Politik

"Vasallenstaat" der USA? Nordkorea droht den Deutschen

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Drohungen gegen Deutschland: Kim Jong Un (erste Reihe, M.) herrscht über ein hochgerüstetes, verarmtes Land (Archivbild).

(Foto: REUTERS)

In Pjöngjang regiert die blinde Wut: Nach den USA gerät Deutschland ins Visier aggressiver Verbalattacken aus Fernost. Nordkorea warnt die Deutschen vor der Aufführung eines bestimmten Kinofilms bei der Berlinale - und leistet sich damit einen peinlichen Fehler.

Im Streit um die Sony-Produktion "The Interview" hat Nordkorea seine Drohgebärden ausgeweitet. Das Regime richtet seine Drohungen nun auch gegen Deutschland und die Berliner Filmfestspiele. Nordkoreas Außenministerium rief dazu auf, die Aufführung bei der Berlinale zu stoppen - was bei den Verantwortlichen in Berlin Verwunderung hervorrief. Denn der seit Wochen im Internet erhältliche Film steht dort gar nicht zur Aufführung an.

Trotz des für die nordkoreanischen Machthaber äußerts peinlichen Versehens muss Festivaldirektor Dieter Kosslick die aggressiven Töne aus Nordkorea ernst nehmen. Schließlich steuern er und die Berlinale damit ungewollt mitten hinein in außen- und sicherheitspolitisch brisantes Terrain.

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Sprach mit dem Botschafter über ein "Missverständnis": Berlinale-Direktor Dieter Kosslick (Archivbild).

(Foto: REUTERS)

Bei dem fraglichen Film handelt es sich um jene Komödie, die seit Wochen im Zentrum eines scharf geführten Streits zwischen dem kommunistisch regierten Nordkorea und den Vereinigten Staaten steht. Formal dreht sich die Kinosatire um ein fiktives Mordkomplott gegen den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un dreht. Die Machthaber in Pjöngjang sehen darin allerdings mehr als nur einen Film. Nordkorea wertet das Werk als nicht hinnehmbare Provokation. Mit erstaunlich vehementen Forderungen bis hin zu unverhüllten Kriegsdrohungen versuchen Vertreter des abgeschotteten Staates, eine Aufführung des Films im Ausland zu verhindern.

"Gnadenlose Bestrafung"

Diese Debatte erreicht nun auch Deutschland: In den Einwürfen aus Nordkorea unterstellten Regimevertreter den Deutschen in einem pauschalen Rundumschlag, sich den "feindseligen Aktionen der USA gegen Nordkorea" anzuschließen. Die Drohungen liegen dabei weit jenseits des diplomatisch üblichen Sprachgebrauchs: Diejenigen, die dabei mitmachten, die "Souveränität und Würde der Volksrepublik (Nordkorea) zu verletzen, werden einer gnadenlosen Bestrafung nicht entgehen", hieß es auf der Internetseite der staatlich kontrollierten nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA.

Eine Reaktion der Bundesregierung lag zunächst nicht vor. Den USA warf ein Sprecher Nordkoreas vor, den Film in einem "seiner Vasallenstaaten unter dem Vorwand zu zeigen, an einem internationalen Filmfestival teilzunehmen". Mit Meinungsfreiheit habe das nichts zu tun.

In den Vereinigten Staaten ist der Film längst ein Politikum auf allerhöchster Ebene: Die Vorfälle rund um die geplante Kinopremiere in den USA - unter anderem waren Hacker in die Computersysteme des Unterhaltungskonzerns Sony eingedrungen und hatten kaum verhüllte Anschlagspläne gegen Kinobetreiber angedeutet - hatten in Washington eine intensive Debatte um Cyber-Attacken aus dem Ausland losgetreten.

