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Wurden Beweise vernichtet? OSZE-Experten untersuchen den Absturzort

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Unprofessionelle Helfer sollen die Leichen der Absturzopfer verpackt haben.

(Foto: AP)

Nach dem Absturz von Flug MH17 herrschen an der ukrainischen Unfallstelle chaotische Zustände. Von mehr als 100 Absturzopfern fehlt weiter jede Spur. Erstmals können Ermittler ungehindert arbeiten, aber ein Teil des Wracks soll schon in Russland sein.

Im Osten der Ukraine hat eine OSZE-Expertengruppe erstmals über längere Zeit den Unfallort der am Donnerstag abgestürzten malaysischen Passagiermaschine untersuchen können. "Wir waren drei Stunden lang an der Absturzstelle und konnten uns freier bewegen als gestern", berichtete eine Sprecherin der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) am Samstagabend aus Donezk. Zuvor hatten sich die Experten über massive Einschränkungen durch bewaffnete Kämpfer der prorussischen Separatisten beschwert.

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Die OSZE-Experten können arbeiten, werden aber auf Schritt und Tritt überwacht.

(Foto: dpa)

Der Einsatz der internationalen Expertengruppe wird von Gefechten zwischen ukrainischer Armee und den Aufständischen in der Region überschattet. "Wir haben Explosionen in der Umgebung gehört", sagte die Sprecherin. Es seien in der Nähe aber keine Schüsse zu hören. "Wenn die Sicherheitslage es zulässt, wollen wir am Sonntag wieder versuchen, Zugang zur Absturzstelle zu bekommen." Augenzeugen hatten zuvor von chaotischen Zuständen am Absturzort berichtet. OSZE-Mitarbeiter beobachteten, wie Leichen der 298 ums Leben gekommenen Passagiere von Unbekannten in Plastiksäcke gepackt und an den Straßenrand geräumt wurden. Erklärungen dafür erhielten die OSZE-Vertreter nicht.

Es ist weiterhin nicht eindeutig geklärt, ob die Boeing wie allgemein vermutet von einer Rakete getroffen wurde. Die USA gehen davon aus, dass Rebellen das Flugzeug in einer Höhe von 10.000 Metern mit einer Rakete abgeschossen haben.

Moskau wirft Westen Stimmungsmache vor

Angesichts des internationalen Drucks auf Moskau warf der russische Vizeaußenminister Sergej Riabkow den USA und dem Westen Stimmungsmache gegen Russland vor. "Die Mitteilungen der Vertreter der amerikanischen Verwaltung sind ein Beweis für eine völlig abwegige Wahrnehmung Washingtons dessen, was in der Ukraine vor sich geht", erklärte Riabkow gegenüber russischen Nachrichtenagenturen. "Trotz des eindeutigen und unbestreitbaren Charakters der von den Rebellen und von Moskau vorgebrachten Argumente, verfolgt die amerikanische Verwaltung ihre eigenen Ziele."

Riabkow warf den "offiziellen Vertretern einiger Staaten" in der Erklärung zudem vor, "sich eifrig zu bemühen, ihre Versionen der Katastrophe zu verbreiten und damit sogar den Ablauf der Untersuchung zu beeinflussen". Der russische Vizeregierungschef Dmitri Rogosin kritisierte, dass Washington bereits festgestellt habe, wer "schuldig ist, bevor die Untersuchung der Katastrophe beginnt".

Nach Angaben von US-Präsident Barack Obama sind "sehr wahrscheinlich moskautreue Kräfte" verantwortlich. Die Boden-Luft-Rakete, die das Flugzeug abgeschossen habe, sei aus einem von prorussischen Separatisten kontrollierten Gebiet abgefeuert worden, sagte Obama am Freitag.

Suche gestaltet sich schwierig

Von mehr als 100 Absturzopfern fehlte auch zwei Tage nach dem Unglück weiter jede Spur. Bislang seien 186 Leichen geborgen worden, teilte der staatliche ukrainische Rettungsdienst am Samstag mit. Die Suche nach den übrigen Opfern gestalte sich sehr schwierig, da die Wrackteile über etwa 25 Quadratkilometer verstreut seien.

Auch Deutschland beteiligt sich an der Bergung und Identifizierung der Opfer. Zwei Fachleute des Bundeskriminalamtes reisten dafür in die Ukraine. Ein BKA-Sprecher sagte, sie wollten sich in Kiew mit einem größeren Team von Identifizierungsexperten treffen und das weitere Vorgehen besprechen. Sowohl der genaue Einsatzort als auch die Führung der Mission müssten noch geklärt werden. Der russische Außenminister Sergej Lawrow sprach sich für die Einbindung der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) in die Untersuchung ein. Das teilte das Außenministerium in Moskau am Samstag nach einem Telefonat Lawrows mit dessen US-Kollegen John Kerry mit. Beide Minister hätten betont, dass der Flugschreiber den Behörden übergeben werden müsse.

Die ukrainische Regierung warf den prorussischen Separatisten vor, am Absturzort Beweismaterial zu vernichten. Die Aufständischen wollten mit Lastwagen Wrackteile über die russische Grenze bringen, hieß es in einer am Samstag in Kiew veröffentlichen Mitteilung. Die Separatisten versuchten, "Beweise ihrer Mitwirkung an dem Unglück vertuschen". Zudem hätten die militanten Gruppen 38 Leichen von der Absturzstelle in die Großstadt Donezk gebracht. Die Separatisten bestritten dies.

Merkel und Putin im Kontakt

Bundeskanzlerin Angela Merkel telefonierte am Samstag mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Merkel und Putin seien sich einig, dass es rasch ein direktes Treffen der Kontaktgruppe aus Vertretern der Ukraine, Russlands und OSZE mit den Separatisten geben müsse, um eine Waffenruhe zu vereinbaren, teilte der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter in Berlin mit. US-Präsident Obama telefonierte am Freitag mit Merkel, dem britischen Premierminister David Cameron, Polens Premierminister Donald Tusk und Australiens Premierminister Tony Abbott, wie das Weiße Haus mitteilte. Alle fünf Politiker sprachen sich für eine schnelle internationale Untersuchung aus, um die Hintergründe des Absturzes zu klären. Großbritannien forderte die EU auf, ihre Haltung gegenüber Russland zu überprüfen. Darin sei sich Premierminister David Cameron mit seinem niederländischen Amtskollegen Mark Rutte einig, teilte die Regierung in London nach einem Telefonat der Regierungschefs mit. Die EU hatte ihre Sanktionen gegen Moskau kürzlich verschärft. Noch richten sie sich aber nicht gegen ganze russische Wirtschaftszweige.

Quelle: ntv.de, ppo/dpa/AFP/rts