Politik

Interview mit Jonathan Mann "Natürlich kann Trump Clinton schlagen"

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(Foto: AP)

Hillary Clinton hat ein Problem, sagt der CNN-Journalist Jonathan Mann. Sie ist eine Kandidatin der Kontinuität. Doch die Wähler in den USA wollen einen politischen Bruch.

n-tv.de: Wie hat Donald Trump, ein politischer Außenseiter, es geschafft, so viele Anhänger zu mobilisieren?

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Jonathan Mann moderiert auf CNN International, immer montags um 11.00 Uhr, die Sendung "Political Mann".

(Foto: CNN)

Jonathan Mann: Das fragt sich die Republikanische Partei auch. Die Antwort lautet, es ist die Wut vieler Wähler. Für diese Wut gibt es Gründe: die Deindustrialisierung der Vereinigten Staaten; die Tatsache, dass viele Männer über 40 keinen Job mehr finden; das Gefühl, dass die USA nicht wissen, wie sie auf die Bedrohung des islamistischen Terrorismus reagieren sollen. In diesem Wahlkampf sind Außenseiter erfolgreich: Donald Trump bei den Republikanern, Bernie Sanders bei den Demokraten. Die beiden Parteien erinnern an Flugzeuge, die gekapert wurden – nur dass die Entführung mit Zustimmung der Passagiere geschah, weil die nicht mehr damit einverstanden waren, wohin die Reise geht.

Die Umfragen sprechen derzeit zwar für Hillary Clinton. Aber wie kann sie die Wahl gewinnen, wenn die Wut so groß ist?

Egal, was Hillary Clinton auch macht, sie ist eine Kandidatin der Kontinuität. Die Öffentlichkeit kennt sie seit Jahrzehnten, sie war Mitglied der Regierung von US-Präsident Barack Obama. Auch wenn Obama derzeit sehr gute Umfragewerte hat: Sie kann nicht so tun, als komme sie von außen. Die Anhänger von Bernie Sanders, die sie auf ihre Seite ziehen muss, wollen aber einen echten Bruch in der amerikanischen Politik. Für ihren Wahlkampf ist das ein Problem.

Trump hat viele ungewöhnlich ergebene Anhänger. Zugleich ist er bei den Wählern in den USA so unbeliebt wie kein Kandidat vor ihm, seit entsprechende Umfragen erstellt werden.

Das ist wirklich verblüffend. Es lag auch an den vielen Bewerbern bei den republikanischen Vorwahlen. Wer in einem so großen Kandidatenfeld die Leidenschaft einer engagierten Minderheit weckt, setzt sich durch. Deshalb sind die Republikaner jetzt so nervös, deshalb sind die Demokraten so zuversichtlich, wenn auch auf eine zurückhaltende Art und Weise. Bei einer Minderheit der Wähler ist Donald Trump extrem erfolgreich, bei einer klaren Mehrheit jedoch sehr unbeliebt. Einige Leute sagen, dass es auf eine sehr deutliche Niederlage für die Republikaner hinausläuft. Dann wird man Donald Trump die Schuld dafür geben.

Allerdings haben Experten schon im vergangenen Jahr nach jeder Beleidigung, die von ihm kam, Trumps Niederlage vorausgesagt. Kann er Hillary Clinton wirklich nicht schlagen?

Doch, er kann sie schlagen. Trump hat schon oft Erwartungen nicht erfüllt, und vielleicht passiert genau das auch im Herbst. Er verkörpert die Wut und den Wunsch nach einem Bruch mit der Regierungspolitik. Es gibt viele Menschen in den USA, die sehr wütend sind. Er hat in den Umfragen verloren und seine Beliebtheitswerte sind auf einem historischen Tief. Aber es sind noch vier Monate bis zu den Wahlen. Alle möglichen Ereignisse könnten noch Auswirkungen auf Hillary Clintons Wahlchancen haben. Das FBI und das Justizministerium prüfen den Vorwurf, sie habe in ihrer Zeit als US-Außenministerin widerrechtlich ein privates E-Mail-Konto genutzt. Es könnte einen Terroranschlag geben, der die Wähler dazu bewegt, Trumps Politik für erfolgversprechender zu halten. Es könnte einen Wirtschaftsabschwung geben, auch dafür ist noch genug Zeit. Clintons Sieg ist keineswegs sicher. Zumal ihre Beliebtheitswerte fast genauso schlecht sind wie die von Donald Trump. Die Wähler mögen beide Kandidaten nicht.