Für die US-Politik handelt es sich um einen Präzedenzfall, bei denen die Meinungsfreiheit und die Interessen der freien Wirtschaft gegen die Zensurwünsche eines autoritär regierten Staates verteidigt werden müssten. In Berlin ging Berlinale-Direktor Dieter Kosslick dagegen demonstrativ gelassen auf die Nordkoreaner zu. Das Missverständnis sei nun ausgeräumt, sagte Kosslick nach einem Treffen mit dem nordkoreanischen Botschafter in Berlin, Si Hong Ri. Berlins Regierender Bürgermeister, Michael Müller, reagierte deutlich energischer und wies jede "politische Einmischung" in die Berlinale zurück.

"Das ist der Preis der Freiheit"

Berlins Regierungschef Müller betonte, abgesehen von offensichtlichen Missverständnissen zum Berlinale-Programm, habe jeder das Recht, einen Film zu sehen - egal ob im Kino oder auf Filmfestivals. "Dass das nicht immer jedem gefällt, das ist der Preis der Freiheit", erklärte der SPD-Politiker. Die Machthaber in Nordkorea sind nicht die einzige Stimme, die eine Aufführung unliebsamer Kulturbeiträge in Berlin unterdrücken möchte.

Zuvor war auch aus dem Iran Kritik an der diesjährigen Berlinale-Auswahl mit der Teilnahme des neuen Films "Taxi" von Regisseur Jafar Panahi gekommen. "Die Berlinale gehörte mal zu den drei wichtigsten Filmfestspielen der Welt, verfolgt aber in den letzten Jahren mehr politische Ziele", schrieb das konservative Kulturinstitut Aviny auf seinem Webportal.

Scharfe Töne aus dem Iran

Das zeige sich besonders an der "übertriebenen" Aufmerksamkeit für den in seiner Heimat mit einem Berufsverbot belegten Panahi, hieß es in dem Leitartikel mit dem Titel: "Illegales Taxi fährt nach Berlin". Kosslick und die deutsche Kulturszene dürften sich von so viel Aufmerksamkeit geehrt fühlen. Denn politische Ziele im Sinne grundlegender Menschenrechte sowie der Freiheit von Kunst und Kultur verfolgt die Berlinale nicht erst seit "seit den letzten Jahren".

Wie die Auslandsbeobachter des nordkoreanischen Regimes die Sony-Komödie mit der Berlinale in Verbindung bringen konnten, scheint zwischenzeitlich bereits aufgeklärt. Der deutsche Kinostart von "The Interview" am 5. Februar fällt zufällig mit dem Termin der Berlinale-Eröffnung zusammen. "Das scheint zu dem Missverständnis geführt zu haben", heißt es aus dem Umfeld der Festival-Leitung. Das Festival-Programm 2015 ist öffentlich erst ab 27. Januar zu sehen. Offen blieb zunächst, ob nach den Drohungen aus Nordkorea und dem Iran die Sicherheitsvorkehrungen verschärft werden mussten.

"Illegales Taxi fährt nach Berlin"

Eine Aufführung des Werks sei nie vorgesehen gewesen, stellte Kosslick fest. "Und der Film wurde uns auch nie von Sony angeboten." Auch ein anderes Detail könnte zu dem Missverständnis geführt haben: Wer im Internet "The Interview" und "Berlinale" sucht, findet tatsächlich einen Eintrag. Allerdings handelt es sich dabei um einen gleichnamigen Kurzfilm von Ernest Pintoff, der bereits vor Jahren beim Festival gezeigt wurde.

Mit ähnlichen Drohungen wie nun gegen Deutschland hatte das Regime in Pjöngjang bereits auf den Kinostart von "The Interview" im Dezember in den USA reagiert. Die US-Regierung wirft Nordkorea vor, hinter einer umfangreichen Cyber-Attacke auf das Hollywood-Studio Sony Pictures zu stehen, das den Film produziert hatte. Die US-Regierung hatte daraufhin die Sanktionen gegen Pjöngjang verschärft. Allen Drohungen zum Trotz war der Film zu Weihnachten in US-Kinos angelaufen.

Quelle: ntv.de, mmo/dpa

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