mich ständig mit der Frage auseinanderzusetzen, was in der DDR schlecht oder was gut war. Ich habe diese Frage für mich beantwortet. Nichts.

Ich will lieber darüber diskutieren, wie wir 2017, 2020, 2030 leben wollen, wie dann die Gesellschaft gestaltet sein muss.

Lassen Sie mich noch dies sagen: Wenn ich im Bundestag Besuchergruppen von 16-, 17-Jährigen betreue, stelle ich fest, dass für sie die Linkspartei Teil des politischen Systems ist. Man kann die Linkspartei kritisieren. Man kann aber auch in der SPD dafür werben, sich einem kritischen Dialog mit ihr und auch den Grünen zu öffnen. Ob dann am Ende daraus eine Koalition entsteht, ist zurzeit völlig irrelevant.

Sie zitieren an einer Stelle Franz Liszt: Glücklich, wer mit den Verhältnissen zu brechen versteht, ehe sie ihn gebrochen haben. Was meinen Sie damit?

Das ist der Spruch, den ich für mein Leben gefunden habe. Ich habe ja eine nicht gerade gradlinige Biografie. Als ich die PDS verlassen habe, war das ein nicht einfacher Schritt für mich. Aber auch mein Leben in der DDR bis zum achtzehnten Lebensjahr war nicht ohne Brüche. Ich hatte Erlebnisse, die mich sehr verändert haben, negative wie positive.

Nennen Sie mal ein negatives und ein positives!

(Lacht.) Für mich war stets wichtig, dass Menschen in Situationen, in denen sie zerbrechen können, eben nicht zerbrechen. Auch aus komplizierten Situationen wollte ich immer aufrecht rauskommen.

Mit Angela Marquardt sprach Manfred Bleskin

Quelle: ntv.de