Zugleich sind die USA ein gespaltenes Land.

Das Klima in den Vereinigten Staaten ist immer stärker polarisiert – zwischen den Anhängern der beiden Parteien, zwischen Weißen und Minderheiten und auf vielen anderen Ebenen. Die Menschen sind wütend, sie sind nicht in der Stimmung für Kooperation. In einer Demokratie muss eine solche Stimmung zum Zusammenbruch führen.

Nach dem Anschlag auf einen Schwulenclub in Orlando hat Trump signalisiert, dass er sich Gesetze zur Kontrolle von Schusswaffen vorstellen kann. Seine Haltung zu Abtreibungen war in der Vergangenheit nicht so strikt, wie es unter Republikanern üblich ist. Und er scheint das Konzept des Sozialstaats nicht grundlegend abzulehnen. Ist Trump überhaupt ein Republikaner?

Einige Republikaner sagen, Trump sei keiner von ihnen. Vor allem konservative Republikaner sehen das so. Traditionell stehen Republikaner für den freien Markt, für eine starke Rolle des Staates in der Verteidigung der Moral, wie Republikaner sie verstehen, und für eine starke Rolle der USA in der Welt. Trump will nicht, dass die USA eine starke Rolle spielen, er möchte, dass Verbündete wie Deutschland die Last ihrer Verteidigung allein tragen. Die Homo-Ehe ist kein Thema für ihn. Freien Handel lehnt er ab, er will die internationalen Handelsbeziehungen der USA sehr viel stärker reglementieren. Trump führt die Republikaner in eine neue Richtung – hin zu einem Populismus, der inhaltlich vage ist und stark auf Donald Trump als Persönlichkeit basiert. Trump-Anhänger wählen nicht eine bestimmte Politik, sie wählen Trump. Das war in der Republikanischen Partei früher anders.

Würde Trump die Nato auflösen und gute Beziehungen mit Putin und Nordkorea pflegen?

Es ist schwer, Donald Trump zu interpretieren, denn seine Äußerungen sind meist improvisiert. Er widerspricht sich häufig, er streitet ab, Dinge gesagt zu haben, die er gesagt hat. Mit Blick auf Nordkorea oder Russland habe ich nicht die leiseste Ahnung, was von ihm zu erwarten wäre. Trump hat gesagt, er würde Kim Jong-un einladen und ihm einen Olivenzweig reichen, aber ich weiß nicht, wohin das führen soll und wie lange er an einer solchen Politik festhalten würde. Normalerweise verändern Wahlen nicht viel an der US-Außenpolitik. Trump könnte die Ausnahme zu dieser Regel werden. Aber es ist nicht vorhersehbar.

Ted Cruz hat Trump in einer Wutrede vor den Vorwahlen in Indiana als "Narzisst" bezeichnet, als "pathologischen Lügner", "der den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge nicht kennt". Wie berichtet man als Journalist über einen solchen Politiker?

Politik ist wie ein Spiel, dessen Regeln im Großen und Ganzen von allen akzeptiert werden, die daran beteiligt sind. Wenn einer der Mitspieler alle Regeln bricht, dann ist es für die anderen schwierig, sich an die neue Situation anzupassen. So war es mit Trump. Er arbeitet mit Andeutungen und streitet dann ab, diese Andeutung so gemeint zu haben, wie sie verstanden wurde. Normalerweise ist es Menschen peinlich, wenn sie der Lüge überführt werden. Aber unter Trumps Anhängern ist die Überzeugung verbreitet, dass ohnehin alle Politiker lügen. Ihnen macht es nichts aus, wenn Trump bei einer Lüge erwischt wird. Die andere Annahme ist, dass die Medien lügen. Vorwürfe gegen Medien gehören seit langer Zeit zum politischen Repertoire der Republikaner. Sie glauben, sie werden aus der Berichterstattung ausgeschlossen. Trump ist der lauteste Vertreter dieser Sichtweise. Er hat Reporter ekelhaft und unehrlich genannt. Die Medien haben also zwei Probleme mit ihm: Erstens sagt er wilde Sachen, auf die man ihn kaum festnageln kann. Und zweitens ist es seinen Anhängern egal, wenn wir es doch schaffen.

Mit Jonathan Mann sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de